Tatorte

Mord an der Fähre: Wer erstach Johann von der Ruhr?

Dietrich Thier, Historiker und Stadtarchivar in Wetter, erklärt am Ufer der Ruhr die lokalen Zusammenhänge im Mordfall Lackum aus dem Jahr 1590. Dieser geschah an der späteren Overwegbrücke (hier ein Bild aus dem Jahr 1899), die wiederum im Zweiten Weltkrieg gesprengt wurde

Dietrich Thier, Historiker und Stadtarchivar in Wetter, erklärt am Ufer der Ruhr die lokalen Zusammenhänge im Mordfall Lackum aus dem Jahr 1590. Dieser geschah an der späteren Overwegbrücke (hier ein Bild aus dem Jahr 1899), die wiederum im Zweiten Weltkrieg gesprengt wurde

Foto: Stadtarchiv Wetter

Wetter.   1590 trieb eine Leiche in der Ruhr. Gefunden wurde sie von Bewohnern der Freiheit Wetter. Doch wer war der Mörder?

Eine Wasserleiche in der Ruhr. Angeschwemmt im Mai 1590. Gefunden von Bewohnern der Freiheit Wetter. Das ist lange her. Aber spannend. Und zwar sowohl aus kriminalistischer als auch aus gesellschaftlicher Perspektive. Diesen Mord arbeiteten im Sommersemester 2009 Studierende der Ruhr-Universität Bochum in zwei Seminaren auf. Sie analysierten die dazugehörige Reichskammergerichtsakte und befragten auch Wetters Stadtarchivar Dr. Dietrich Thier. Der Historiker der Harkortstadt hat sich den Fall ebenfalls genau angeschaut und kann aus aktuellem Anlass auch Bezüge zur Reformation herleiten.

Die handelnden Personen

Im Mai 1590 wurde die angeschwemmte Leiche eines Hausierers entdeckt, der sich auch als Fährmann betätigte. Bei dem Toten handelte es um Johann von der Ruhr. Als Verdächtiger kam zunächst Jasper von der Ruhr infrage, der mit seiner Mutter Lisa Voß die Fähre von Wetter nach Volmarstein bediente und bei Johann wohnte. Motiv: Die beiden Fährmänner sollen regelmäßig an krummen Geschäften beteiligt gewesen sein, daher habe Jasper Johann mit Messerstichen zum Schweigen bringen wollen. Nach einiger Zeit richtete sich der Verdacht jedoch auf den angesehen Kramer Georg Lackum (genannt Nilken) und seinen 24-Jährigen Sohn Anton, der zum katholischen Priester geweiht worden war. Als Motiv kamen Erbschaftsstreitigkeiten in Frage, da Johann von der Ruhr und die Familie Lackum verwandt waren. Der Vater wurde hingerichtet, der Sohn starb in der Haft.

Die örtlichen Zusammenhänge

Der Fährbetrieb über die Ruhr gehörte damals zu Haus Hove, das auch die Einnahmen erhielt. Lehen hießen diese Abgaben zur damaligen Zeit. Dieser Adelssitz war in Zeiten der Grafschaft Mark bzw. Kleve vergleichbar mit Haus Mallinckrodt oder Werdringen und agierte hier eigenverantwortlich, sagt Thier. Um auf die Volmarsteiner Seite zu gelangen, gab es in Wetter über einen langen Zeitraum zwei Fähren: Im 16. Jahrhundert betrieben neben den Tempelmeiers zum Vorhaller Ufer Lisa Voß und ihr Sohn Jasper von der Ruhr eine Verbindung an der heutigen Overwegbrücke. „Durch die Namensnennung ist klar, dass der Mord mit der unteren Fähre im Zusammenhang steht.“

