Wald

Biologe aus Schmallenberg kritisiert maßlose Wald-Romantik

Der Wald ist der Sehnsuchtsort der Deutschen.

Foto: Fabian Strauch

Der Wald ist der Sehnsuchtsort der Deutschen. Foto: Fabian Strauch

Schmallenberg.   Im Spannungsfeld von Umweltschutz und Waldbau: Der Schmallenberger Biologe Torben Halbe streitet gegen den Bestseller-Förster Peter Wohlleben

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Der Wald ist der Sehnsuchtsort der Deutschen schlechthin. Ruhe und Entspannung erwartet der Wanderer dort, ja sogar fast religiöse Erbauung in den aus Baumstämmen gebildeten stillen Kathedralen. Bäume reichen tief in die Vergangenheit und weisen weit in die Zukunft. Wehe, wenn die Motorsäge in diese Idylle kreischt.

Doch Forste sind in erster Linie Wirtschaftsbetriebe, sie werden touristisch genutzt und stehen im Fokus von Umweltschutzdebatten. In diesem Spannungsfeld gedeiht auch die Buchproduktion.

„Das geheime Leben der Bäume“ von Deutschlands bekanntestem Förster Peter Wohlleben hat es 132 Wochen lang auf die Sachbuch-Bestsellerlisten geschafft. Der junge Schmallenberger Biologe Torben Halbe legt jetzt mit „Das wahre Leben der Bäume. Ein Buch gegen eingebildeten Umweltschutz“ einen Widerspruch gegen den berühmten Verkaufsschlager vor.

Vermenschlichte Bäume

Peter Wohlleben spricht den Bäumen in seinem Bestseller geradezu menschliche Fähigkeiten zu: Sinneswahrnehmungen, Kommunikation, Moral. Damit steht er in einer langen kulturellen und religiösen Tradition. „Aber Wohlleben verkauft seine Thesen eben nicht als Religion, sondern als Wissenschaft. Dem muss man widersprechen“, begründet Torben Halbe, warum er in leicht verständlicher Form wissenschaftliche Erkenntnisse zu Wald und Baum publiziert. „Langsam geht eine Diskussion über Wohllebens Werk los, die hat bisher gefehlt, und das war meine Motivation, ebenfalls ein Buch zu schreiben.“

Während die Fachwelt die Ausführungen des Eifeler Forstingenieurs seit 2015 weitgehend ignoriert hat, sprechen die Verkaufszahlen von der neuen Sehnsucht eines bürgerlich-akademischen Publikums, in einer aus den Fugen geratenen globalisierten Welt im Wald für sich selbst wieder Wurzeln zu entdecken. Denn Wohlleben entwirft das reizvolle Bild einer besseren Gesellschaft aus Bäumen, ein beseeltes, durchorganisiertes System, in dem der Schwächere nicht alleine gelassen wird. Dies verknüpft er mit politischen Forderungen, zum Beispiel 15 Prozent der deutschen Wälder stillzulegen. „Diese politischen Forderungen empören mich“, so Torben Halbe. „Sie sind respektlos gegenüber der Naturwissenschaft und den Waldbesitzern, denen er unterstellt, sie wären nur am Profit interessiert.“

Der Wald ist ein komplexes Ökosystem, ganze Landstriche wie Südwestfalen leben von ihm. Ein Waldbauer denkt nicht in kurzfristigen Gewinnerwartungen, sondern in Generationen. Von einem Baum, der heute gesetzt wird, haben erst die Enkel etwas.

Deshalb hält Torben Halbe es für grundverkehrt, aus ideologischen Gründen einen Konflikt zwischen „gutem“ Umweltschutz, der die Bäume in Ruhe lässt, und „schlechten“ Waldbauern mit gefräßigen Vollerntern zu inszenieren.

Dieser Gegensatz basiert zudem auf einem Irrtum. Schon in der Romantik war der Wald kein wilder Urwald, sondern ein bewirtschafteter Kulturwald. Die heutigen Wanderwege und Mountainbike-Pisten wachsen nicht, sie müssen angelegt und gepflegt werden.

Wald als komplexes Thema

„Weil sich die Waldbesitzer und die Jäger so gut um den Wald kümmern, kommen die Städter zu Besuch. Und dann sehen sie den schönen aufgeräumten Wald und denken sich, dass er von Natur aus so aussieht. Und dann gehen sie nach Hause und schimpfen auf die Waldbesitzer“, so Halbe. Peter Wohlleben weiß es als Förster natürlich besser. „Aber dadurch, dass er die Bäume vermenschlicht, konstruiert er Bäume als moralische Instanz und baut sie als moralisches Vorbild für den Menschen auf. Das ist absurd. Bäume haben keine Moral.“

Torben Halbe plädiert dafür, das Thema Wald und Waldnutzung in seiner ganzen Komplexität zu diskutieren. Natürlich gibt es Regionen, in denen es sinnvoll ist, Wälder stillzulegen, damit sie sich im Verlauf von Generationen in Urwälder verwandeln. Natürlich ist es möglich, Wälder als Begräbnisstätten zu nutzen. Aber auch Christbaum-Plantagen und ertragreiche Fichtenforste haben ihren Wert. Halbe: „Der Begriff der Nachhaltigkeit im Sinne der Ressourcennutzung ist 1713 erst über die Forstwirtschaft in die deutsche Sprache gelangt. Der Waldbau in Deutschland ist eine der nachhaltigsten Unternehmungen der westlichen Welt, er hat diese Anfeindungen nicht verdient. Der Waldbau formt den Wald und zerstört ihn nicht. Selbst Ruheforste funktionieren nur, wenn Wege angelegt werden.“

Der Schmallenberger Torben Halbe, 29, studierte Biologie und Neurowissenschaften an der ETH in Zürich. Derzeit absolviert er ein ergänzendes Studium der Wissenschafts-Kommunikation in Sudbury in Kanada.

Torben Halbe: Das wahre Leben der Bäume. Ein Buch gegen eingebildeten Umweltschutz.
Woll-Verlag, 176 Seiten, 19,90 Euro

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