Tatorte

Vom Vater missbraucht und verbrannt

Experten um Professor Vanesses von der Universität Glasgow in Schottland haben dem Opfer wieder ein Gesicht gegeben

Experten um Professor Vanesses von der Universität Glasgow in Schottland haben dem Opfer wieder ein Gesicht gegeben

Foto: Polizei - Sonderkommission MK Bergfeld

Altena/Hagen.   Die „Bergfeld-Leiche“: Das brutale Verbrechen aus dem Sommer 1997 ist bis heute ungeklärt, die Identität des Opfers ist unbekannt.

Die junge Frau ist einen fürchterlichen, gewaltsamen Tod gestorben: zunächst vom eigenen Vater missbraucht, dann gewürgt und schließlich bei lebendigem Leib in einem Waldstück in Altena angezündet und verbrannt. Bis zur Unkenntlichkeit. Wer die junge Frau war, ist bis heute, 20 Jahre nach der Tat, nicht bekannt; das Opfer des grausamen Verbrechens konnte nie identifiziert werden. Auch der Täter bleibt unbekannt. Das macht die Gewalttat, neben der Brutalität, mit der sie ausgeführt wurde, außergewöhnlich: „Ich kenne keinen vergleichbaren Fall – zum Glück“, sagt Kriminalkommissar Ulrich Kayser.

Der Fundort der Frauenleiche, ein Waldstück im Süden von Altena, gibt dem Fall und dem Opfer seit 20 Jahren einen Namen: die „Bergfeld-Leiche“. Es ist zugleich ein Synonym dafür, dass Ermittlungsarbeit an Grenzen stößt . „Die Polizei hat alles unternommen, um den Fall aufzuklären. Leider erfolglos“, muss Ulrich Kayser, Leiter des Kriminalkommissariats 11 am Polizeipräsidium Hagen, auch nach zwei Jahrzehnten feststellen.

Zwar hat die Polizei die DNA des mutmaßlichen Täters, dem Vater der jungen Frau, an der Leiche sicherstellen können, nur: „Es gab und gibt keine passende Vermisstenanzeige zu der jungen Frau.“ Und: „Der Abgleich der Täter-DNA in den Datenbanken hat bisher ebenfalls nie zu einem Treffer geführt.“

Auch Beiträge in der ZDF-Sendereihe „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ und in der RTL 2-Sendung „Ungeklärte Mordfälle“ bringen keine entscheidende Hinweise. Trotz Millionenpublikums.

Fahndung bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ bleibt erfolglos

Damit fehlt jeder weitere Ermittlungsansatz. Für ein Profiling, also das Erstellen eines Täterprofils aus den bisherigen Spuren, wie es in der modernen Kriminalistik angewendet wird, gibt es zu wenige Erkenntnisse, sagt Kayser. Und führt als Beispiel einen elementaren Unterschied zur Lebenswelt des durchdigitalisierten 21. Jahrhunderts an: Anders als heute waren 1997 Handys, über deren Spuren, die sie im Funknetz hinterlassen, ein Tatort einem Tatverdächtigen oder zumindest einem Personenkreis zugeordnet werden kann, eine Seltenheit. Von Navigationsgeräten, deren Speicher die Ermittler bei einem Tatverdächtigen auslesen könnten, ganz zu schweigen. Also beides keine Ansätze für die Ermittler.

Montag, 2. Juni 1997. Gegen 19.30 Uhr macht ein junger Motorradfahrer, der mit einer geländegängigen Maschine seinen Bewegungsdrang auch abseits von Wegen auslebt, die grausige Entdeckung: Am Ende eines Waldwegs am Bergfeld, einer Ortslage auf dem Weg aus dem Altenaer Rahmedetal hinauf nach Lüdenscheid und zur Sauerlandlinie, liegt eine Frauenleiche. Unbekleidet. Das linke Bein ist leicht abgewinkelt, steht unnatürlich vom Körper ab. Die obere Körperhälfte ist stark verbrannt.

Was die Spurensicherung ergibt, ist nicht viel – wirft aber ein Bild darauf, wie brutal der Mörder vorgegangen sein muss: Die junge Frau, mutmaßlich im Alter von 16 bis 22 Jahren und mit 1,55 Meter Körpergröße von eher kleiner Statur, ist von ihrem Vater vergewaltigt worden. Das ergibt sich aus DNA-Spuren, die bei der Obduktion gefunden werden. Dass der Geschlechtsverkehr nicht einvernehmlich war, leitet die Polizei daraus ab, dass sich unter den Fingernägeln des Opfers noch Hautfetzen des Vaters finden. „Das ist typisch für ein Abwehrverhalten des Opfers“, erläutert Kriminalkommissar Ulrich Kayser. Bevor der Körper der Frau mit Benzin übergossen und angezündet wird, würgt der Täter das Opfer – das aber noch atmet, als ihr Körper in Flammen aufgeht: Spuren in der Lunge belegen, dass sie noch Rauch eingeatmet hat.

Zeugen, die vielleicht einen Feuerschein oder den Rauch gesehen haben könnten, finden sich nicht. Dafür war der Tatort wohl auch zu abgelegen.

„Eine Mutter muss doch ihre Tochter vermissen!“

Die Hoffnung der Ermittler, dass eine Vermisstenmeldung sie zur Identität der jungen Frau und damit unweigerlich zum Täter führt, erfüllt sich nicht. Für Ulrich Kayser bis heute unbegreiflich: „Eine Mutter muss doch ihre Tochter vermissen!“

Die weitere Untersuchung der Leiche ergibt zunächst eine einzige Besonderheit. Das Opfer hat auffallend gepflegte Zähne und trug auf einem Schneidezahn ein Schmuckstück: einen so genannten Strassstein. „Ein Abbild des Gebiss’ ist in Fachzeitschriften für Zahnärzte bundesweit veröffentlicht worden. Ohne Erfolg“, berichtet Kriminalkommissar Kayser.

Experte in Glasgow gibt dem Opfer wieder ein Gesicht

Schließlich machen die Ermittler im schottischen Glasgow einen Fachmann für die Rekonstruktion von Gesichtern aus: Professor Vanesses. „Der galt damals als Maß aller Dinge“, erinnert sich Kayser. Der Experte gibt an Hand des Schädels, trotz der starken Verbrennungen, dem Opfer ein Gesicht zurück: „So könnte die Frau ausgesehen haben“, sagt Kayser. Bundesweit wird das Computerbild veröffentlich. Ohne, dass es brauchbare Hinweis bringt.

Die Mordkommission geht auch der Spur nach, das Opfer könnte aus einer Gruppe Durchreisender stammen: Am Wochenende vor der Tat ging in Altena das Schützenfest zu Ende; die Frau hätte zur Gruppe der Schausteller gehören können. Aber auch dieser Weg endet im Nichts.

Fünf Aktenordner, Blätter, zumeist noch mit Schreibmaschine getippt, füllen die Unterlagen zur „Bergfeld-Leiche“. „Jeder Auszubildender, jeder Referendar im Polizeipräsidium bekommt die Unterlagen zu lesen – weil es ein so ungewöhnlicher Fall ist“, berichtet Kriminalkommissar Ulrich Kayser.

Ob er noch Hoffnung hat, den Fall aufklären zu können? „Irgendwo muss es doch eine Familie geben, die ihre Tochter vermisst. Und Menschen mit einem Gewissen...“, antwortet der Kriminalist.

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