Versuchslabor

Waldsterben: Zehn Baumarten für den Wald der Zukunft

Eine Edelkastanie in Wuppertal. Dort wurden versuchsweise Bäume angepflanzt, die besser als unsere heimischen Baumarten mit den sich verändernden Umweltbedingungen klar kommen.

Eine Edelkastanie in Wuppertal. Dort wurden versuchsweise Bäume angepflanzt, die besser als unsere heimischen Baumarten mit den sich verändernden Umweltbedingungen klar kommen.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Wuppertal.  Der Wald ist krank. Doch mit welchen Bäumen sollen die Flächen aufgeforstet werden? Hinweise gibt es aus einem Freiluftlabor in Wuppertal.

Norbert Tennhoff schaut sich um. Er mag, was er sieht: Bäume. Viele Bäume. Vor allem: unterschiedliche Bäume. Das Arboretum Wuppertal ist ein Versuchslabor unter freiem Himmel. Dort werden seit 60 Jahren Baumarten angepflanzt und beobachtet, die eigentlich in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten zu Hause sind und die deswegen andere Eigenschaften haben, die Trockenheit besser vertragen oder weniger anfällig für Schädlinge sind. Diese Bäume werden dringend gesucht, da die Fichte kaum Zukunft zu haben scheint und selbst die Buche unter der Dürre ächzt. Der Wald siecht dahin. Er muss erneuert, also aufgeforstet werden. Mischwälder müssen her. Bei dieser Wette auf die Zukunft liefert Wuppertal wichtige Hinweise.

Experte: „Was im Moment im Wald stattfindet, ist eine Katastrophe“

Was im Moment im Wald stattfindet ist eine Katastrophe“, sagt Tennhoff. Er ist Sachbearbeiter im Team Waldbau beim Landesbetrieb Wald und Holz in Arnsberg. Dahinter verbirgt sich eine Einheit, die die Gegenwart und Zukunft des Waldes im Blick hat. „Es herrscht Alarmstufe Rot“, sagt Tennhoff, „wenn das nächste Jahr wieder große Trockenheit bringt, haben wir ein Waldsterben, das wir uns noch nicht ausmalen können. Das betrifft uns alle, denn die Wälder sind unsere Sauerstoffproduzenten und binden Kohlenstoff.“

Schon jetzt ist das Schadens-Ausmaß immens. Der Wald hat viel mitgemacht. Tennhoff geht die Namen der Stürme durch als wären sie ungeliebte Verwandte, deren Gesellschaft man eben ertragen muss: Lothar, Sabine, Kyrill, Friederike. Sie knickten und kippten die Bäume.

Totes Holz, so viel, dass man ihm kaum Herr werden konnte, weshalb es zu besten Brutplätzen für den Borkenkäfer wurde. Der befiel alsbald auch die lebenden Fichten, denn die brachten – gebeutelt von Hitze und Trockenheit – nicht mehr die Kraft auf, ihre natürlichen Schutzmechanismen zu aktivieren. „Extreme Trockenheit und immer höhere Spitzentemperaturen bringen die Bäume in Stress und machen sie anfällig für Schädlinge wie die Borkenkäfer“, erklärt Tennhoff.

68.000 Hektar Schadenwald

Der Status quo: Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums dürften in Nordrhein-Westfalen 2018 bis 2020 insgesamt rund 35 Millionen Kubikmeter Schadholz anfallen. Eine Waldfläche von 68.000 Hektar könnte bis Ende des Jahres vernichtet sein. Das ist eine Fläche, die etwa 80.000 Fußballplätzen entspricht.

Der Wald muss aufgeforstet, neue Bäume gepflanzt werden. Aber welche? Hinweise liefert das Arboretum Wuppertal, das eines der größten seiner Art in Deutschland ist. Dort stehen Riesenlebensbäume, Edelkastanien, Küstenmammutbäume. Mehr als 200 Arten von allen Kontinenten (außer Australien) sind hier im letzten halben Jahrhundert gepflanzt worden, nicht alle haben durchgehalten. Das Motiv war schon damals Sorge um die Zukunft durch Rauchschäden und saurem Regen.

Botaniker und Lebensmittelchemiker

Über jeden Baum wird Protokoll geführt, wie er sich unter welchen Bedingungen entwickelt hat: wieviel Licht und Sonne braucht er, wieviel Wasser, wie viele Nährstoffe, wie wurzelt er, wie verträgt er sich mit anderen Bäumen? Lebensmittelchemiker der Universität Wuppertal arbeiten zusammen mit Botanikern, um die Geheimnisse der Bäume und den Lebensraum, den sie bieten, zu ergründen.

