Musik

Über 3000 Sänger beim Pop-Oratorium "Luther" in Dortmund

Das Pop-Oratorium „Luther“ in der Dortmunder Westfalenhalle.

Foto: Funke Foto Services

Das Pop-Oratorium „Luther“ in der Dortmunder Westfalenhalle. Foto: Funke Foto Services

Dortmund.   16.000 Zuschauer und 3000 Sänger: In der Dortmunder Westfalenhalle ist am Reformationstag das Pop-Oratorium „Luther“ uraufgeführt worden.

Welturaufführung! 3023 Sängerinnen und Sängern in weißen Blusen und Hemden sind bereit. Sieben Jahre der Jüngste, 84 Jahre die Älteste. Dicht an dicht stehen sie auf den Rängen der Dortmunder Westfalenhalle bis hoch hinauf unter das Dach. Hochkonzentriert, hochmotiviert, hochemotionalisiert.

Gemeinsam mit dem Jungen Orchester NRW und zwölf Musical-Profis werden sie jetzt vor 16 000 Zuschauern das Pop-Oratorium „Luther“ singen. Besser noch: Sie werden es förmlich inszenieren, mit Leben und Begeisterung erfüllen. Der renommierte Produzent und Komponist Dieter Falk hat die Musik geschrieben, das Libretto stammt von dem nicht minder bekannten und erfolgreichen Michael Kunze.

Gänsehaut garantiert

Schon nach dem ersten Song „Wer ist Luther?“ wird im großen Hallenoval allen gänsehautmäßig klar, dass hier ein kongeniales Duo Großartiges geschaffen hat. Das Oratorium, das mit präziser Lichtshow und sparsamsten Requisiten auskommt, mutet dennoch wie ein üppiges Musical an: Ein paar Stühle, Kappen, Schilder und andere Klein-Accessoires – und gleich wird der Reichstag zu Worms vor dem geistigen Auge der Zuschauer unmittelbar lebendig.

Es ist die historische Stunde Martin Luthers, der am Scheideweg steht zwischen Ketzer und Kultfigur und der mit mutigem Gottvertrauen seinen mächtigen Widersachern die Stirn bietet.

Ein ums andere Mal schmettert der Chor der 3000 seine Hymnen in und über das Geschehen, das von den Solisten mit Inbrunst umgesetzt wird.

Über zwei riesige Bildleinwände zeigen Kameras die Texte und die Sänger in Großaufnahme – Leidenschaft ist in jeder Sekunde, jedem Takt und jedem Ton zu sehen, zu hören und zu spüren. „Die Wahrheit ist ein scharfes Schwert“ schmettert es über das Publikum hinweg, und auch ein entschlossenes „Ich will selber denken!“ führt auf die Inhaltsspur. Ja, Michael Kunzes Texte haben echten Tiefgang, und Dieter Falks Musik erinnert immer wieder an Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“.

Wankelmütiger Kaiser mit Baseballkappe und Smartphone

Regisseur Andreas Gergen hat ein überaus schlüssiges Konzept entwickelt, das den jungen, wankelmütig-schwachen Kaiser in Baseballkappe und mit Smartphone zeigt. Immer wieder gelingt dieser Sprung von Luthers 16. Jahrhundert direkt in unsere Gegenwart. Das wirkt nicht falsch und nicht künstlich, sondern stimmig, interpretierend – und auch entlarvend. Die Macht des Geldes und der Politik, das schnöde Eigeninteresse und die Korrumpierbarkeit der Menschen – wenig hat sich über die Jahrhunderte hinweg geändert. Wie nah, wie verständlich wirkt da dieser Mönch Martin Luther, der als Spielball der Reichen und Einflussreichen beinahe zu Tode kommt.

Das Publikum jedenfalls staunt, ob der zum Greifen deutlichen Parallelen. Es berauscht sich an der satten Rock-Musik, in die sich dann und wann auch bekannte Gesangbuchlieder einschleichen. „Ein feste Burg ist unser Gott“, erklingt es da plötzlich aus vieltausendfachen Kehlen, und alle sind aufgefordert, beherzt mitzusingen.

Dann wieder wabert Bühnennebel herauf, Verpuffungen und Lichtexplosionen künden neue Dramatik an. Kaum können die Augen der Zuschauer die ganze Szene erfassen. Immer wieder muss der Blick nach rechts, nach links, nach oben, ganz weit nach oben gerichtet werden. Denn überall scheint dieses Pop-Oratorium Sehens- und Hörenswertes zu bieten; ein überbordendes Fest für die Sinne bis tief hinein in die weit geöffneten Seelenkammern.

Frech, fröhlich, gläubig

Monatelang ist für diese Uraufführung geprobt worden. In großen und kleinen Gruppen, allein, über CD- und Notenvorlagen und schließlich gemeinsam mit allen. Die Disziplin der Beteiligten ist ebenso beeindruckend wie ihr stimmliches Können. Die beiden Chor-Dirigenten, die auf hohen, allseits sichtbaren Türmen die Arme schwenken, sind per Kopfhörer mit dem Orchester verbunden, das die gewaltige Sängerwand im Rücken weiß. Davor die Solisten, die das Luther-Spiel aufwühlend und mitreißend gestalten. Frech geht es zu, laut und fröhlich. Aber eben auch dramatisch, nachdenklich – und eben nicht zuletzt auch sehr zuversichtlich glaubend.

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