Serie "Tatorte"

Mord an Millionärsgattin: Täter gefasst – Motiv ungeklärt

Sundern, Höveler Knapp 1978: Kriminalisten suchen nach einem Span, der bei der Tat vom Revolver des Täters abbrach.

Foto: Archiv/Gabriele Schulz

Sundern, Höveler Knapp 1978: Kriminalisten suchen nach einem Span, der bei der Tat vom Revolver des Täters abbrach. Foto: Archiv/Gabriele Schulz

Sundern-Langscheid.   Ein Mord an einer Millionärsgattin machte den Höveler Knapp an der Sorpe zu einem Tatort. Der Täter wurde gefasst. Die Motive wurden nie geklärt.

Die Zeit verwischt Spuren. Thomas Zimmermann irrt über den Höveler Knapp und sucht Orientierung. „Das sieht heute alles anders aus hier“, sagt er. Dort, wo er vor 40 Jahren als Mitarbeiter dieser Zeitung Zeuge der ersten Ermittlungen vor Ort nach einem der spektakulärsten Mordfälle der Sorpe-Region war, hat der Sturm Kyrill vor elf Jahren eine große Schneise in den Wald geschlagen. Die genaue Stelle, an der am 26. August 1977 eine ermordete Unternehmergattin aus dem Märkischen Kreis gefunden wurde, kann er nicht mehr ausmachen. Das Waldstück nahe des Schlosses Melschede bleibt ­dennoch auf ewig mit einem grausamen Verbrechen verbunden.

Mord an Unternehmer-Gattin in Sundern

Tatort Sundern
Mord an Unternehmer-Gattin in Sundern

Tote lag 400 Meter von ihrem Jaguar entfernt

„Sorpe 1 kommen. Blauer Jaguar gefunden – an der L 544 zwischen Langscheid und Forsthaus Melschede!“ So lautete die Meldung einer Polizeistreife am Nachmittag des 25. August 1977, einem Donnerstag. Seit den Abendstunden des Vortages wurden der Luxuswagen mit Iserlohner Kennzeichen und seine 36-jährige Fahrerin aus Hemer-Deilinghofen fieberhaft im ganzen Sauerland gesucht.

Einen Tag später war alle Hoffnung dahin: 400 Meter entfernt vom Pkw, der im damals so dichten Wald unter Tannen und Farn versteckt war, wurde auch die Leiche der Frau gefunden. Der Höveler Knapp wurde zum Tatort eines schillernden Falles.

Suchtrupps der Polizei kamen kaum voran im Dickicht. Erst ein Hubschrauber bog mit dem Windschub der Rotor­blätter die Zweige der dichten Tannen so weit auseinander, dass der Körper der Frau kurz von den Piloten gesehen werden konnte. Die Mutter von drei Kindern war tot. „Ich habe den Rapport des Gerichtsmediziners gehört“, sagt Thomas Zimmermann (62), damals ein junger freier Mitarbeiter dieser Zeitung. An den Tag erinnert er sich heute noch genau. „Ich bekam einen Anruf vom diensthabenden Redakteur Josef Föhrweißer, mal zur Landstraße zwischen Hövel und Langscheid zu fahren und die Augen aufzuhalten“. Fortan begleitete er diesen Fall.

Monatelange Jagd beginnt

Die Ermittlungen der Mordkommission leitete damals der erfahrene Kripo-Beamte Werner Lohrengel aus Arnsberg. Auch die Polizei aus Sundern war hinzugerufen worden. Als einer der Ersten am Fundort war Klemens Bauerdick. Für den heute 70-Jährigen ein prägender Einsatz: „Es war die erste rechtsmedizinische Untersuchung, die ich miterlebt habe“, erzählt er. So etwas lässt keinen jungen Polizisten unberührt. Später schob er Wache an der Luxus-Karosse des Opfers.

Der frühere Langscheider Ortsvorsteher Hans-Josef Bigge (80) erinnert sich: „Der Fall hat damals für Aufregung gesorgt.“ Auch Renate Runte, Gastronomin am Sorpesee, erlebte das: „Da wurde viel geredet im Ort. Und immer fuhren Autos mit Blaulicht umher.“

Die Ermittler tappten zunächst völlig im Dunklen. Fakt war, dass die 36-Jährige durch Strangulation gestorben war, nachdem sie zunächst mit einem Revolver einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte. Indizien deuteten darauf hin, dass ein rotes Nicki-Tuch, das am Tatort sichergestellt wurde, das Mordwerkzeug war. Recherchen richteten sich auf die verschwundenen Dinge aus dem Auto: Tennis­tasche mit Schläger und Sportkleidung, Handtasche, Geldbörse der Toten und der Jaguar-Schlüssel.

Erste heiße Spur

Bald gab es die erste heiße Spur: Eine vierköpfige Wandergruppe aus Heinsberg hatte einen jungen Mann beobachtet, als er den Jaguar mit Zweigen zudeckte. Er hatte die Wanderer angemault: „Hier ist Privatbesitz“. Ein Autofahrer aus Menden konnte das Bild des Phantoms später ergänzen: Er hatte am Tattag einen Mann in Tenniskleidung mit Tasche von Sanssouci nach Menden mitgenommen. In Lendringsen besuchten beide sogar einen Imbiss und tauschten sich aus. Drei Nächte ging dieser Zeuge dann mit der Mordkommission auf Suche in Diskotheken und Bars. Letztlich verlor sich die Spur am 24. August am Mendener Bahnhof.

