Wissenschaft

Von Paderborn aus starten Flüge in die Schwerelosigkeit

Szenen von einem Parabelflug: Die Forscher arbeiten in der Schwerelosigkeit.

Szenen von einem Parabelflug: Die Forscher arbeiten in der Schwerelosigkeit.

Foto: Novespace

Paderborn/Lippstadt.  Weil in Frankreich Corona zu sehr wütet, starten jetzt von Paderborn aus Flüge in die Schwerelosigkeit. Auch für Forschungen der Raumstation ISS.

Das laute Geräusch der Turbinen dröhnt in den Ohren, als der Airbus A310 Zero-G über die Bahnen des Flughafens Paderborn-Lippstadt rollt. Mehr als 20 Wissenschaftler, Ärzte und Sicherheitsleute verlassen das Flugzeug in ihren blauen oder orangefarbenen Overalls. Sie haben mehrere Stunden Flug hinter sich – und das teilweise in Schwerelosigkeit. Die nutzen die Teams für ihre Experimente in mehreren tausend Metern Höhe.

Es ist das erste Mal, dass eine Parabelflugkampagne des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Paderborn stattfindet. Eigentlich sollte der Flieger bereits Anfang September in Bordeaux starten, wegen der vielen Corona-Infektionen in Frankreich wurde aber kurzfristig umdisponiert. „Das ist uns eine große Ehre“, sagte Roland Hüser, kaufmännischer Leiter des Flughafens Paderborn-Lippstadt, am Dienstag zum Start der Kampagne, die am gleichen Tag beginnt, an dem der Flughafen Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt hat.

„Forschungsflüge gibt es hier normalerweise nicht“, sagt Hüser. Geschäftsreisende und Urlauber seien die eigentliche Zielgruppe des Flughafens. Anders in diesen Tagen: Bis Mittwoch werde dort „exzellente Wissenschaft in Deutschland geschaffen“, betonte Dr. Walther Pelzer vom Vorstand des DLR.

Bänder zum Festhalten im Inneren der Maschine

Denn in dem Airbus der französischen Firma Novespace wird bei Schwerelosigkeit experimentiert – mit seltenen Erden, Lasern und 3D-Druckern. Unter anderem als Vorbereitung zur weiteren Forschung auf der Raumstation ISS. Mindestens drei Mal soll die Zero-G-Maschine dafür in dieser Woche in Paderborn-Lippstadt abheben.

Im Innern des A310 erinnert nur wenig an den typischen Anblick eines Flugzeugs. Wo sonst hunderte Passagiere Platz finden, stehen nur wenige Sitzplätze für die Mannschaft bereit. Und auch hier gelten die Corona-Schutzmaßnahmen: Maskenpflicht und Abstand halten. Der größte Teil des Airbusses wurde umgebaut: Ein mit Polstern ausgelegter Boden, Bänder zum Festhalten und Netze an den Seiten schützen die Wissenschaftler während des Parabelfluges. Bildschirme, Drucker, Laser und andere Mechanik stehen als Stationen bereit – an ihnen forschen die Gruppen während der Schwerelosigkeit.

Für die Wissenschaftler sei die Kampagne eine tolle und vor allem seltene Möglichkeit, ihre eigenen Experimente unter diesen Bedingungen selbst zu testen, weiß Thomas Driebe. Er ist vom DLR-Raumfahrtmanagement. Für den 49-Jährigen, der auch schon mal Astronaut Alexander Gerst getroffen hat („Ein sehr netter Typ“), war es am Dienstag der erste Parabelflug seit acht Jahren. „Das ist ein Gefühl, das kann man nicht beschreiben. Ein Hochgefühl, das man so nicht kennt. Und es ist sehr anstrengend.“ Doch für jeden Wissenschaftler, der mitfliegen darf, sei das etwas „ganz Besonderes. Man könnte sagen, eine Art Ritterschlag“, so Driebe.

Welche Wissenschaftler mit ihren Experimenten in den Airbus einsteigen dürfen, entscheidet vorher das DLR. Überprüft werden sie dann lediglich auf Flugtauglichkeit, ansonsten werden die Forscher nicht auf die Schwerelosigkeit vorbereitet. Zwar bekäme jeder vorab einen sogenannten Spuckbeutel für den Notfall, sagt Driebe, „aber früher wurde viel mehr Leuten schlecht, heute ist das selten – es gibt vorher eine Spritze gegen die Übelkeit“.

In Richtung Atlantik

Doch was passiert dort oben in der Luft? Der Airbus startet zwar in Paderborn, die Parabelflüge finden aber nicht über der Region statt. Der Flug geht in Richtung Atlantik, denn „wir brauchen viel freien Luftraum dafür“, weiß Driebe. Anstrengend sei nicht unbedingt die Schwerelosigkeit selbst, viel schlimmer sei der Moment davor und danach, vor allem, wenn der Pilot das Manöver starte. Es ähnelt der Flugbahn eines geworfenen Balls. Für etwa 22 Sekunden wird dadurch Schwerelosigkeit erreicht – bis zu 30 Mal hintereinander. „Dabei wirken enorme Kräfte, und 20 Sekunden sind eine ganz schön lange Zeit“, weiß Driebe aus eigener Erfahrung.

Die Schwerelosigkeit sei für die Wissenschaftler deshalb so wichtig, weil sie nur so erfahren könnten, wie sich etwa verschiedenste Materialien dabei verhalten. Die Schwerkraft habe auf vieles einen großen Einfluss, und die Schwerelosigkeit eben auch. Besonders interessant für die Arbeit auf der ISS: 3D-Druck. Wie sich die Materialien dafür in der Schwerelosigkeit verhalten, soll auch bei den Parabelflügen erforscht werden. Das sei eine weltweit führende Forschung, auch für die Wirtschaft, so die Verantwortlichen des Forschungszentrums.

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