Die Reformation

Thier empfiehlt, bei der Betrachtung des Indizien- bzw. Injurien-Prozesses auch die gesellschaftlichen Hintergründe zu beachten und auf den Stand der Reformation in Wetter zu schauen. Während die stärkste Ausprägung des religiösen Wandels um 1560 festzustellen war, galt dieser um 1590 als überwunden, meint der Historiker. Im vierköpfigen Rat repräsentierten jeweils zwei Bürger das Dorf Wetter und auch die Freiheit, wo heute noch die evangelisch-reformierte Kirche beheimatet ist, als damalige Verwaltungseinheit. Hier wie dort war der Großteil der Bevölkerung zu jener Zeit protestantisch. Und dann strebte der Lackum-Sohn Anton an, ausgerechnet katholischer Priester zu werden. „Das passte nicht ins damalige Bild und erklärt innergesellschaftliche Auseinandersetzungen“, sagt Thier. Seine These: „Wenn er protestantisch gewesen wäre, hätte man ihn womöglich besser behandelt. So drängt sich fast der Eindruck auf, dass an ihm ein Exempel statuiert werden sollte.“

Die Familien

Die Lackums waren ursprünglich keine Dorfbewohner, sie stammten aus Gedern. Der Krämer Georg mit seinen vielen Beziehungen außerhalb Wetters galt aber als hoch angesehener Bürger, der viele versorgte. Demgegenüber hatte der damalige Droste, Bernd von Romberg aus Unna, als zuständiger Verwaltungsbeamter eher wenig in Wetter zu tun, abgesehen von der Sicherung der Einkünfte für die Grafschaft. Als deren Statthalter war er nicht für Gerichtsurteile zuständig, verhaftete aber Georg und Anton Lackum. Thier sieht eine Befangenheit beim Droste: „Dessen Familie hat die Fährleute auf der Ruhr eingestellt, da kam es gelegen, Jasper aus dem Kreis der Verdächtigen zu entfernen, damit keine Nähe zur Familie Romberg auftreten konnte.“

Die Folter

Auch die Berichte über die vermeintlichen Geständnisse verdeutlichen, dass aus heutiger Sicht die Lackum-Verurteilung höchst zweifelhaft wäre, gab es doch zwei unterschiedliche Versionen. Nur der Vater musste die Tortur über sich ergehen lassen. „Es gab damals keine aufgeklärte Rechtspflege, die hielt in Westfalen erst um 1810 Einzug“, meint der Historiker. Zuvor führten Verantwortliche eher Mutmaßungen und Gottesbeweise an. Beispiel: Ein Täter galt als überführt, wenn er sich einem Verwundeten näherte und die Wunde zu bluten begann. Im Mordfall Lackum waren es nun die möglichen Erbstreitigkeiten, die als Motiv herhalten mussten. „Oft war der erste Gedanke bei einem Mord, dass es ein Nahestehender gewesen sei“, sagt Thier, wobei in diesem Fall keine echten Beweise vorlagen und der Bezug eher über zwei Ecken konstruiert wurde.

Die Folgen

Zum damaligen Gerichtsbezirk gehörten zwei Richtplätze, auf denen Verurteilte nach ihrer Hinrichtung zwecks öffentlicher Abschreckung ausgestellt wurden. Georg Lackum (sein Sohn starb einige Tage später unter ungeklärten Bedingungen in der Haft) kam auf den Marktplatz Boelerheide, der andere Ort befand sich in Haspe. Hier wie dort wurden Todesurteile mit landesweiter Auswirkung vollstreckt, etwa Köpfe abgeschlagen. So wie im Fall Georg Lackum in der Adventszeit im Dezember 1591.

Um die Zurschaustellung des verwesenden Leichnams zu beenden und damit auch die Ehre der Familie wieder herzustellen, strebten die Hinterbliebenen eine nochmalige Untersuchung des Falles durch eine landesfürstliche Kommission an. Im April 1593 gestand Jasper von der Ruhr nach ebenfalls fragwürdigen Methoden, Johann erstochen zu haben, ehe er dies im Juni widerrief. Laut Dietrich Thier gebe dieser Mord mitsamt der Reichskammergerichtsakte „Aufschlüsse über die Mentalitätsgeschichte Wetters, Rückschlüsse auf die Stadtgeschichte sind dagegen an anderer Stelle sichtbarer.“

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