Tatorte

Versuchter Mord mit einem Stückchen Draht im Wald

Ein Foto aus der Ermittlungsakte. Wer ein 2,5 Millimeter dickes Drahtseil in einer solchen Höhe an einer abschüssigen Strecke spannt, auf der sich Enduro-Fahrer und Mountainbiker mit hoher Geschwindigkeit bewegen, nehme deren Tod billigend in Kauf, sagt die Staatsanwaltschaft. 

Ein Foto aus der Ermittlungsakte. Wer ein 2,5 Millimeter dickes Drahtseil in einer solchen Höhe an einer abschüssigen Strecke spannt, auf der sich Enduro-Fahrer und Mountainbiker mit hoher Geschwindigkeit bewegen, nehme deren Tod billigend in Kauf, sagt die Staatsanwaltschaft. 

Foto: Polizei

Wasserfall.   48-jähriger Enduro-Fahrer tappt in hinterhältige Falle mitten im Wald zwischen Heinrichsdorf und Wasserfall . Er hätte dem Täter viel zu sagen.

Es ist ein Sonntagmittag im November 2015, als es Rainer H. (*) im Wald zwischen Heinrichsdorf und Wasserfall plötzlich von seiner Enduro-Maschine reißt. Er ist in eine hinterhältige Falle getappt: Ein Unbekannter hatte ein Drahtseil zwischen zwei Bäume gespannt - in Kopfhöhe. Dass der 48-Jährige mit leichten Blessuren davon kommt, ist purer Zufall - oder großes Glück. Die Sache hätte ganz anders ausgehen können. Im schlimmsten Falle tödlich. Vom Täter fehlt bislang jede Spur. Dabei hätte Rainer H. ihm so viel zu sagen.

Rainer H. ist an diesem Tag mit seinem Kumpel auf den Straßen im Elpetal unterwegs. Er will den Motor seiner Enduro-Maschine für das nächste Rennen einfahren, als er bemerkt, dass er sich einen Platten eingehandelt hat. „Weil es mir zu gefährlich war, mit dem Platten weiter über den Asphalt zu fahren, haben wir uns entschlossen, für die Heimfahrt den direkten Weg durch den Wald zu nehmen“, sagt der 48-Jährige. Auf einem Waldweg habe ein Reifen ohne Luft deutlich mehr Grip, erklärt der erfahrene Enduro-Fahrer.

In der Mitte durchgerissen

Der Plan geht auf. Die Fahrt verläuft trotz des defekten Reifens reibungslos. Dann kommen die beiden an einen mit Fichten bewachsenen Steilhang. Es geht bergauf. Als Rainer H. das Steilstück mit rund 40 km/h fast bezwungen hat, findet er sich von einer Sekunde auf die andere auf dem Waldboden hinter seinem Motorrad wieder - mit schmerzender Brust und einer lädierten rechten Hand. „Im ersten Moment konnte ich überhaupt nicht einordnen, was passiert ist“, erinnert sich der 48-Jährige. Erst als er sich aufgerappelt habe, habe er das Drahtseil entdeckt. Durch die Wucht des Aufpralls ist es in der Mitte durchgerissen. „Das war vielleicht mein Glück“, sagt der 48-Jährige heute.

Daran, dass die Staatsanwaltschaft wenig später wegen versuchten Mordes ermitteln würde, habe er zu diesem Zeitpunkt im Traum nicht gedacht. Inzwischen kann er es aber nachvollziehen. „Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ein Mountainbiker bergab auf dieses Drahtseil getroffen wäre“, sagt er. „Es hätte ihm vermutlich die Kehle aufgeschnitten.“ Die Staatsanwaltschaft sieht das genauso: „Wer ein 2,5 Millimeter dickes Drahtseil in einer solchen Höhe an einer abschüssigen Strecke spannt, auf der sich Enduro-Fahrer und Mountainbiker mit hoher Geschwindigkeit bewegen, nimmt deren Tod billigend in Kauf“, formulierte es Oberstaatsanwalt Thomas Poggel damals.

Die Heimtücke des Täters hat ihre Grenze an dieser Stelle allerdings noch nicht erreicht.

Tatort-Kriminalfälle als Podcast hören Als sich H. nach dem Sturz wieder gesammelt hat, setzt er die Fahrt gemeinsam mit seinem Kumpel fort. Nach einigen hundert Metern stoßen die beiden auf ein weiteres Drahtseil. Wieder hat H. Glück. Diesmal geht es zwar nicht bergauf, allerdings sind die beiden Enduro-Fahrer nur mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs, weil sie einen umgestürzten Baumstamm umfahren müssen, als sie den zweiten Draht entdecken. Auch er ist zwischen zwei Bäumen komplett über den Weg gespannt. Die beiden halten an, lösen den Knoten und setzen ihre Fahrt fort. „Ich habe öfter von solchen Fallen gehört, aber man rechnet ja nicht damit, dass es einen selbst treffen könnte“, sagt Rainer H.

Zunächst zögerlich

Mit seinem Anruf bei der Polizei zögert der 48-Jährige nach den Vorfällen. Er weiß selbst: Es ist verboten, mit Geländemaschinen durch den Wald zu fahren. Er habe sich unangenehme Fragen ersparen wollen. Seine Freunde bewegen ihn schließlich doch dazu, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen.

„Es konnte ja niemand ahnen, wie viele Drahtseile dort noch gespannt waren, wenn allein ich innerhalb weniger Minuten auf zwei solcher Fallen gestoßen bin.“ Er sei sich der Tragweite dieser Vorfälle erst einige Tage später wirklich bewusst geworden – und könne bis heute nicht fassen, was einen Menschen dazu bewegt, so etwas zu tun.

Ungeschriebenes Gesetz

Ebenso wie die Staatsanwaltschaft vermutet auch Rainer H., dass militante Tierschützer hinter den heimtückischen Fallen stecken könnten . Sie seien auf Enduro-Fahrer und Mountainbiker nicht gut zu sprechen. Dabei sei jede Motorsäge im Wald lauter als seine Maschine. „Wenn ich mich über Autofahrer ärgere, hebe ich doch auch keine Gullydeckel auf der Bundesstraße aus“, sagt der 48-Jährige. „Dieser massive Hass und die Selbstjustiz sind für mich in keinster Weise nachvollziehbar“, sagt Rainer H. und betont: Unter Enduro-Fahrern gebe es zumindest das ungeschriebene Gesetz, im Wald auf den Wegen zu bleiben. „Wenn dort jemand für Flurschäden verantwortlich ist, dann sind es die dicken Harvester, aber ganz sicher nicht die Enduro-Fahrer“, sagt er. (*) Name geändert

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