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Tödliche Schießerei in der belgischen Kaserne in Arnsberg

In der Jägerkaserne in Arnsberg fand am 25.10. 1981 die tödliche Schießerei statt.  Heute befindet sich dort ein Wohngebiet.

In der Jägerkaserne in Arnsberg fand am 25.10. 1981 die tödliche Schießerei statt. Heute befindet sich dort ein Wohngebiet.

Arnsberg.  Zweite tödliche Schießerei innerhalb von zwei Jahren schockiert die Arnsberger. Komitee ehemaliger hier stationierter Soldaten erinnert sich an bewegende Fälle.

Ein großer Stein, darauf zwei Gedenktafeln. Sie erinnern an eine Zeit, in der die belgischen Streitkräfte und ihre Soldaten zu Arnsberg gehörten. Im Neheimer Camp Loquet und in der Jägerkaserne Arnsberg waren sie von 1946 bis 1994 stationiert. Wo heute Baugebiete sind, ereignete sich 1981 zum wiederholten Male ein Verbrechen, das sowohl die Belgier als auch die Arnsberger schockierte. Unsere Zeitung begab sich auf Spurensuche, suchte Zeitzeugen.

In Arnsberg gibt es eine aktive Gruppe ehemaliger belgischer Soldaten. Im Komitee „Anciens Belges d’Arnsberg“ mit mehr als 100 Mitgliedern wird viel über die alten Zeiten gesprochen. Die Gruppe steht symbolisch für das gute Miteinander von Belgiern und Deutschen während der Stationierung. Ein Miteinander, dass am 25. Oktober 1981 durch eine wiederholte Bluttat belastet wurde. Zwei Jahre nach dem Fall einer Schießerei eines Soldaten, bei dem zwei Arnsberger Polizisten ihr Leben ließen, kam es erneut zum tragischen Vorfall. „Ja, das waren zwei schlimme Fälle“, erinnert sich der Oeventroper Paul Maton, Vorsitzender des Komitees.

Hospital-Mitarbeiterin erinnert sich

Zurück in das Jahr 1981. Eine in dieser Nacht diensthabende Labormitarbeiterin des Marienkrankenhauses in Arnsberg hat das dramatische Geschehen vor 36 Jahren noch vor Augen. „Der Haupteingang des Hospitals wurde damals umgebaut, die belgischen Sanitäter brachten einen angeschossenen Soldaten durch die alte Pforte herein“, erzählt sie, „der ganze Flur war voll Blut, überall rannten belgische Soldaten aufgeregt hin und her. Innerhalb kürzester Zeit mussten zwölf Blutkonserven zur Rettung des verletzten Mannes gekreuzt werden“. Sogar die Arnsberger Feuerwehr rückte gegen Mitternacht aus und fuhr mit Blaulicht und Martinshorn zum „Zentrum für Transfusionsmedizin“ nach Hagen, um weitere Beutel Fremdblut zu holen.

Im Marienhospital sei auch Stunden nach dem Geschehen noch eine beunruhigende Stimmung gewesen, erzählt die Labor-Mitarbeiterin weiter: „Im Erdgeschoss des Krankenhauses standen die ganze Nacht über bewaffnete Soldaten mit Gewehren im Anschlag, die alles genau beobachteten“. Das belgische Militär war für die Aufklärung und Bearbeitung des Falles zuständig.

Was war passiert? Ein offenbar angetrunkener belgischer Gendarm hatte zwei junge Soldaten wegen angeblicher Fahrerflucht in der Kaserne aufsuchen wollen. In der Jägerkaserne tötete er einen 19-Jährigen mit einem Bauchschuss und verletzte Jean-Marie V. schwer. Eine Kugel traf die Schulter und schlug bis zum Kehlkopf und zur Speiseröhre durch. Sein Leben hing in dieser Nacht am buchstäblich seidenen Faden. Bis in die Morgenstunden des 26. Oktober kämpften Ärzte und Schwestern im OP-Trakt um das Leben des Soldaten – mit Erfolg.

Recherche via Facebook

Nach der Erstbehandlung im Arnsberger Krankenhaus wird der 20-Jährige ins Soester Militärhospital verlegt. Aus dem Militär wurde er später entlassen. Unsere Zeitung machte sich auf die Suche nach dem Überlebenden. Eine Spur führte auf eine Facebookseite in Belgien. Deutlich erkennbar auf dem Profilbild, das einen vom Leben gezeichneten Mann im Unterhemd mit grauen Walrossbart und kurzen Haaren zeigt, ist seine Verletzung am Kehlkopf. Wir kontaktierten ihn und wollten wissen, was das Ereignis aus Mann gemacht hat, wie sein Leben nach der Bluttat verlief.

Nach einer knappen ersten Reaktion meldete er sich nicht mehr. Alle weiteren Anfragen blieben unbeantwortet.

Auch ehemalige belgische Soldaten die heute in Arnsberg leben, haben Jean Marie V. aus den Augen verloren. Soldaten und Wehrpflichtige kamen und gingen in der Kaserne. Der Oeventroper Pierre Maton (59) war von 1976 bis 1989 in Arnsberg stationiert. An den zweiten Fall und auch die beiden Opfer der Schießerei erinnert er sich noch gut. „Das waren zwei Burschen, die haben nur Blödsinn gemacht“, erzählt Maton. Fälle wie diese sind auch heute immer wieder Gesprächsthema, wenn die „alten Kameraden“ zusammenkommen. Und alle wissen zu erzählen, dass es immer mal Soldaten gab, die allzu leichtfertig mit der Waffe umgegangen waren.

Und der Täter? Der Militärstaatsanwalt war bei den Besatzungs­truppen – formal waren das die Belgier noch – nach belgischem Recht gleichzeitig Haftrichter und erließ einen Tag nach dem schrecklichen Geschehen Haftbefehl gegen den schießwütigen Gendarmen. Louis D. wurde der belgischen Militär­justiz im Heimatland zugeführt und – wie Veteranen erzählen – später zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

Details sind aber auch hier nicht zu erfahren. Das belgische Verteidigungsministerium verweist nach einer Anfrage im Juni auf die belgische Generalstaatsanwaltschaft, diese schickt die Anfrage weiter an das Rijksarchiv, um dann im Oktober festzustellen, dass keine Auskünfte mehr gegeben werden können. Da es ein Fall innerhalb der Kaserne war, waren die deutschen Behörden außen vor – anders als bei den tödlichen Schüssen auf die Arnsberger Polizisten. Hier wurde der Täter vom belgischen Kriegsgericht nur wegen Diebstahls von ­Waffen und eines Jeeps verurteilt. Wegen der Todesschüsse musste er sich vor deutschen Gerichten verantworten.

Belgier in Stadt integriert

Die Zeit der Stationierung und auch der Schießereien ist vorbei. Die Belgier sind integrierter Bestandteil des Arnsberger Lebens. Pierre Maton, Mitglied des Musikzuges Oeventrop, freut sich schon auf das Jahr 2019, wenn an den Abzug der Belgier vor 25 Jahren erinnert wird. Waffen spielen in der deutsch-belgischen Beziehung heute keine Rolle mehr.

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