Tatorte-Serie

Warsteinerin erwürgt, geschlagen und überfahren

Auf dem Marktplatz in Warstein kommt die Delegation aus Wurzen an. Dort sieht Wolfgang Heppekausen seine Kollegin zum letzten Mal.

Foto: Ralf Rottmann

Auf dem Marktplatz in Warstein kommt die Delegation aus Wurzen an. Dort sieht Wolfgang Heppekausen seine Kollegin zum letzten Mal. Foto: Ralf Rottmann

Warstein.   Wolfgang Heppekausen hat die Frau als Letzter lebend gesehen. Nach zwölf Jahren wurde ihr Mörder gefasst - er will die Tat nie begangen haben.

Sie drückt ein Auge fest zu, spitzbübisch. Ihre Haare sind strubbelig, Strähnen fallen in ihr Gesicht. Sie trägt eine von diesen Hornbrillen, die in den 90ern in waren und die heute jeder wegen des Retrogefühls kauft. Sie grinst. Lebensfreude.

WP-TATorte: Kriminalfälle, die uns bewegen Es ist das letzte Foto, das von Karin Becker* geschossen wurde. Wolfgang Heppekausen hat es gemacht. In der Partnerstadt Wurzen. Wenige Stunden später ist sie tot.

Von der Reise zurück

Es ist rund acht Uhr am Abend, 10. Oktober 1993, als die Warsteiner Delegation aus Wurzen zurückkehrt. Wolfgang Heppekausen, damals Kulturamtsleiter, hatte die Reise für Bürger und einige Kollegen aus dem Rathaus organisiert. Es ist Herbst.

Um acht Uhr ist es dunkel. Wolfgang Heppekausen hilft, das Gepäck aus dem Bus zu hieven, verabschiedet sich hier und dort. Auch bei Karin Becker. Sie hat ihr Auto in einer Nebenstraße abgestellt. Sie fährt mit ihrem blauen VW Golf die Dieplohstraße hinunter. Winkt. Lächelt. Biegt ab.

Den letzten Moment immer wieder durchgespielt

„Dieser Moment war so wichtig. In den folgenden zwölf Jahren wurde ich immer wieder danach gefragt. Wie war ihr Gesichtsausdruck? Hat sie gelächelt? Hat sie ängstlich geguckt? Saß jemand in ihrem Wagen? Hatte sie Blutflecken auf ihrem Parka?“

Wolfgang Heppekausen blättert heute, 24 Jahre nach diesem Abend, durch eine Mappe mit Zeitungsausschnitten, Karten und Notizen. Er ist der Mann, der Karin Becker als letzter lebend gesehen hat – ausgenommen ihr Mörder. Er war zwölf Jahre an den Ermittlungen beteiligt. Er sagt: „Ich will nie wieder so nah an einem Mordfall sein.“

Die Meldungen in den Zeitungen:„Wer kennt die Tote?“

Am 11. Oktober geht er wie gewohnt zur Arbeit. Auch am folgenden Dienstag und dem Mittwoch. Ein Kollege, wohnhaft in Paderborn, ruft ihn an, fragt vorsichtig, ob er etwas von Karin Becker gehört hat. „Nein“, sagt Wolfgang Heppekausen. Beim zweiten Anruf sagt er: „Wenn du was klären willst, ruf sie doch selbst an.“ Sie hat diese Woche Urlaub.

Es laufen die Meldungen in den Paderborner Zeitungen: „Mord: Wer kennt die Tote?“, titelt das Westfalen Blatt. In einem Wald bei Paderborn war am Sonntagabend gegen 22.20 Uhr eine Frau von Autofahrern entdeckt worden. Geschlagen, bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, mehrfach mit dem eigenen Auto überfahren.

Tote kann zuerst nicht identifiziert werden

Sie lebt noch, stirbt 40 Minuten später im St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn. Die Polizei kann sie nicht identifizieren. Ihr Schmuck wird veröffentlicht. Eine Silikon-Armbanduhr, eine Goldkette mit dem Schriftzug Schrams, Sonne.

„Sie trug immer außergewöhnlichen Schmuck“, sagt Wolfgang Heppekausen. Der Paderborner Kollege erkennt die Uhr und geht zur Polizei.

Gegen Mittag bekommt Wolfgang Heppekausen einen strengen Anruf vom Kämmerer. „Ich sollte sofort in sein Büro kommen. Ich dachte erst, ich hätte etwas falsch gemacht.“

Kunststoffbrille ist zerdrückt und blutbeschmiert

Im Büro des Vorgesetzten sitzen drei Fremde. Sie wollen wissen, wo er am Sonntagabend war. Ob ihn Menschen gesehen haben. „Bevor ich Fragen beantworte, will ich wissen, wer Sie sind“, sagt er mutig. Mordkommission. Karin Becker. Erwürgt. Überfahren.

