Harter Brexit

Unternehmer Arndt G. Kirchhoff sieht Briten im freien Fall

NRW-Arbeitgeberpräsident und Unternehmer Arndt G. Kirchhoff prognostiziert England innerhalb weniger Monate nach dem Brexit einen wirtschaftlich freien Fall.

NRW-Arbeitgeberpräsident und Unternehmer Arndt G. Kirchhoff prognostiziert England innerhalb weniger Monate nach dem Brexit einen wirtschaftlich freien Fall.

Foto: Ulrich Hufnagel

Arnsberg.   Noch 50 Tage bis zum vermutlich harten Brexit. Was südwestfälische Unternehmen jetzt tun sollten, erklärten Experten bei der IHK in Arnsberg.

Welche Auswirkungen der Brexit auf die südwestfälische Wirtschaft haben wird, lässt sich exakt erst sagen, wenn die Art der Scheidung feststeht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Geschäfte mit dem für Nordrhein-Westfalen drittwichtigsten Exportmarkt zum Erliegen kommen könnten.

Deutscher Zoll unvorbereitet

Schon allein, weil der Zoll nicht vorbereitet scheint, es unter den gegebenen unklaren Umständen auch schwer hat, sich mit Personal zu wappnen. Aktuell gibt es nicht einmal ein Zoll-Formular für Großbritannien als potenzielles Drittland. Ob so etwas über Nacht vorliegen wird, scheint höchst fraglich. Vielleicht schenkt die Europäische Union den Briten auch noch einmal etwas Zeit für einen geregelteren Austritt. Der Brüsseler Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Matthias Dubbert, ist aber ziemlich sicher, dass es höchstens Wochen werden könnten: „Maximal bis zum Sommer.“

Es ist diese Ungewissheit, die viele heimische Unternehmer nervös macht. „Ich glaube, wir sind auch nicht ausreichend vorbereitet auf den Brexit“, sagt Ralf Stoffels, geschäftsführender Gesellschafter des Ennepetaler Automobilzulieferers B.I.W. Isolierstoffe, bei einer Informations- und Diskussionsveranstaltung in Arnsberg, zu der die Industrie- und Handelskammern Arnsberg, Siegen und Hagen eingeladen hatten. Die über einhundert interessierten Unternehmerinnen und Unternehmer hätten sicher gerne einen genauen Plan mit nach Hause genommen, was für den Fall der Fälle zu tun ist, wenn die Geschäfte mit Großbritannien nicht aufgegeben werden sollen. Diesen Plan gibt es aber nicht. Immerhin einige praktische Tipps vom Unternehmer Arndt G. Kirchhoff (Kirchhoff-Gruppe) und Dubbert vom DIHK.

Kirchhoff, dessen Unternehmensgruppe in Irland (Automotive) und Wales (Nutzfahrzeuge) Produktionen unterhält, rät, sofort das Währungsrisiko abzusichern. Seit der Ankündigung des Brexits hat das Pfund gegenüber dem Euro bereits deutlich an Wert eingebüßt. Bezahlt der Kunde also in britischer Währung, erleidet der Lieferant im Euroraum entsprechende Verluste. Bei der Größenordnung eines Unternehmens wie Kirchhoff sind das schnell Millionenbeträge. Kommt es zum harten Brexit – und damit rechnen immer mehr Experten – fällt Großbritannien in der Nacht vom 29. auf den 30. März in den Status eines Drittlandes ohne jegliches Abkommen. „Sie müssen dann auch den Markenschutz neu beantragen, sich um ihre Beschäftigten kümmern“, sagt Kirchhoff.

Auch die Gültigkeit von Zertifizierungen, beispielsweise von britischen Maschinen, müssten überprüft werden, sagt DIHK-Experte Dubbert: „Im Zweifel beim TÜV anrufen.“ Und für die Zukunft: „Ganz dringend eine Brexitklausel in die Verträge schreiben, wer die Zölle zahlt.“

Beispiele, die nur ahnen lassen, was auf die Wirtschaft auf beiden Seiten zukommen wird.

Hoffen auf die Rolle rückwärts

So viel scheint nicht nur für Unternehmer und NRW-Arbeitgeberpräsident Arndt G. Kirchhoff festzustehen: Unter dem Strich kenne der Brexit nur Verlierer. Die größten sieht er auf der Insel. Nicht einmal mehr eine Hollandtomate kommt ohne Zollabkommen ohne weiteres über den Ärmelkanal, von Medikamenten ganz zu schweigen. „Bis Ende Dezember wird sich die Situation in England rapide verändern. Ich spreche von einem freien Fall.“ Kirchhoffs gar nicht so geheime Hoffnung ist, dass die Briten sich dann besinnen und am besten eine Rolle rückwärts einleiten.

Einfacher wäre eine klare und schnelle Entscheidung pro EU. Aber danach sieht es wirklich nicht aus.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben