Uni Siegen

Warum Frauen in MINT-Berufen immer noch fehlen

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Schülerin beim Girl’s Day. Aber was kommt danach im MINT-Beruf? Foto:Bernd von Jutrczenka/dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Schülerin beim Girl’s Day. Aber was kommt danach im MINT-Beruf? Foto:Bernd von Jutrczenka/dpa

Siegen.   Junge Frauen sind in MINT-Berufen noch immer deutlich unterrepräsentiert. Das liegt an den Arbeitsbedingungen, zeigen Forschungen der Uni Siegen.

An Werbung fehlt es nicht: MINT-Tage für Schülerinnen sind seit vielen Jahren üblich. Aber was wird, wenn sich die Mädchen für einen Beruf im Feld von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik entschieden haben?

Wissenschaftler der Universität Siegen und des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn untersuchen die Karriereverläufe junger Frauen in MINT-Berufen. Das IfM Bonn hat Statistiken ausgewertet, an der Uni Siegen hat die wissenschaftliche Mitarbeiterin Julia Schnittker insgesamt 72 tiefergehende Interviews geführt.

Mit wem haben Sie gesprochen?

Julia Schnittker: Mit angestellten Frauen in MINT-Berufen im Mittelstand sowie mit selbstständigen Frauen in MINT-Bereichen. Außerdem haben wir mit ExpertInnen gesprochen. Unsere Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber es zeigen sich wiederkehrende Muster. Ein guter Teil der von uns befragten Gründerinnen ist aus Unternehmen, auch größeren Konzernen, ausgestiegen, weil die Männerkultur dort für sie zu problematisch war. Eine Frau hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie einen Vorgesetzten bekam, der nie mit ihr sprach, sondern nur mit Männern kommunizierte. Dann hat sie sich selbstständig gemacht.

Das ist aber nicht der Normalfall?

Das war nur ein Einzelfall. Aber fast alle von uns befragten Frauen hatten das Gefühl, sie müssten mehr leisten als Männer, um sich zu beweisen. Nach einer gewissen Zeit oder nach einer gut bewältigten Aufgabe fühlten sie sich allerdings meist als gleichberechtigtes Teammitglied wahrgenommen. Manche Frauen haben jedoch dieses Durchsetzungsvermögen nicht. Andere hingegen empfinden es als positiv, dass sie als „besonders“ wahrgenommen werden.

Sind MINT-Frauen nicht aus Ausbildung und Studium gewöhnt, als Exotinnen betrachtet zu werden?

Im Studium ist die Außenseiterrolle eine andere, weil Frauen von ihren Kommilitonen hier nicht als Konkurrentinnen betrachtet werden. Im Beruf ist das anders. Da erwarten viele Frauen, dass die Qualifikation im Vordergrund steht, erfahren aber dann, dass in der Realität andere Dinge oft wichtiger sind.

Welche sind das?

Die Unternehmenskultur spielt hier eine wichtige Rolle. In vielen Betrieben gibt es auch heute noch eine klassische Rollenverteilung: Da räumt die Frau eben die Spülmaschine in der Teeküche aus. Wenn eine Frau in einem sogenannten „Männerberuf“ das nicht macht, kommt bei Kolleginnen aus anderen Bereichen bisweilen Neid auf, wurde uns berichtet. In einer Männerdomäne tätig zu sein, scheint also Probleme sowohl mit anderen Frauen, als auch mit Männern mit sich bringen zu können. Problematisch sind natürlich auch die Klassiker: Frauen sind interessiert an Teilzeit, an flexiblen Arbeitszeiten, an den Möglichkeiten zum Homeoffice.

Das erschwert dann natürlich die Karriere.

Es kommt darauf an, was man unter Karriere versteht. Vielen Frauen geht es nicht in erster Linie um mehr Geld oder um eine Führungsposition, sondern sie wollen auch ein Familienleben, also eine gute Work-Life-Balance. Anscheinend stärker noch, als ihre männlichen Kollegen.

Auch Frauen in MINT tendieren also zum Sozialen, ganz wie es dem weiblichen Klischee entspricht?

Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber unter den von uns befragten Frauen waren einige, die Technik anwenden, um etwas für die Umwelt zu tun, oder um Menschen zu helfen.

Nun ist MINT ja ein sehr weites Feld.

In der Tat. Die Verhältnisse sind sehr verschieden. In den Naturwissenschaften ist die Biologie sogar eine weibliche Domäne. In der Informatik ist der Frauenanteil zwar noch gering, aber die Bedingungen sind eigentlich sehr gut: Die Arbeit ist kreativ, man arbeitet in Teams, kann seine Arbeitszeiten oft flexibel gestalten. Doch auch für andere Berufe gilt: Viele Frauen wissen gar nicht, was es für attraktive Tätigkeiten und Chancen gibt. Das sollte besser kommuniziert werden.

Die Bedingungen für Informatikerinnen sind also gut. Wo sind sie schlechter?

Nach unseren Ergebnissen ist es schwierig in Unternehmen in der Produktion und generell in eher ländlichen, traditionellen Strukturen. Das kann z.B. angesichts des Mangels an Fach- und Führungskräften für das mittelständisch und altindustriell geprägte Südwestfalen problematisch werden – insbesondere, wenn die Frauen in MINT zu großen Konzernen oder zu anderen Unternehmen in Großstädte abwandern, weil es dort beispielsweise ein Diversity Management gibt. Daher müssen die mittelständischen Unternehmen noch mehr Anstrengungen unternehmen, um die weiblichen Fachkräfte zu gewinnen und zu binden. Manche tun es, andere nicht. Unternehmenskulturen sind sehr unterschiedlich.

Was würde denn helfen?

Ich denke, es ist von Vorteil, wenn eine größere Anzahl von Frauen bereits im Unternehmen ist – idealerweise nicht nur in frauentypischen Berufen.

Frauen brauchen Vorbilder?

Keine abstrakten Rollenmodelle, denen sie nacheifern können, keine Nobelpreisträgerin, die sie anspornt. Wichtig sind greifbare Vorbilder: Frauen in ihrer Nähe, in ihrem Umfeld, deren Beispiel zeigt „Hey, das ist machbar mit dem Job in MINT oder mit der Unternehmensgründung oder der Führungsposition. Das kann ich auch.“

Was ist denn Ziel der ganzen MINT-Initiativen für Frauen? Eine 50 Prozent Ouote?

Ich persönlich denke, es geht nicht darum, dass wir eine bestimmte Quote erreichen. Es geht darum, dass jeder Mensch, egal welches Geschlecht er oder sie hat, seinen Interessen und Talenten folgen kann, ohne dass externe Faktoren eine so große Rolle spielen.

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