Kein unbeschriebenes Blatt

Später wusste man, dass der auf den Phantombildern gesuchte Mann kein unbeschriebenes Blatt war. In seiner Heimat Wilhelmshaven hatte er 1975 ein Schwesternheim überfallen, Schmuck und Geld geraubt und eine 18-Jährige mehrfach vergewaltigt.

Kurz vor seinem Prozess in Norddeutschland trat er die Flucht an. Diese hatte ihn zur Zwischenstation nach Langscheid geführt. Auch im Sauerland bewegte er sich im kriminellen Milieu. Bis Februar 1977 wohnte der Gesuchte an der Sorpe, arbeitete in Menden, in der Diskothek „Tiffany“, und zog dann mit einer Freundin nach ­Witten, wo er als Hausmeister arbeitete. Nach einem Streit, es ging um die weitere Flucht nach Spanien und um seinen angestrebten Eintritt in die Fremdenlegion, um die Vorstrafen zu tilgen, verriet die Freundin der Polizei sein Wittener Versteck. Zielfahnder verhafteten ihn und fanden Beutestücke aus kleinen Diebstählen. Diese stellten eine Verbindung nach Iserlohn her, wo die Kripo den Mann als den auf dem Phantombild Gesuchten erkannte.

Der Verhaftete gestand den Mord nicht, es könne sein zweites Ich gewesen sein, erklärte er gleich in der ersten Vernehmung. Er sei schizophren und wolle sich nur locker unterhalten. Protokolle lehnte er ab. Später gestand er, dass er am Tatort war, den Mord aber nicht mitbekommen habe, da er versucht habe, dass Auto aus dem Schlamm zu befreien. Ein Verwirrspiel, das er auch im Prozess weiterführte.

Motiv blieb in zwei Prozessen unklar

Als am 8. Januar 1979 vor dem Arnsberger Schwurgericht der Prozess gegen den Wilhemshavener begann, wurden 36 Zeugen geladen. Das Medieninteresse war äußerst groß. Prozessbeobachter wie Thomas Zimmermann, der für diese Zeitung vom Schwurgericht berichtete, erinnert sich noch heute an „einen großen Schauspieler auf der Anklagebank“.

Die nur auf sich selbst konzen­trierte Persönlichkeit des Angeklagten, so ein Psychiater damals, könne Niederlagen nicht einstecken. Er habe eine aggressive und überaus misstrauische Grundeinstellung entwickelt, weil er der Überzeugung sei, die Umwelt sei gegen ihn, sie liebe ihn nicht. Das Motiv der Tat bleibt bis heute unklar:

Die Beendigung des Verhält­nisses und das Ende aller „Millionen“-Pläne wurde als Auslöser für den Mord gemutmaßt. Offen ist bis heute auch, wo sich Opfer und Täter kennengelernt hatten: Einmal war es ein Café in Iserlohn, dann ein Gespräch über den Hund der Millionärsgattin auf dem Sorpedamm.

Lockten die Millionen?

Schon 1976 soll der Täter einem Taxifahrer erzählt haben, „ein Spitzenweib mit Geld und Jaguar“ kennengelernt zu haben. Im Prozess sagte ein Freund aus, dass der Angeklagte ihn überzeugen wollte, die Millionärsfrau zu entführen und Millionen zu erpressen. Das Gericht sah Ende Januar 1979 die Schuld des Angeklagten und ­verurteilte ihn zu zwölf Jahren Haft wegen Totschlags. In einer Prozess-Wiederaufnahme Anfang 1981, beide Seiten hatten Revision eingelegt, gestand der junge Mann gleich zu Anfang den Mord. Er erklärte da auch, dass die Getötete vorgehabt habe, ihren Mann zu ermorden. ­Darüber sei es zwischen ihnen zum Streit gekommen.

Letztlich spielte dies in diesem Prozess keine Rolle mehr. Am 5. Februar 1981 wurde der Täter vom Höveler Knapp zu 15 Jahren Haft verurteilt – mit einer anschließenden Sicherheitsverwahrung, da dem Angeklagten eine hohes Maß an Neigung zu erheblichen Straftaten bescheinigt wurde. Einbezogen wurden dabei auch die Vorverurteilungen in Norddeutschland, wo es um Raub, Vergewaltigung und Betrugsdelikte gegangen war.

Aufenthaltsort heute unbekannt

Spuren zum heutigen Aufenthaltsort des verurteilten Mörders mit Allerweltsnamen verlaufen sich. Das Landgericht verweist an die JVA Werl. Dort heißt es, dass der Mann dort nicht mehr in Sicherungsverwahrung sei. Nähere Auskünfte ließe der Täterschutz nicht zu, wenn der Mann ein neues Leben begonnen habe. Die Behörde lösche ohnehin zehn Jahre nach Entlassung die digital gespeicherte Inhaftierten-Daten. Im elektonischen Datensystem der JVA Werl sei er nicht mehr erfasst. Das lässt darauf schließen, dass er schon vor längerer Zeit entlassen worden sein muss, da die JVA Werl inzwischen die einzige NRW-Anstalt für Sicherungsverahrung ist.

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