Waldsterben

Unternehmen löst mit Kahlschlag im Sauerland Empörung aus

„Waldumbau der besonderen Art“ nennt Experte Norbert Panek den Kahlschlag in Schmallenberg.

„Waldumbau der besonderen Art“ nennt Experte Norbert Panek den Kahlschlag in Schmallenberg.

Foto: Norbert Panek

Schmallenberg.  Die Fichte ist out. Klimawandel! Ein Holzunternehmen im Sauerland holzt trotzdem Buchen ab – um Fichten zu pflanzen. Experten sind empört.

Bloß keine Fichte mehr! Darin sind sich alle Forst-Experten seit Jahren einig. Denn der Baum hat im Klimawandel keine Chance. Er vertrocknet, fällt bei Sturm um, wird von Borkenkäfern zerfressen. Ein Holzunternehmer aus dem Sauerland sieht das offenbar anders. In Schmallenberg wandelt er einen etwa 30 Hektar großen einhundert Jahre alten Buchenwald in eine Fichten-Monokultur um. Das Thema hat es sogar in den NRW-Landtag geschafft. Doch die Landesregierung ist machtlos.

Kahlschläge sind verboten. Das schreibt das Landesforstgesetz vor. Allerdings gilt diese Regel erst für Flächen ab zwei Hektar. Diese Lücke nutzt das Unternehmen aus dem Sauerland aus. Seit mehreren Jahren schlägt es auf dem Gebiet „Hoher Knochen“ in Etappen schachbrettartig Kahlhiebe in den Buchenwald, um dann dort Fichte anzupflanzen.

Noch im August Fällarbeiten

Umweltschützer und Waldexperten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Norbert Panek, Buchenfachmann und Berater der Naturschutzinitiative (NI) ist empört: „Hier wird ein alter Buchenbestand ohne Rücksicht auf Verluste plattgemacht“, sagte er dieser Zeitung. Er habe am Hohen Knochen noch im vergangenen August Fällarbeiten beobachtet. Mit ordnungsgemäßer, geschweige denn nachhaltiger Forstwirtschaft habe dieses Vorgehen nichts zu tun.

Das NRW-Umweltministerium sieht das ähnlich, juristisch sind ihm jedoch die Hände gebunden. Naturschutzrechtlich geschützt ist die Fläche nach Behördenangaben nicht, bisher hat der Unternehmer auch noch keine Fördergelder erhalten. Johannes Remmel, ehemaliger NRW-Umweltminister, und Norwich Rüße, ebenfalls für die Grünen im Landtag, haben die Landesregierung in einer Kleinen Anfrage aufgefordert mitzuteilen, was sie gegen derartige Kahlschläge unternehme.

Folgenloses Gespräch

Die Antwort ist ernüchternd. Bereits vor sechs Jahren habe der damalige Regionalforstamtsleiter mit dem Waldeigentümer gesprochen, um eine den „waldbaulichen Möglichkeiten und den fachlichen Erkenntnissen entsprechende Bewirtschaftung“ zu erreichen. Gegenstand des Gespräches „waren die negativen Folgen der Kahlhiebe und der anschließenden Wiederaufforstung mit Fichte für das Ökosystem Wald am Hohen Knochen“. Einen Sinneswandel hat dieses Gespräch offenbar nicht zur Folge gehabt.

„Die Landesregierung wird den in Rede stehenden Kahlhieb von Buchenwäldern eingehend nach den Maßgaben des Forst- und Naturschutzrechts prüfen“, heißt es in der Antwort weiter. „Vor diesem Hintergrund wird auch ein etwaiger Änderungsbedarf der einschlägigen forstrechtlichen Kahlhiebsbestimmung geprüft.“

Schließlich trage das Land für den Erhalt und die Entwicklung der Rotbuchenwälder „eine besondere Verantwortung“. Eine naturnahe Waldbewirtschaftung sei nicht nur in Schutzgebieten erforderlich. „Auch in den übrigen Waldgebieten sind artenreiche standortheimische Wälder zur Erhaltung der biologischen Vielfalt notwendig. (...) Kennzeichen einer ordnungsgemäßen Forstwirtschaft nach dem Landesforstgesetz NRW sind unter anderem die Vermeidung von großflächigen Kahlschlägen, die Wahl standortgerechter Baumarten und Nutzung der Naturverjüngung.“

„Vorgehen ist illegal.“

Panek und Remmel geht das nicht weit genug. „Meiner Meinung nach ist das Vorgehen des Waldbesitzers illegal. Es widerspricht dem Bundesnaturschutzgesetz“, sagt Panek. Kahlschläge müssten knallhart verboten werden, fordert der Korbacher.

Als ehemaliger Minister weiß Remmel, wie schwierig es für die öffentliche Hand ist, in Privatbesitz hineinzuregieren und unternehmerisches Handeln zu beeinflussen. Der Politiker schlägt eine Waldfunktionskartierung vor, in der die Flächen verbindlich einer bestimmten Aufgabe zugeordnet werden. Wirtschaftswald müsste dann anders behandelt werden als Erholungswald. Zudem spricht er sich für ein Anreizmodell aus: „Bäume, die dem Naturschutz dienen, könnten finanziell gefördert werden.“ Dafür müssen die Eigentümer dann eine Selbstverpflichtung unterschreiben.

Auf seiner Homepage wirbt die Firma, die sich selbst als eines der führenden familiengeführten Holzindustrieunternehmen Europas bezeichnet, mit diesen Sätzen: „Die Wälder sind die ‘grüne Lunge’ unseres Planeten. Sie aus Gründen der nachhaltigen Entwicklung der Biosphäre aller Orts zu erhalten, ist eine der wesentlichen gesellschaftlichen Aufgaben des 21. Jahrhunderts.“ Diesen Auftrag nehme das Unternehmen (der Name ist der Redaktion bekannt) „sehr ernst“.

Keine Reaktion des Unternehmens

Dass eine Monokultur aus rund 60.000 Fichten, die am Ende auf dem Hohen Knochen stehen sollen, diesem Anspruch gerecht werden, bezweifeln nicht nur Forstexperten.

Auf Anfragen dieser Zeitung reagierte das Unternehmen, das auch ein Nadelholzsägewerk betreibt, nicht. Ob es sich bei der Fläche um einen zertifizierten Wald handelt, konnte die Landesregierung nicht beantworten. Falls ja, dann werden dem Unternehmen demnächst auf Antrag mindestens 100 Euro pro Hektar aus dem Corona-Konjunkturpaket des Bundes überwiesen.

Norbert Panek hat übrigens beobachtet, dass die ersten Fichten am Hohen Knochen schon vertrocknen...

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