Oper

Theater Hagen spielt Oper auf Distanz - wegen Corona

Marilyn Forever am Theater Hagen mit Sopranistin Angela Davis

Marilyn Forever am Theater Hagen mit Sopranistin Angela Davis

Foto: Klaus Lefebrve

Hagen.  Mit zwei Kurzopern startet das Theater Hagen nach dem Lockdown in die neue Saison. Das Publikum sehnt sich nach schönen Stimmen und großer Musik.

Was macht Isolation mit Menschen, vor allem mit den Frauen? Diese Frage untersucht das Theater Hagen in der ersten Opernpremiere seit dem Corona-Lockdown. Der Doppelabend koppelt Joseph Haydns selten gespielte „L’isola disabitata“ mit Gavin Bryars „Marilyn Forever“, lässt also Spätbarock auf jazzinspirierte Gegenwart treffen. 180 Besucher dürfen in den Saal, 300 wären erlaubt, aber die Bühne will auf Nummer sicher gehen. Das Publikum ist begeistert, dass es, wenn auch unter eingeschränkten Bedingungen, endlich wieder Oper live gibt. Die Hagener Philharmoniker klingen selbst in kleiner Besetzung unter GMD Joseph Trafton nach der langen Abstinenz wie eine Offenbarung. Und das Ensemble sorgt für viele Gänsehautmomente.

Es handelt sich um die klassische „Ich gehe mal eben Zigaretten holen“-Situation. Ein steifes Paar schweigt sich in einem steifen 50-er-Jahre-Nussbaum-Furnier-Wohnzimmer an. Und dann ist sie plötzlich alleine und baut sich aus immer mehr Polstern eine Sofa-Höhle.

Geschichte wurde 40 Mal vertont

Der Stoff von der liebenden Gattin, die mit ihrer jüngeren Schwestern 13 Jahre auf einer einsamen Insel ausharren muss und denkt, sie sei von ihrem Mann verlassen worden, wohingegen dieser in Wahrheit von Piraten geraubt wurde, faszinierte nicht nur Haydn. Fast 40 Vertonungen hat das Libretto im 18. Jahrhundert erfahren. Den interessanteren Teil der Geschichte erlebt der Mann, Gernando, denn er wird überfallen, entführt, verbringt 13 Jahre in der Sklaverei, bevor er sich befreien kann und eilt, die Liebste wiederzufinden. Davon erfährt man aber nichts, Haydn fokussiert sich auf das Leiden der Costanza. Wenn diese singt, dass sie ihr Jammern selbst nicht mehr ertragen kann, ist das Publikum ganz bei ihr.

Und doch beschreibt die Handlung in der Sicht von Regisseurin Magdalena Fuchsberger eine zeitlose und aktuelle Beziehungssituation, ein Missverständnis, ein Kommunikationsproblem, das zum Rückzug in die Selbstbespiegelung führt. Zusammen mit Bühnenbildnerin Monika Biegler sorgt Magdalena Fuchsberger für einige wenige Überraschungseffekte aus der barocken Theatertrickkiste, etwa wenn Enrico, der Freund Gernandos, sehr breitbeinig aus der Versenkung auftaucht. Das Wohnzimmer mit seiner Polsterburg, das wie eine Insel in der Wüste der offenen Bühne schwimmt, ist jedoch von verbissener Freudlosigkeit.

Ein richtig feiner Haydn

Die Musik steht auf einem anderen Blatt. Haydn hat seine Protagonisten mit allerschönsten Tönen bedacht. Maria Markina (Costanza), Penny Sofroniadou (Silvia) und Insu Hwang (Enrico) stürzen sich mit Leidenschaft in ihre Koloraturen. Der neue Ensemble-Tenor Anton Kuzenok bezaubert bei seinem ersten Auftritt mit schönem Timbre und beweglichem Ton. Und Generalmusikdirektor Joseph Trafton dirigiert einen richtig feinen, wunderbar ausgehörten Haydn; neun Philharmoniker spielen im Graben, vier in den Logen, und diese Kammerbesetzung besticht mit vibrierender Grundspannung, blitzsauberen Läufen und einer schönen Balance zwischen den Streichern und den Holzbläsern. Die Verwendung der Logen ermöglicht dem Publikum zudem spannende Einblicke hinter die Kulissen.

Marilyn Monroe Forever

Der englische Komponist Gavin Bryars konfrontiert in seiner Kurzoper „Marilyn Forever“ die immerwährende Faszination der Künstlerin Marilyn Monroe mit ihrem tragischen persönlichen Schicksal. Regisseur Holger Potocki untersucht mit den großartigen Sängern Angela Davis und Kenneth Mattice die Spannung zwischen der Kunstfigur Marilyn Monroe und ihrer Schöpferin, der Schauspielerin Norma Jeane Mortsenson, und zwar als mehrfache Projektion. Denn die Monroe hat von sich selbst gesagt, dass die Leute sie nicht als Person sehen, sondern dass es so scheint, als würden sie in eine Art Spiegel blicken. Die biographische Annäherung spielt in einem Kinosaal (Bühne: Bernhard Niechotz), den das Publikum aus beiden Perspektiven sieht, vor und hinter der Leinwand.

Einsames Sexsymbol

Einige ikonische Kleider stehen für die großen öffentlichen Momente in der Laufbahn von Marilyn Monroe. So entsteht ein aufregendes Wechselspiel: Das Sexsymbol ist hinter dem Spiegel eine einsame, tablettenabhängige Frau. Sopranistin Angela Davis stellt mit einer herzzerreißend-bewegenden Mischung aus kritischer Selbstanalyse, Liebessehnsucht und Distanzverlust die Innensicht dar. Bariton Kenneth Mattice verkörpert als Regisseur die Außensicht als Gratwanderung zwischen Bewunderung, Manipulation und Missbrauch. Beide Sänger sind stimmlich und darstellerisch überwältigend intensiv. Komponist Gavin Bryars spiegelt die Gefühlsebenen mit einer eingängigen, jazzgrundierten Partitur, die Klaus Korte mit seinem Saxophon als wehmütigem Leitinstrument überstrahlt.

In beiden Inszenierungen experimentieren die jeweiligen Regisseure mit einer berührungsfreien Personenführung. Das passt nicht aus Zufall zu den Stücken. Für das Publikum ist es interessant zu beobachten, wie schwierig es ist, die nötige Distanz zu wahren. Ersetzt wird die Berührung vor allem durch die Einbindung des Bodens als zusätzlicher Spielebene in die Körpersprache. Selten ist im Theater Hagen so viel gekniet, gewälzt, gekauert und gekrabbelt worden.

Karten und Termine: www.theaterhagen.de

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