Tatorte

Tod von Honselaner bis heute nicht aufgeklärt

Staatsanwalt Klaus Neulken zum Tod von Krystian Chrobak

Serie Tatorte: Arnsbergs Staatsanwalt Klaus Neulken äußert sich. Video: Jürgen Kortmann

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Meschede.   1988 wird im Mescheder Ortsteil Heinrichsthal die Leiche eines 28-Jährigen gefunden. Ein Tatverdächtiger setzte sich ab.

„Es gibt eben auch solche Fälle“, sagt der Arnsberger Staatsanwalt Klaus Neulken bedauernd: „Der Täter ist frei — oder inzwischen selbst tot. Wir wissen es nicht.“ Seit 1988 gibt es einen Verdächtigen, der den 28-jährigen Krystian Chrobak getötet haben soll. Wo und ob dieser Mann noch lebt, ist unbekannt. Die Beweise gegen ihn reichten nicht für eine Anklage. 2001 hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ihn endgültig eingestellt. Vielleicht war der Mann auch unschuldig.

Das Opfer

Die Honsel-Werke in Meschede sind ein Schmelztiegel – auch im übertragenen Sinn: Griechen, Spanier, Italiener, Portugiesen, Türken sind unter den Beschäftigten. In den 80er-Jahren kommen auch Polen hinzu. Einer ist Krystian Chrobak (28), der als Strahler in der Kokillenbearbeitung beschäftigt ist.

Seit Dezember 1985 lebte er in Meschede. Nach einem Urlaub in Frankreich war er nicht mehr nach Polen zurückgekehrt. Er gilt bei Honsel als zuverlässiger, stets pünktlicher Arbeiter. Hauptkommissar Karl-Heinz Bartsch, der Leiter der Dortmunder Mordkommission, wird ihn später als Menschen beschreiben, „der relativ zurückgezogen lebte und nach unseren Erkenntnissen nicht sehr weitreichende Kontakte hatte“. Kontakt hält Chrobak, der in Heinrichsthal wohnt, mit den Eltern in Opole in Polen, wo auch eine geschiedene Ehefrau und ein Kind lebten.

Das Verschwinden

Ein Honselaner ist auch der letzte, der Krystian Chrobak lebend sieht: Am Montag, 29. Februar 1988, gegen 22.35 Uhr in Heinrichsthal, Einmündung Heinrichsthaler Straße und Westhof. Eine Tante, die im Raum Meschede lebt, meldet ihn Tage später bei der Polizei als vermisst, nachdem sie erfährt, dass ihr Neffe nicht mehr bei der Arbeit erschienen sei. Die Umgebung wird daraufhin abgesucht, vergeblich: Es hatte mächtig geschneit.

Der Fund

Tauwetter setzt im März ein. Ein Spaziergänger ist am 17. März gegen 17.30 Uhr mit seinem Hund in der Nähe des Obergrabens der Ruhr bei Heinrichsthal unterwegs. Auf dem damaligen Parkplatz der Firma Pilz entdeckt der Hund plötzlich einen Toten. Der Mann liegt unter Schneeresten. Tage zuvor war hier noch ein zwei Meter hoher Schneeberg. Der Tote ist Krystian Chrobak. Er ist nur halb bekleidet.

Die Mordkommission Dortmund nimmt die Ermittlungen auf. Es gibt viele offene Fragen, die auch nicht gelöst werden: Lag der Tote schon seit dem 29. Februar hier unter dem einsetzenden Schnee? Oder wurde er dorthin gebracht? Wo wurde er getötet? Fragen, die nicht geklärt werden können. Vermisst werden seine rote Daunenjacke und seine Adidas-Turnschuhe. Auf der vergeblichen Suche danach wird sogar das Wasser im Obergraben der Ruhr abgelassen. 3000 Mark Belohnung werden für Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens ausgesetzt.

Die Todesursache

Die Todesursache hält die Polizei für die Öffentlichkeit geheim: Das ist Täterwissen, sagt sie. Heute weiß man, Krystian Chrobak ist erwürgt worden: „Tod durch Ersticken nach Erwürgen“, verzeichnet der Obduktionsbericht. Die Obduktion verzeichnet auch eine große Wunde am Hinterkopf: Ob durch einen Sturz oder einen Schlag, ist offen. „Wenn er einen Schlag bekommen hat, dann ist er daran nicht gestorben“, sagt Staatsanwalt Klaus Neulken. Diese Wunde wird aber viele Jahre später noch einmal eine Rolle spielen.

Der Verdächtige

Eine Woche später, am 23. März, wird ein ebenfalls 28 Jahre alter Mann als dringend tatverdächtig verhaftet. Es ist ebenfalls ein Pole. Er und Krystian Chrobak sollen, wie sich herausgestellt hatte, gut bekannt gewesen sein. Sie besuchten gemeinsam Kneipen. Der Mann ist ein abgelehnter Asylbewerber, er ist seit einem Monat arbeitslos. Er lebt in Wennemen – an die Wohnung war er durch die Vermittlung von Krystian Chrobak gekommen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann jetzt Totschlag vor, der Vorwurf könnte noch zum Mord aufgestockt werden. Grund für den Haftbefehl seien deutliche Widersprüche, in die sich der Mann in den Vernehmungen verwickelt habe. Ein mögliches Motiv wird nicht genannt.

Die Entlassung

Der Haftbefehl gegen den Mann wird Ende März wieder aufgehoben. Er kommt aus der Untersuchungshaft frei. Das hat das Landgericht Arnsberg angeordnet. Heute, 29 Jahre nach dem Verbrechen, sagt Staatsanwalt Klaus Neulken beim Blick in die Ermittlungsakten: „Der Haftbefehl beruhte schon auf einer dünnen Indizienkette. Man hatte keine echten Beweise.“

Die Flucht

Die Mordkommission Dortmund verlässt am 1. April Meschede wieder. Für sie ist der Fall „kriminalistisch gelöst“, so damals ihr Leiter Karl-Heinz Bartsch: Der 28-Jährige bleibt für ihn tatverdächtig. Vermutlich um Ostern herum verschwindet der 28-Jährige aus dem Mescheder Stadtgebiet. Zeugen hatten noch gesehen, wie er seinen Hausstand aufgelöst hatte. Er soll sich nach Polen abgesetzt haben, hieß es damals.

Staatsanwalt Klaus Neulken zum Tod von Krystian Chrobak

Serie Tatorte: Arnsbergs Staatsanwalt Klaus Neulken äußert sich. Video: Jürgen Kortmann
Staatsanwalt Klaus Neulken zum Tod von Krystian Chrobak

Das Verfahren gegen ihn wurde wegen Abwesenheit vorläufig eingestellt: Sein Aufenthaltsort war nicht zu ermitteln – „und er durfte ja auch weg“, so Staatsanwalt Neulken.

Die Einstellung

Danach ist mehrere Jahre vollkommen Ruhe. „Dann meldete sich aber 2001 jemand bei der Staatsanwaltschaft“, so Neulken. Eine Anruferin aus Meschede macht darauf aufmerksam, dass sich jemand einen Hockeyschläger beschafft habe, mit dem dieser wiederum einen anderen einschüchtern wolle. Mit diesem Schläger wiederum soll, behauptet sie, damals Krystian Chrokak geschlagen worden sein – eine Erklärung für die Wunde seinerzeit?

Es gibt eine Durchsuchung der Polizei in Meschede: Es wird aber kein Schläger gefunden. Reines Hörensagen, war das Ergebnis. „Das ist alles Quatsch gewesen“, so Klaus Neulken. Im Zuge dieser Ermittlungen wurde das Verfahren gegen den damaligen Verdächtigen endgültig eingestellt. Der Fall Krystian Chrokak ist ungelöst.

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