Natur

Wandern im Sauerland neu inszeniert – mit den 43 Seelenorten

Wanderung zu der Kapelle und dem Hochkreuz auf dem Wilzenberg mit Klaus-Peter Kappest.

Wanderung zu der Kapelle und dem Hochkreuz auf dem Wilzenberg mit Klaus-Peter Kappest.

Foto: Lars Heidrich

Schmallenberg.   Wandernd auf dem Weg zu sich selbst finden? Auf der Messe in Berlin präsentiert das Sauerland am Dienstag 43 Seelenorte. Ein Selbstversuch vorab.

Es geht bei der Sache ja durchaus darum, mehr über sich zu erfahren. Erkenntnisse zu sammeln. Erste Erkenntnis: Ich bin ein Trottel. Die guten weißen Sneaker, dazu ein recht dünnes Jäckchen. Bissiger Wind, tief hängender Nebel, Regen. Gute Wahl, Hut ab. Kapuze auf. Und nu? Geht‘s los. Wandern. Den Wilzenberg in Schmallenberg hinauf.

Den heiligen Berg des Sauerlands nennen sie ihn. Er hat es in die Liste einer neuen Inszenierung des Sauerland-Tourismus geschafft, die an diesem Mittwoch auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin vorgestellt wird. Ihr Name: Sauerland-Seelenorte. 43 gibt‘s davon. Orte der Einkehr und Ruhe. Jeder versehen mit seiner eigenen Überschrift. „Angst und Vertrauen“ am Eisenberg in Olsberg, „Achtsamkeit und Brüche“ am goldenen Pfad in Winterberg. „Gemeinsam – allein sein“ am ­Wilzenberg.

Etwas Besonderes

„Alle 43 Orte sind Orte, die den Menschen in den jeweiligen Städten seit jeher etwas bedeuten, weil sie besonders sind“, sagt der Schmallenberger Klaus-Peter Kappest, der die Seelenorte fotografisch festgehalten hat. Zusammen mit Hans Robert Schrewe, einem der Erzählpaten (siehe Kasten), bildet er die Reiseleitung.

Wohin es geht? Zu sich selbst vielleicht.

Der Weg dorthin ist mühsam und vor allem erst einmal steil. Den ausgetretenen Pfad haben wir verlassen. Neue Wege gehen. Eine Anhöhe. Urplötzlich: unüberhörbare Stille.

Die Natur zählt die Sekunden

Regentropfen klopfen auf das Laub, als zähle die Natur die Sekunden. Auf der Wasseroberfläche eines kleinen Tümpels bilden sich kleine Kreise, die größer werden und wieder verschwinden. Brauers Deyk heißt er. Bruder-Teich. Er diente einst einem Mönchs-Bruder, der das Kloster im Tal verlassen hatte, um als Einsiedler auf dem Berg zu leben, als Trinkwasservorrat. Allein sein.

Über Schieferstein geht es weiter nach oben: vorbei an einem Baumstumpf, der sich als Skulptur tarnt, an moosbedeckten Wurzeln, die den Tritt dämpfen, durch dichten Nebel, der verschweigt, was vor einem liegt, ehe sie plötzlich da ist: die Marienkapelle, die Wallfahrtsstätte Wilzenberg. 14 Stationen eines Kreuzweges verteilen sich an den Wegen des Bergs. Die Wallfahrt beginnt alljährlich am 7. Mai mit einem Gottesdienst ganz weit oben. Gemeinsam.

Kein Strom, kein Wasser

Wasser oder Strom gibt es dort oben nicht. Aber Momente zum Innehalten, zum Nachdenken. „Wenn man dafür offen ist, wird man das hier finden“, sagt Klaus-Peter Kappest – und meint: Antworten auf die Fragen, die einem wichtig erscheinen. Vor etwa 2200 Jahren wurde hier oben eine Wallburg errichtet als Zufluchtsstätte. So lange schon kommen die Menschen her. Suchen Schutz. Vor anderen. Vor sich selbst vielleicht.

Einen Brunnen gibt’s ganz oben, vier Meter tief. Was ist das nur für ein Berg, in dem das Wasser den Berg hinauf fließt? Mystisch. Rätselhaft. Und er kann Geheimnisse für sich behalten: Edelfrau Chunitza soll dort oben im Wahn sieben Ehemänner vergiftet haben. Soll.

Sauerländer Eiffelturm

Der Baumbestand lichtet sich, der Nebel wird heller. Das 28 Meter hohe Bergkreuz nahe des 658 Meter hohen Gipfels taucht auf. Vier Seile geben ihm Halt, damit es den Widrigkeiten des Alltags standhalten kann. Ein paar Meter weiter steht der Wilzenbergturm. 17 Meter hoch. Panoramablick – normalerweise. 1889 eröffnet. Wie der Eiffelturm, sagen sie hier mit ein bisschen Stolz.

Abstieg. Der Nebel sitzt tief zwischen den Bäumen. Auf der Rückseite des Bergs sind es keine Buchen mehr, sondern Fichten. Andere Stimmung. Zauberwald. Wie eine Kulisse aus einem Film auf Arte. Gandalf kann nicht weit sein.

Immer eine Reise wert

Und wo bin ich? Hab’ ich mich gefunden? Wollte ich das überhaupt? „Der Wilzenberg“, sagt Hans Robert Schrewe, bevor ich mir selbst antworten kann, „ist immer eine Reise wert.“ Und das sogar mit dem falschen Schuhwerk.

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