Problem: Was jetzt entschieden wird, entpuppt sich erst in 40, 50, 60 Jahren als richtig oder falsch. Wer weiß schon, wie sich alles entwickelt, wie das Wetter wird und wie viele Schädlinge es geben wird?

Wald soll wie ein Aktienpaket sein

„Es gibt nicht die eine Baumart, die alles kann“, sagt Tennhoff, „es ist wie bei einem Aktienpaket. Das Risiko muss breit gestreut sein. Wir empfehlen auf der Fläche immer mindestens fünf unterschiedliche Baumarten. Mischungsverhältnis: 80 Prozent einheimische Bäume, 20 Prozent Fremdländer.“

Der Landesbetrieb kann nur beratend zur Seite stehen. „Die Entscheidung darüber, was in einem Wald passiert, trifft der Waldbesitzer allein. Viele von ihnen sind einsichtig, die Geschehnisse der vergangenen Jahre haben sie nachdenklich gemacht.“ Aber? „Aber es gibt auch die, die sagen: Einmal Fichte geht noch.“

<<< Hier die zehn fremdländischen Bäume der Zukunft >>>

1. Pazifische Edeltanne

Herkunft: westliches Nordamerika, Oregon, Washington, Rocky Mountains.

Standort: liebt die Sonne und hohe Niederschläge, könnte gut in den höheren Lagen des Sauerlandes (oberhalb von 400 Metern) gepflanzt werden.

Besonderheit: tiefreichenden Wurzelsystems, schnee-und windbruchfest.

Holz: härteres Bauholz als die einheimische Fichte.

Risiken: Verbiss-, Fege- und Schälschäden durch Wild, Pilzbefall, großer brauner Rüsselkäfer.

Wachstum: sehr langsames Wachstum in den ersten drei bis vier Jahren.

2.Küstenmammutbaum

Herkunft: Küstengebiete Kaliforniens, südliches Oregon.

Standort: Schattenbaumart, in niedrigeren, wärmeren Lagen mit hoher Luftfeuchtigkeit zu Hause.

Besonderheit: weltweit höchst wachsender Baum mit bis zu 110 Metern Höhe.

Holz: Edel und resistent gegen Pilze und Termiten. Handelsname „Redwood“. Kann Ersatz für Tropenholz sein.

Risiken: Winterkälte verträgt er schlecht. Es gibt nur wenige erfolgreiche Anbauten in Europa.

Wachstum: wird bis zu sieben Meter dick und 1000 bis 1500 Jahre alt.

3. Lindenblättrige Birke

Herkunft: Gebirge des nördlichen Japan, dort vor allem in den Höhenlagen bis 1500 Meter.

Standort: mag das Licht und gut durchwurzelbare Lehmböden.

Besonderheit: rasches Jugendwachstum und Frosthärte.

Holz: Handelsname „Cherry tree“. Verwendung in Funier- und Möbelholz, Fußböden, Kisten-, Papier- und Brennholz. Es ist das teuerste und begehrteste Laubholz in Japan.

Risiken: Verbiss durch Hase und Rehwild.

Wachstum: Wird bis zu 280 Jahre alt und 30 Meter hoch.

4. Ess- oder Edelkastanie

Herkunft: südliches Europa (Italien, Bulgarien, Rumänien, Türkei).

Standort: Sie mag Licht und Wärme und steht daher am besten in den unteren Lagen (bis 300 Meter) der Südwesthänge.

Besonderheit: Die Früchte des Baumes (Maronen) sind von wirtschaftlicher Bedeutung. Zudem kann von den Edelkastanien ein schwarzer Honig von hoher Qualität gewonnen werden.

Holz: Findet u.a. Verwendung für Bau- und Möbelholz, Funierholz, Parkett, Zaun- und Rebpfähle.

Risiken: hohe Spätfrostgefährdung.

Wachstum: Sie zeichnet sich durch rasches Jugendwachstum aus, wird 500 bis 600 Jahre alt und erreicht eine Höhe von maximal 35 Metern.

5. Baumhasel

Herkunft: Balkanhalbinsel, Türkei, Afghanistan.

Standort: Die Baumhasel mag Licht und Wärme bis 300 Meter über dem Meer.