Wolfgang Heppekausen läuft es eiskalt den Rücken herunter. Die Mordkommission zeigt ihm Bilder. Die Kunststoffbrille, zerdrückt, blutbeschmiert.

„Sie hatte immer sehr exklusive Sachen“

Die Stiefel, auch die erkennt er. Eindeutig. „Sie hatte immer sehr exklusive Sachen.“ Ein Abgleich mit dem Zahnabdruck ihres Arztes bestätigt: Es ist Karin Becker.

Die Mordkommission begleitet ihn in sein Büro. Nimmt alle Akten mit, die mit der Reise nach Wurzen zu tun haben. Den Fotofilm, mit dem Bild von Karin Becker.

Mordkommission spricht mit Wolfang Heppekausen

Checkt sein Alibi. Wasserdicht. In der Nacht schläft Wolfgang Heppekausen nicht. Er sitzt mit Kopfhörern auf dem Sessel in seinem Wohnzimmer. „In dieser Nacht bin ich Freund von klassischer Musik geworden.“

Am nächsten Morgen erhält Wolfgang Heppekausen einen Anruf. Wieder ist es die Mordkommission. Sie will vorbeikommen.

Messungen, wo Karin Becker entlang gefahren ist

Es ist Herbstkirmes. Während Warstein feiert, sitzen die Kommissare und das Ehepaar Heppekausen im Esszimmer, trinken Kaffee, reden über Karin Becker. Gemeinsam fahren sie zum Rathaus. Zwischen Kinderkarussell und Zuckerwattenbude messen sie nach, wo genau Karin Becker langgefahren ist.

Eine Woche später wird ihr Auto gefunden. In Detmold, Schubertplatz. Nicht abgeschlossen. Eine Frau will den Mörder gesehen haben, wie er an dem geöffneten Kofferraum des Golfs hantierte.

Phantomzeichnungen des Täters werden gefertigt

Die Beamten fertigen eine Phantomzeichnung. Ovales Gesicht, kleine Augen, stechend. Kurze helle Haare, schmale Lippen, Rollkragenpullover. Handzettel werden verteilt.

Die Fahndung läuft ins Leere. Die Jahre vergehen. 1995 werden die Ermittlungen eingestellt. Für Wolfgang Heppekausen eine schlimme Zeit. Für den Leiter der Mordkommission ist er immer erreichbar, Vertrauter.

Wie war der Gesichtsausdruck?

Manchmal gehen sie am Telefon wieder alles durch. Wie war ihr Gesichtsausdruck? Saß eine andere Person in ihrem Wagen? Hatte sie Blutflecken auf dem Parka? Und noch einmal.

2004 werden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Neue Techniken in der DNA-Analyse versprechen einen verbesserten Erfolg in der Untersuchung der Blutspuren auf dem Parka von Karin Becker.

Spuren führen zu 32-Jährigem aus Paderborn

Tatsächlich können die Spuren einem damals 32-jährigen Mann aus Paderborn zugeordnet werden. Der Mörder Karin Beckers ist ermittelt. Seit 1994 ist er ununterbrochen in staatlichem Gewahrsam. Soll viele Frauen vergewaltigt, sexuell genötigt haben.

Sitzt in Haft, verurteilt zu lebenslanger Sicherungsverwahrung. Er bestreitet die Tat. Auf Bildern sieht er dem Phantombild von 1993 sehr ähnlich.

Die Verhandlung beginnt

Am 25. Oktober 2005 beginnt die Verhandlung. Teilnahmslos sitzt er da. Seinen Blick richtet er zu Boden, lässt ihn ziellos kreisen. Wolfgang Heppekausen sitzt im Zuschauerraum, nachdem er als Zeuge ausgesagt hat. Er hört, was der Richter über den Angeklagten sagt. Jüngstes von fünf Kindern.

Kein Job. Die geschiedene Ehefrau lernte er 1992 kennen. Nur zwei Tage nach dem Mord an Karin Becker kam der erste Sohn zur Welt. Er sitzt im Zuschauerraum, versucht einen Blick von seinem Vater zu erhaschen.

Wolfgang Heppekausen blickt Mörder im Gericht in die Augen

Er bekommt ihn nicht. Kurz blickt der Mörder Wolfgang Heppekausen an. „Ein seltsamer Moment. Zwölf Jahre haben wir darauf gewartet. Es waren quälende zwölf Jahre.“

Neun Jahre muss der Mann ins Gefängnis, dafür, dass er Karin Becker bestahl, würgte, ihr das Leben nahm. Anschließend: Sicherheitsverwahrung.

Ein letztes Mal spricht ihre Schwester den Mann an. Wie habe er eine Frau ermorden und nur zwei Tage später seinen neugeborenen Sohn in Händen halten können? Er antwortet: „Ich habe die Tat nicht begangen.“ Frei wird der Mörder von Karin Becker niemals sein.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik