Theater Hagen

Theater Hagen zeigt Öko-“Parsifal“ nach Klimakatatstrophe

| Lesedauer: 5 Minuten

Der Horror lauert im Hintergrund. Szene aus „Parsifal“ am Theater Hagen mit Dong-Won Seo (Mitte), Angela Davis (auf der Treppe), Richard van Gemert, Evelyn Krahe, Ivo Stánchev (hinten), Matthew Overmeyer und Penny Sofroniadou.

Foto: Björn Hickmann / Theater Hagen

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Hagen.  „Parsifal“ von Richard Wagner kann sehr langweilig sein. Im Theater Hagen ist die Oper spannend wie ein Horrorfilm. Das sind die Gründe.

Nach der Apokalypse gibt es im Konsumtempel zwar noch Plastikschrott in Hülle und Fülle, aber nichts Grünes mehr. Das Paradies ist verloren, der Garten Eden verdorrt. Die Gralsritter lernen nichts daraus. Das Theater Hagen zeigt jetzt Richard Wagners letzte Oper „Parsifal“ in einer bildstarken Inszenierung als Passionsgeschichte im Spiegel von Krieg und Raubbau. Das Haus kann stolz sein auf diese Produktion, die in tragenden Partien mit eigenen Sängern besetzt ist, denn die musikalische Leistung ist herausragend. Das Publikum bedankt sich nach der Premiere mit langem Beifall im Stehen.

Hibaku jumoku, so nennen und verehren die Japaner jene Bäume, die den Atomangriff auf Hiroshima überstanden haben. Im „Parsifal“ von Regisseurin Nilufar K. Münzing wird ein Bonsai zum heiligen Gral, der alles symbolisiert, was die Gesellschaft verloren hat, die in einem verrosteten Einkaufszentrum überlebt. Bühnenbildnerin Britta Lammers hat diese ausgesprochen eindrucksvolle und sängerfreundliche Architektur geschaffen.

Grausame Rituale

Dort betreibt Klingsor (Jaco Venter) seine Drogenküche, und die aggressiven Gralsritter pflegen sinnentleerte grausame Riten. „Zum Raum wird hier die Zeit“, belehrt Gurnemanz den vaterlosen Parsifal. Der berühmte Satz wird auch für Nilufar K. Münzing zum gedanklichen Rahmen ihrer Regiearbeit. Denn in der Einheit des rostigen Raumes verdichtet sich die Zeit zu Schleifen: Gier, noch mehr Gier, die Zerstörung der Schöpfung, die Sehnsucht nach immer neuen Erlösern.

Entsprechend untersucht der Hagener „Parsifal“ die Polarität zwischen Erbarmen und Karfreitagszauber. Wagners „Parsifal“ läuft geradezu über vor Naturmetaphern, und der Karfreitagszauber ist kompositorisch ein Herzstück, das ergibt natürlich eine schöne Vorlage. Ebenso wie die Natur hat die Gesellschaft die ethischen Grundlagen der Zivilisation zerstört, denn die Gralsritter missbrauchen Amfortas wieder und wieder für ihr abscheuliches Abendmahlritual. Amfortas‘ Qualen werden dadurch verlängert, das nehmen seine Leute, allen voran sein eigener Vater, gerne in Kauf, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. War das mit der Erlösung durch das Kreuz so gemeint?

Gute Besetzung

Der „Parsifal“ lebt von einer guten Besetzung. Der Gurnemanz hat sich mit einigen kulturellen Trümmern, Büchern, Teekanne, Globus, eine Ecke eingerichtet, von der aus er das Geschehen beobachtet und in seiner Chronik festhält. Bass Dong-Won Seo meistert in Strickjacke mit Zopfmuster diese große Erzählung textverständlich und mit vielen warmen Farben. Kundry hingegen ist eine Wanderin zwischen den Welten und Zeiten, sie gehört nirgends dazu, in einer Zeitschleife Klimaaktivistin, in der anderen mit Drogen mobilisierte Verführerin unter Klingsors Kronleuchter aus Plastikmüll, während die Blumenmädchen mit Gefrierbeuteln statt Seidentüchern wedeln.

Die Hagener Sopranistin Angela Davis gibt mit dieser Partie ihr Debüt im dramatischen Fach, und das ist einfach nur wunderbar. Zwischen Aufbegehren, neutraler Zeugenschaft und Sehnsucht entfaltet sie einen eindringlichen Bogen stimmlicher Ausdrucksmöglichkeiten, von tonloser Verzweiflung bis zum tiefinnersten Schrei. Bariton Insu Hwang legt den siechen Amfortas mit vokaler Eleganz als zwiespältigen Charakter an; sein Leiden ist erbarmungswürdig, aber sein Charakter eher befremdlich.

Horrorschocker aus dem Graben

Der amerikanische Tenor Corby Welch hat sich nach einer überstandenen Krankheit ansagen lassen. Welch ist als Parsifal ein Antiheld, der Typ, mit dem in der Schule keiner spielen will, er stolpert unrasiert und staunend in sein Schicksal. Gleichwohl gestaltet er seine Verwandlung vom tumben Toren in einen mitfühlenden Mann mit schönen Tenorglanzlichtern; der Parsifal ist ja eine der Wagner-Partien, die den Tenören bei aller Strahlkraft italienische Linien abverlangen.

Alle suchen sie nach Erlösung in dieser Oper und begreifen nicht, dass ihre Schicksale miteinander verbunden sind, dass sie sich nur gegenseitig durch Mitleiden retten können.

Die wahre Erlösung jedoch kommt aus dem Orchestergraben, wo Generalmusikdirektor Joseph Trafton mit dem hervorragend aufgelegten Philharmonischen Orchester Wagners musikalische Illustrationstechniken mit viel Leidenschaft ausleuchtet. Wagner hat den „Parsifal“ für das Bayreuther Festspielhaus komponiert, und nur dort gewinnt die Partitur jenes geheimnisvolle Schweben, das die Hörer so süchtig macht.

Der Bonsai wird befreit

In Hagen ist der Orchesterklang machtvoll, und er weitet sich in den beiden grausamen Abendmahlritualen mit dem gewaltigen, furchterregenden Gralsritterchor sogar zum regelrechten Horrorschocker.

Am Ende befreit Kundry den Bonsai aus seinem Schrein und pflanzt ihn neben einer weggeworfenen Coladose ein. Wenn dann aus dem Bühnenhimmel ein ausgewachsener Baum herniedersinkt, ist das mal eine andere Gralsidee als die bekannte Sache mit dem Lichtstrahl. Die Natur ermöglicht einen Neuanfang. Für dieses Mal.

Der Hagener „Parsifal“ dauert mit zwei Pausen knapp fünf Stunden. Er ist nur noch vier Mal am Theater Hagen zu sehen: am 27. März, 3. und 15. April sowie am 1. Mai. Traditionell wird „Parsifal“ am Karfreitag (15. 4.) gespielt. Karten und weitere Informationen: 02331 / 2073218 oder www.theaterhagen.de

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