Besonderheit: sehr anpassungsfähige, robuste Art, gedeiht an unterschiedlichen Standorten und auch auf mäßig trockenen, nährstoffarmen Böden und ist deshalb auch ein beliebter Stadtbaum, z.B. In Menden und Fröndenberg säumen sie ganze Alleen. Versuchsflächen gibt es zudem in Büren, Arnsberg und Siegen.

Holz: Funier-, Möbel- und Bauholz.

Risiken: Nageschäden durch Mäuse und Hasen, Verbiss- und Fegeschäden durch Reh und Hirsch.

Wachstum: bis zu 100 Jahre alt und 28 Meter hoch

6. Tulpenbaum

Herkunft: Östliches Nordamerika, Hauptvorkommen in den Appalachen. Höhenlagen von 300 bis 1400 Meter möglich.

Standort: Anspruchsvolle Lichtbaumart, benötigt gut durchwurzelbare, gut bis sehr gut nährstoffversorgte Böden.

Besonderheit: Sie bestechen durch ihre geraden, vollholzigen weitgehend astreinen Schäfte. Alle Teile der Pflanze sind für Menschen giftig.

Holz: Sein Holz (Handelsname „American Whitewood“ oder „Yellow Poplar“) ist leicht, aber nicht sehr dauerhaft. Wegen seines relativ hohen Luftgehaltes wirkt Tulpenbaumholz isolierend gegenüber Schall, Hitze und Kälte. Findet Verwendung für Möbel, Wand- und Deckenbekleidungen, Türen, Fenster, Modellbau, Gussformen, Spielwaren, Musikinstrumente und Särge.

Risiken: Schnee und Eisanhang führen zu Ast- und Kronenbrüchen, extreme Fröste können Frostrisse auslösen.

Wachstum: Tulpenbäume können ein Alter bis zu 300 Jahren und eine Höhe von über 60 Metern erreichen.

7. Riesenlebensbaum

Herkunft: Westen Nordamerikas (Küstengebirge, Rocky Mountains).

Standort: Verträgt extrem viel Schatten, bevorzugt hohe Luftfeuchtigkeit und reichlich Niederschlag. Möglich in den höheren Lagen des Sauerlandes.

Besonderheit: gilt als Bodenverbesserer, erhöht die Bodenfruchtbarkeit.

Holz: Sein Holz (Handelsname „Western Red Cedar“) ist hochwertig, leicht, dauerhaft und aromatisch. Eignet sich daher für die Produktion von Gartenmöbeln, Holzverkleidungen oder zum Räuchern.

Risiken: Wurzelt flach und ist daher windwurfgefährdet. Seine Knospen sind beliebt bei Rehen.

Wachstum: Kann bis 60 Meter hoch, fast sechs Meter dick und bis zu 1000 Jahre alt werden.

8. Große Küstentanne

Herkunft: Das natürliche Verbreitungsgebiet ist das westliche Nordamerika: Britisch Columbia, Washington, Oregon, Kalifornien und Idaho.

Standort: Gedeiht sowohl auf feuchteren als auch auf trockeneren Böden.

Besonderheit: Ausgesprochen standorttolerante Baumart,Holz: Verwendung für Kisten, Verpackungen, Blindholz im Möbelbau.

Risiken: Sehr anfällig gegen Stamm- und Wurzelfäuleerreger, auch Fege- und Schlagschäden.

Wachstum: Sehr schnelles Wachstum, häufig sehr breite Jahrringe (daher keine Verwendung als Bau- und Konstruktionsholz)


9. Douglasie

Herkunft: Nordamerika.

Standort: Sie mag hohe Luftfeuchtigkeit, verträgt Trockenheit und kann an Südhängen bis 500 Meter Höhe stehen.

Besonderheit: mittlerweile schon in allen deutschen Bundesländern zu Hause.

Holz: Sehr gut verwendbar im Außen- und Innenbereich.

Risiken: Douglasienschütte (Pilz), Douglasiengallmücken, Verbiss durch Schalenwild.

Wachstum: Sie wird 50 – 60 m hoch.


10. Schwarznuss

Herkunft: Osten Nordamerikas, wächst auch in Texas.

Standort: Die Schwarznuss braucht beste Nährstoff- und Wasserversorgung. Vorkommen u.a. im Münsterland.

Besonderheit: Der Eichelhäher verteilt die Samen des Baums massiv und sorgt so für weitere Ausbreitung.

Holz: Sehr hochwertig, sehr dekorativ, z.B. für Möbel, Gewehrschäfte.

Risiken: Spätfrost, Verbiss- und Schlagschäden durch Wild.

Wachstum: schnelles Jugendwachstum.

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