TATorte

Mord am Kreuztaler Küster: „Er war ein liebenswerter Mensch“

Josef Küster wurde in der Kreuztaler Innenstadt brutal abgestochen. Er starb am 30. Dezember 2004. Ihm zu Ehren lies Pfarrer i. R. Josef Sczyrba in der St. Johannes Kirche Kreuztal eine Gedenktafel anbringen.

Foto: Jennifer Wirth

Josef Küster wurde in der Kreuztaler Innenstadt brutal abgestochen. Er starb am 30. Dezember 2004. Ihm zu Ehren lies Pfarrer i. R. Josef Sczyrba in der St. Johannes Kirche Kreuztal eine Gedenktafel anbringen. Foto: Jennifer Wirth

Kreuztal.   13 Jahre nach dem Mord am Kreuztaler Küster Josef Schulz betet Pfarrer Josef Sczyrba noch immer für ihn. Ein Einblick in das Leben des Opfers im Rahmen unserer Serie TATorte.

Kurz vor 22 Uhr. Der katholische Küster Josef Schulz befindet sich auf dem Heimweg. Der 53-Jährige verlässt das Sportlerheim an der Moltkestraße. Es ist der 30. Dezember 2004: ein Donnerstag, den die Kreuztaler bis heute nicht vergessen haben. Josef Schulz ahnt nicht, dass es sein letzter Spaziergang sein wird, als er in die Straße Im Plan einbiegt. Auf Höhe des Parkplatzes eines Mehrfamilienhauses begegnet er seinem Mörder. Ein Unbekannter sticht mehrfach auf den Mann ein. Er verletzt Schulz so schwer, dass er wenig später stirbt. Seine Hilferufe bringen nichts. Er verblutet.

Unfall verändert Schulz’ Leben

1951 wird Josef Schulz in Goch am Niederrhein geboren. Dort wächst er mit seinen Geschwistern auf, sagt Josef Sczyrba. Sczyrba ist ehemaliger Pfarrer der St. Johannes-Kirche in Kreuztal – dem Ort, wo Josef Schulz bis zuletzt als Küster arbeitete. Sczyrba war einer der wenigen Freunde, die Schulz hatte. Sie trafen sich oft auf einen Wein und redeten viel. Ihre Wohnungen lagen vis-á-vis. „Er wollte Priester werden, hat er mir erzählt.“

In Münster habe Schulz Theologie studiert. Doch ein Unfall durchkreuzte seine Pläne: Schulz wurde angefahren und war fortan gehbehindert. Für das Amt des Priesters kam er nicht mehr in Frage. „Damals gab es viele Bewerber. Sie wollten ihn nicht. Das hat ihm einen Knacks gegeben“, erinnert sich Sczyrba an die Gespräche.

Für Referendariat nach Kreuztal

Doch Schulz gab nicht auf. Er studierte weiter, diesmal Theologie auf Lehramt. Das führte den Mann nach Kreuztal, dort begann er sein Referendariat. „Aber er ist gescheitert und hat es nie fertig gemacht“, sagt der Pfarrer. Der Grund: Josef Schulz, klein und unscheinbar, konnte sich mit seiner Gehbehinderung bei den Schülern nicht durchsetzen. „Sie haben ihn gemobbt. Das gab ihm den zweiten Knacks.“

Der soziale Abstieg folgt. Josef Schulz ist lange arbeitslos, lässt sich hängen. „Er wohnte mit 30 Jahren in einem kleinen Zimmer in Kreuztal“, sagt Josef Sczyrba. Der Pfarrer selbst kommt 1993 zur St. Johannes-Kirche und nimmt den Mann immer wieder in der Kirche wahr. „Doch er lebte immer im Schatten, ist nie aufgefallen“, sagt Sczyrba. Als die Gemeinde im Pfarrbrief auf eine freie Wohnung aufmerksam macht, meldet sich Josef Schulz bei dem Pfarrer. Etwa im Jahr 2000 zieht Schulz ein. „Er hat wieder Mut gefasst. Es ging bergauf“, so der Freund des Opfers.

Schulz besitzt nicht viel, die Gemeinde unterstützt ihn. Er wurde Lektor für die Messen, dann Edelmessdiener und schließlich Küster. „Er hat für mich und die Gemeinde viel Gutes getan“, sagt Sczyrba traurig und ergänzt: „Deshalb hat es auch so weh getan, dass er aus dem Leben gerissen wurde, als er auf dem Weg der Besserung war.“ Schulz sei „sinnlos abgeschlachtet“ worden. „Das ist ganz, ganz furchtbar.“

Der Küster sei sehr belesen gewesen. Sczyrba habe ihn ermuntert wieder zu studieren. „Er war ein liebenswerter Mensch. Er war oft allein und zurückhaltend“, sagt der Pfarrer. Seit dem Umzug von Schulz wohnen die beiden gegenüber und sehen sich oft. Kontakt zu seiner Familie hatte Schulz nicht. „Sie hatten sich überworfen“, so Sczyrba. Besucht hätten sie den Küster nur ein Mal – und bei der Trauerfeier. „Sie saßen brav in der ersten Reihe.“

Beerdigt im Familiengrab in Goch

Beerdigt wurde Josef Schulz im Familiengrab in Goch – anonym. Sczyrba musste einen Friedhofsdiener nach der Ruhestätte fragen. „Ich war schon zwei Mal am Grab und habe Kerzen angezündet“, erzählt Josef Sczyrba, der auch nach dreizehn Jahren noch für den ermordeten Küster betet. „Es tut mir wirklich sehr weh – bis heute. Ich hoffe, dass es aufgeklärt wird und der Täter eine gerechte Strafe bekommt. Ein Leben so zu vernichten, ist doch grausam.“ Damit Josef Schulz nicht vergessen wird, hat Sczyrba eine Gedenktafel in der St. Johannes-Kirche anbringen lassen. „Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Das bedeutet mir sehr viel.“

So erlebte die Redaktion den Mordfall in Kreuztal 

Der frühere Redakteur Otmar Kuhn sowie der freiberufliche Reporter Jürgen Schade schildern, wie sie die Tatnacht kurz vor Silvester 2004 und die Zeit danach erlebt haben.

Otmar Kuhn, 2004 Redakteur in der Stadtredaktion Kreuztal: "Ich hatte Neujahrsdienst in diesem Jahr. Das war einer der spektakulären Fälle meiner aktiven Zeit. Wie genau ich es damals erlebt habe, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Am ersten Januar kam ich in die Redaktion und musste mich erst einmal an das halten, was ich von dem freien Mitarbeiter und der Polizei bekommen habe. Danach gab es eine Pressekonferenz und wir haben nachgeforscht, versucht Hintergründe zu erfahren.

Eine halbe Stunde vor dem Mord wurde auch ein bulgarischer Gastarbeiter erstochen. Es gab auch ein Phantombild, aber niemand passte dazu. Die Konstante war, jedes Jahr um die Weihnachtszeit bei Polizei und Staatsanwaltschaft nachzufragen. Es gab viele Spuren, aber keine verwertbaren. Es wird vermutlich einer der ewig ungeklärten Fälle bleiben, aber unser Anliegen war, immer wieder daran zu erinnern. Heiko Priester von der Kripo sagte einmal: ,Wenn uns nicht der Zufall hilft, werden wir es nie herausfinden.’“

Jürgen Schade, freiberuflicher Reporter und Fotograf: "Ich war ziemlich früh am Tatort. Viel Polizei war zu sehen, zwei Rettungswagen und ein Notarzt. Es war noch nichts abgesperrt, Josef Schulz lag unter einem weißen Laken. Dann wurde die Feuerwehr alarmiert. Die Helfer waren schnell vor Ort und haben das Gelände großräumig abgesperrt. Sie haben den Tatort ausgeleuchtet. Erst dann kam ein Polizist zu uns und hat gesagt, dass dort ein Toter liegt. Zu den Umständen wollte er sich nicht äußern. Wir haben dann auf die Kripo gewartet. Sie hat Spuren genommen und im Laufe der Nacht wurde die Leiche mit einem Leichenwagen abtransportiert. Ich bin gegen zwei Uhr nachts gegangen.“

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