Ausbildung

Vom Hirten zum Straßenbauer – ein außergewöhnlicher Lehrling

Nazrat Safe beginnt nun eine Ausbildung zum Straßenbauer.

Nazrat Safe beginnt nun eine Ausbildung zum Straßenbauer.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Arnsberg.   Nazrat Safe ist 2015 aus Afghanistan gekommen. In nur drei Jahren hat er den Schulabschluss nachgeholt – trotz schwerer Krise.

Nazrat Safe ist im Sommer 2015 nach Deutschland gekommen. Da konnte er weder lesen noch schreiben, sagt er. Er hatte noch nie in seinem Leben eine Schule besucht. Jetzt hat er seinen Hauptschulabschluss der internationalen Förderklasse am Berufskolleg gemacht – und startet in der kommenden Woche seine Lehre als Straßenbauer.

Nazrat kommt aus Afghanistan, aus der Nähe von Kundus. Als er vier Jahre alt war, starb seine Mutter bei der Geburt des kleinen Bruders. Als er zwölf war, wurde sein Vater von den Taliban getötet. Nazrat wuchs bei der Oma auf und dem Onkel. Er hütete Schafe und Kühe. Zur Schule ging er nicht. Mit 15 Jahren geriet er selbst ins Visier der Taliban. Da gab der Onkel den Jungen einem Schlepper mit.

Es ging von Afghanistan über den Irak, die Türkei, über Bulgarien, Serbien und Ungarn. Mal mit dem Auto und oft tagelang zu Fuß, so erzählt er seine Geschichte. Ausführlich, in gutem Deutsch. Schlepper – bei dem Wort gerät er ins Stocken, fragt noch einmal nach, wie man es richtig ausspricht, bis er es am Ende seiner Rede kann.

In Ungarn ließ ihn der Schlepper im Stich. Nazrat schlug sich durch, übernachtete im Park – und lief eines Tages all den anderen Flüchtlingen hinterher, die in einen Zug stürmten. Es ging nach Österreich, später nach München. Das war im August 2015, als Bundeskanzlerin Merkel sagte, dass wir das schaffen. Nazrat hat es geschafft.

Ein Strahlemann

Von München kam er über Frankfurt, Dortmund – und dann eines Tages schließlich nach Arnsberg.

Jugendliche allein ohne Eltern auf der Flucht – in Arnsberg begann Marita Gerwin von der Fachstelle „Zukunft Alter“ damals, ein Paten-Netz aufzubauen: Senioren, die Jungen wie Nazrat ehrenamtlich durch das neue Leben helfen.

So fand Nazrat „Omi“, wie er sie nennt: Karola Hilborne-Clarke, Lehrerin im Ruhestand. Omi besuchte jeden Dienstag und jeden Freitag Nazrat und die beiden anderen Flüchtlingsjungen, mit denen er sich eine Wohnung teilte. „Wenn ich wusste, dass Omi kommt, habe ich immer geduscht“, macht Nazrat deutlich, wie wichtig ihm die Besuche waren. Erst lernten sie zusammen Deutsch – „und dann sind wir ins Jugendzentrum gefahren zum Kickern und Billardspielen“, erzählt Nazrat – und lacht wie so oft. „Er ist ein Strahlemann“, sagt Karola Hilborne-Clarke.

„Hallo“ und „Wie geht es dir“. Das waren die ersten Wörter und Sätze, die Omi Nazrat beibrachte. Wenn sie durch die Stadt gingen, dann zeigte Omi auf die Ampel und sagt „Ampel“, sie zeigte auf den Bus und nannte das Wort, auf die Wagen und sagte „Auto“. Sie brachte ihm Heft, Bleistift und Radiergummi. So begann er zu schreiben: A, B, C. Im Februar 2016 kam er in die Schule. „Ich hatte Schwierigkeiten beim Lesen“, sagt er. Aber Omi habe ihm Kindergeschichten mitgebracht: Pixi-Bücher. Darin las er abends. „Heute lese ich alles“, sagt Nazrat. „Er ist sehr clever“, beschreibt ihn seine Patin. „Er guckt, er beobachtet – und nimmt dadurch auf.“

Die Krise kam, als sein Asylantrag abgelehnt wurde. Nazrat ging nicht mehr zur Schule. Es schien keinen Sinn mehr zu haben. Er ging auch nicht mehr zu Omi. Aber Karola Hilborne-Clarke ließ sich nicht abwimmeln. Gemeinsam mit Marita Gerwin erklärte sie Nazrat, dass er Widerspruch gegen die Entscheidung einlegen könne. Dass er eine gute Chance habe zu bleiben, wenn er den Schulabschluss schaffe, eine Ausbildung mache und danach einen Job finde.

Ein Superjunge

Er hat sich wieder angemeldet in der Schule. Er hat den Abschluss gemacht: mit drei Einsen, Zweien, einer Drei und einer Vier. Er hat sich noch zu Schulzeiten ein Praktikum gesucht in der Straßenbau-Firma von Peter Knispel, und dann dort noch gleich ein zweites gemacht. Der 67-jährige Firmenchef wollte eigentlich kurz vor dem Ruhestand keine Lehrlinge mehr annehmen, auch weil er keine guten Leute mehr gefunden habe, sagt er. „Aber das ist ein Superjunge. Solche Leute brauchen wir, die Einsatz zeigen und für ihren Ausbildungsplatz kämpfen.“

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