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Niederländer nach Schädelbruch auf Suche nach Erinnerung

Tatort Brilon Wald

Philip Bosma aus den Niederlanden stößt zwischen Brilon und Brilon-Wald etwas Furchtbares zu. Er will wissen, was passiert ist.
-art Do, 02.11.2017, 18.49 Uhr

Tatort Brilon Wald

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Brilon.   Philip Bosma aus den Niederlanden stößt zwischen Brilon und Brilon-Wald etwas Furchtbares zu. Er will wissen, was passiert ist.

Etwas fehlt im Leben von Philip Bosma: Stunden, Erinnerungen. Wie ein Puzzle, aus dem irgendwo ein paar Teilchen gerissen wurden. Philip Bosma quält das. Er möchte wissen, was ihm passiert ist. In den Stunden zwischen dem 30. September und dem 1. Oktober 2015, in den 28 Stunden, als er in Brilon auf sein Klapprad steigt und der Minute, als er von einer Spaziergängerin am Bahnübergang in Brilon-Wald mit zerborstenem Schädel, Blut überströmten Kopf, gebrochenen Rippen und einem Riss im Lungenflügel am Straßenrand liegt – dem Tod viel näher als dem Leben.

Mit einem Klapprad unterwegs

Wurde Philip Bosma von einem Auto angefahren? Wurde er überfallen? Oder ist er – wie die Polizei glaubt – einfach nur gestürzt? Diese glaubt Philip Bosma nicht. „Die Verletzungen sind so schwer und vielfältig, die Strecke ist nicht gefährlich.“ Auch sein Bruder ist überzeugt, dass etwas anderes passiert ist. „Philip ist äußerst ein vorsichtiger Mensch. Er geht einfach keine Risiken ein.“

Philip Bosma steht exakt an der Stelle, an der ihn eine Spaziergängerin vor zwei Jahren abends um 19 Uhr findet. „Da ist nichts, keine Gefühle, weder gute, noch schlechte“, sagt er in sehr gutem Deutsch mit niederländischem Akzent, „Und keine Erinnerung. Die Ärzte haben mir keine Hoffnung gemacht, dass das noch einmal wiederkommt.“

Sehr viel Glück gehabt

Dass Philip Bosma überhaupt zurück kehren kann an den Ort, an dem er beinah gestorben wäre, ist fast ein Wunder. „Alle Mediziner haben mir klar gemacht, dass ich wirklich sehr viel Glück gehabt habe.“ Als Philip Bosma im Krankenhaus zu sich kommt, ist er nicht mehr er selbst. „Ich war wie ein Kind, musste alles neu lernen.“ Heute geht er mit seinem Bruder durch den Wald nahe des Fundortes – in der Hoffnung noch einen Hinweis zu erhalten, was ihm widerfahren ist. Bislang vergeblich.

Es ist ein sonniger Spätsommertag im Sauerland. Philip Bosma macht mit seiner Lebengefährtin Josée Urlaub am Möhnesee. Am 30. September 2015 planen sie einen Ausflug nach Brilon. Mit einem Klapprad macht er sich alleine auf den Weg nach Brilon-Wald. Die Strecke führt über Wanderwege durch den Wald. Mit dem Zug will er später wieder zurück nach Brilon fahren. Seine Lebensgefährtin bleibt in Brilon, setzt sich ins Café und wartet. Philip Bosma hat ein GPS-Gerät dabei, das ihm erleichtern soll, die Route zu finden. Er will an der Möhnequelle vorbei und über Petersborn nach Brilon-Wald radeln. „Meine letzte Erinnerung ist auf der Kreuzung am Poppenberg, wo ich auf meinem GPS-Gerät guckte, wie es weitergehen sollte.“ Was danach geschieht, ist rätselhaft. 28 Stunden später wird der Niederländer gefunden. Sein GPS-Gerät bleibt verschollen.

Blutverkrustungen am Kopf

Als Philip Bosma nicht zurückkehrt, wird seine Freundin unruhig und verständigt die Polizei, die eine Vermisstenmeldung herausgibt. Sie sucht die mögliche Fahrtstrecke ab – ohne Erfolg. Auch die Familie durchkämmt die Gegend. Philip Bosma bleibt verschwunden. Die Spaziergängerin findet den Niederländer abends am 1. Oktober. Er liegt am Straßenrand rechts neben der Bahnbrücke in Brilon-Wald. Neben ihm sein Fahrrad – ohne einen Kratzer. Der Niederländer ist bei Bewusstsein. Sein Gesicht voller verkrustetem Blut.

Irgendwie muss sich Philip Bosma, nachdem er so schwer verletzt wurde, durch die Nacht geschleppt haben. Eine andere Spaziergängerin sieht ihn unweit der Fundstelle rund eine Stunde vorher im Wald. Die Spaziergängerin hält die Blutverkrustungen an Philip Bosmas Kopf für ein großes Feuermal. „Vielleicht haben mich ja auch andere Menschen gesehen – bevor ich verletzt wurde oder auch danach“, hofft Philip Bosma auch heute noch auf Hinweise.

Not-Operation in Kassel

Mit einem Rettungshubschrauber wird Philip Bosma nach Kassel geflogen. Not-Operation. Sieben Stunden. Die Ärzte ringen mit dem Tod. Sie gewinnen. Philip Bosma überlebt. Der losgebrochene Teil der Schädeldecke wird wieder eingesetzt. Philip Bosma wird zwei Tage in künstliches Koma versetzt. Zwölf Tage bleibt er in Kassel. Dann wird er in die Neurologische Abteilung des Arnheimer Krankenhaus verlegt, dann folgt die Reha.

„Am 6. Januar 2016, also nach mehr als drei Monaten, durfte ich endlich nach Hause. Sechs Wochen später wird Philip Bosma erneut operiert. Die Schädelteile, die während der ersten Operation temporär abgelöst wurden, werden vom Körper abgestoßen. „Sie wurden dann endgültig entfernt, so dass ich ein Loch im Schädel hatte. Ich bekam einen Helm aus Kunststoff, um meinen Schädel zu schützen.“ Am 29. August wird Philip Bosma zum letzten Mal operiert. Ein Schädelimplantat aus Kunststoff wird eingesetzt.

Fahrradunfall ohne Fremdverschulden?

Die Polizei schließt die Ermittlungsakte kurz nachdem Philip Bosma gefunden wird. „Fahrradunfall ohne Fremdverschulden.“ Philip Bosma glaubt das nicht. „Irgend etwas muss mich sehr überrascht haben“, ist er sich sicher. Hoffnung setzt er auch auf das verschollene GPS-Gerät. „Vielleicht hat es jemand irgendwann mal gefunden“, sagt er. Denn es könnte Daten erhalten, die wichtig sind, um zu klaren, was dem Niederländer in diesen 28 Stunden widerfahren ist.

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