Tatorte

Verurteilter Mörder: „Mir ist diese Tat unbegreiflich“

Der verurteilte MörderThomas H. (58) in seiner Zelle der JVA. Tatortserie - Interview mit einem Mörder in der JVA Schwerte am Donnerstag den 23.11.2017. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Der verurteilte MörderThomas H. (58) in seiner Zelle der JVA. Tatortserie - Interview mit einem Mörder in der JVA Schwerte am Donnerstag den 23.11.2017. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Foto: Lars Heidrich

Schwerte.   Thomas H. ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. 2011 hat er seine Frau erschossen. Ein Gespräch mit einem Mörder im Gefängnis in Schwerte.

Aika lebt. Bis heute. Seinem Jagdhund geht es gut. „Sie müssen sich mal vorstellen, mir war es wichtig, dass der Hund versorgt war. Ein Deutsch Drahthaar. Meine Frau aber kann ich erschießen.“

Pause.

Nein, das ist nicht vorstellbar.

Der Zuhörer erstarrt. Das hört sich ungeheuerlich an. Kaltblütig. Und es kommt so locker rüber. Das Gespräch mit dem zu lebenslanger Haft verurteilten Mörder nimmt gleich zu Beginn unwirkliche Züge an. Im Besucherraum der Justizvollzugsanstalt Schwerte sitzt der heute 58-jährige frühere Weinhändler Thomas H. und schildert seine Tat. So, als könne er sie bis heute nicht verstehen: „Ich war wie in einem Tunnel.“

Erdrückende Schuldenlast

Im Oktober 2011 weiß das kinderlose Paar, seine Ehefrau L. ist Allgemeinmedizinerin, nicht weiter. Der Gerichtsvollzieher geht im Einfamilienhaus im nördlichen Münsterland ein und aus, die finanziellen Sorgen sind erdrückend.

Das Paar lebt jahrelang über seine Verhältnisse, am Ende buchstäblich von der Hand in den Mund. „Wir waren völlig überschuldet. Das wusste niemand.“ Im Prozess am Landgericht in Münster ist später die Rede von Verbindlichkeiten von über 70 000 Euro.

In der aus seiner Sicht ausweglosen Lage plant Thomas H., seine Frau und sich umzubringen. Er will sie nicht mit den Schulden alleine lassen. Den Hund bringt er am Abend vor dem Verbrechen zu Nachbarn.

Aus nächster Nähe seine Frau erschossen

Aus nächster Nähe schießt der Hobbyjäger seiner Frau am Dienstagmorgen, 11. Oktober 2011, um 6.15 Uhr im Wohnzimmer mit dem Gewehr in den Rücken. Ein Schuss. Die 49-Jährige bricht zusammen, ist auf der Stelle tot. „Sie sollte nichts mitbekommen.“

Er verlässt das Haus, fährt nach seinen Angaben zu einem Parkplatz, setzt das Gewehr am Kinn an, um sich umzubringen. „Ich konnte nicht abdrücken. Ich hatte keine Kraft mehr.“ Wenig später stellt er sich auf der Polizeiwache: „Ich habe gerade meine Frau erschossen.“ Von dem Tag an ist er kein freier Mann mehr. „Heute ist mein 2234. Tag in Haft.“

An der Innenseite der Tür seiner Zelle im Erdgeschoss der Anstalt pappt ein Aufkleber mit der Aufschrift: „Man muss die Schuld auch mal bei anderen suchen.“ Thomas H. tut das nicht. Er kann sein Handeln bis heute nicht fassen. „Mir ist es unbegreiflich, dass ich zu so einer Tat fähig gewesen bin. Die Strafe ist angemessen. Kein Mensch kann beurteilen, wie ich meine Tat bereue.“ Bis zum Mord ist er nie straffällig gewesen.

Freunde stehen vor einem Rätsel

Das Paar ist seit 1976 zusammen, kennt sich aus der Jugend und ist im Ort gesellschaftlich anerkannt, engagiert sich in den Vereinen, sei es bei den Schützen oder den Jägern. Über seine ermordete Frau spricht er wenig. Nur so viel: „Von mir werden sie kein schlechtes Wort über sie hören.“ Freunde und Angehörige stehen nach der Bluttat vor einem Rätsel. Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum sucht Thomas H. bis heute. Eines weiß er: „Wir haben viel zu wenig miteinander über unsere Gefühle gesprochen.“

Und Thomas H. macht heute das, was ihm der Psychologe in vielen Sitzungen empfohlen hat. „Ich soll nicht immer zurückschauen. Jetzt blicke ich verhalten optimistisch in die Zukunft.“ Täglich führt er Tagebuch. „Am Anfang habe ich noch aufgeschrieben, was es zu essen gibt. Heute nur noch, was für mich wesentlich ist.“

In der Haft ist der Glaube an Gott intensiver geworden

Und, in der Haft ist sein Glaube intensiver geworden. „Ich spreche jeden Abend fünf Minuten mit dem lieben Gott über alles Mögliche. Nur für mich.“ Er spürt, dass ihn sechs Jahre Gefängnis verändert haben. „Ich bin nachdenklicher geworden, habe andere Prioritäten. Vieles relativiert sich. Selbst mein Interesse für Fußball ist gesunken.“

Wichtig sind ihm Freunde und Familie. Seine betagten Eltern besuchen ihn, auch seine Geschwister. Selbst Freundinnen seiner ermordeten Frau kommen nach Schwerte. „Ich schreibe viel und pflege Brieffreundschaften. Ich lebe bewusster.“ Er vermisst menschliche Wärme und Nähe. „Die Sehnsucht danach ist groß. Niemand kann sie ersetzen.“ Herz und Schmerz holt er sich aus dem Fernsehen in die Zelle. „Früher habe ich meine Frau belächelt, wenn sie Rosamunde-Pilcher-Filme angeguckt hat, heute sehe ich sie selber.“

Thomas H. vermisst die Natur

Thomas H. hat Abitur gemacht, eine Banklehre absolviert, ein paar Semester Jura studiert und zuletzt als Weinhändler gearbeitet. Er weiß, wenn es gut läuft, dass er irgendwann als Rentner das Gefängnis verlässt. Sein größter Wunsch: noch einmal zum Skiurlaub nach Tirol. Seine Sehnsucht nach Natur ist groß.

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