Führungskräfte

Warum Chefs manchmal falsch auf ihre Mitarbeiter wirken

Wenn Führungskräfte als autoritär, cholerisch und abweisend wahrgenommen werden, entsteht kein gemeinsames Verständnis, und das behindert die Arbeit, sagt Christian Julmi.

Wenn Führungskräfte als autoritär, cholerisch und abweisend wahrgenommen werden, entsteht kein gemeinsames Verständnis, und das behindert die Arbeit, sagt Christian Julmi.

Foto: Jan-Philipp Strobel

Hagen.   Der Hagener Wirtschaftswissenschaftler Christian Julmi hat ein Buch über Atmosphärische Führung verfasst und gibt Tipps zum Klima am Arbeitsplatz

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Es braucht nicht zwingend Kerzenschein und romantische Musik. Doch wer ein Rendezvous plant, macht sich Gedanken über die Atmosphäre, wenn ihm an einem erfolgreichen Verlauf gelegen ist. Die Kulisse soll stimmen, um die eigene Ausstrahlung hervorzuheben. Worte, Stimme, Körpersprache - alles wirkt zusammen.

So ist es auch, wenn das Zwischenmenschliche nicht der Zweck ist: Es spielt immer mit. Zentral. Auch bei der Führung von Mitarbeitern. Nur wird das oft nicht genügend beachtet. Deshalb haben der Wirtschaftswissenschaftler Christian Julmi von der Fernuni Hagen und der Philosoph Guido Rappe von der Universität Osaka ein Konzept für „Atmosphärisches Führen“ entwickelt.

Wäre das nicht eigentlich ein Thema für Psychologen?

Christian Julmi: Die Psychologie trennt zwischen der Psyche und der Außenwelt. So lässt sich die Atmosphäre aber nicht erfassen – die ist nicht nur im Kopf, sondern auch im Raum. Die Atmosphärenforschung existiert seit den 1960er Jahren und explodiert momentan geradezu, auch in der Pädagogik.

Und die Wirtschaft kümmert sich zu wenig darum?

Zu wenige Menschen haben bei uns ein Bewusstsein für Atmosphären. Das hängt mit unserer westlichen Kultur zusammen, die sehr auf das Messbare fixiert ist und anderes nicht so wichtig nimmt. Auch Führung wird vor allem als rationaler Prozess begriffen. Das ist ein Fehler. In Japan beispielsweise, wo Harmonie einen viel höheren Stellenwert hat, ist das anders.

Was machen Führungskräfte falsch?

Sie haben häufig ihre eigene Wirkung nicht auf dem Schirm. Ihre Eigenwahrnehmung ist anders, und die Fremdwahrnehmung bekommen Vorgesetzte oft nicht gespiegelt. Wenn sie als autoritär, cholerisch und abweisend wahrgenommen werden, entsteht kein gemeinsames Verständnis, und das behindert die Arbeit. Mitarbeiter sind engagierter und produktiver, wenn man sie dazu bewegt, gemeinsam ein Ziel verfolgen zu wollen. Dazu braucht es eine positive Autorität, der man glaubt. Eine negative Atmosphäre mindert dagegen Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Gibt es dafür nicht Führungsseminare und Teambuilding-Wochenenden?

Wenn man nicht die Bereitschaft hat, sich darauf einzulassen, funktioniert es nicht.

Helfen Kicker und die Kaffeebar im Büro?

Das kann eine positive Wirkung haben. Aber entscheidend ist die Kommunikation. Die Gesprächsatmosphäre – gespannt, locker oder bedrückt – wirkt sich entscheidend auf den Verlauf und das Ergebnis aus, auch wenn die Beteiligten das vielleicht bewusst nicht wahrnehmen. Es gibt charismatische Führungskräfte, die auch eine starke Hierarchie schaffen können, aber viele glauben nur, sie wären charismatisch.

Dann funktionieren flache Hierarchien besser?

Das kommt auf die Kultur an. Japan ist hierarchisch und harmonisch organisiert. In Europa müssen wir mehr auf Augenhöhe agieren. Es hängt aber auch vom Typ und den Aufgaben ab. In einem kreativen Team sollte der Chef sich eher zurücknehmen.

Wie schafft man eine Gemeinschaft? Etwa durch Singen eines Firmenliedes?

Auch derlei muss zur Kultur passen. Wenn alle es lächerlich finden, hat es den gegenteiligen Effekt. Genau darum geht es bei der atmosphärischen Führung: um ein Gefühl für die Situation.

Das kann man lernen?

Man beginnt damit, in sich selbst hineinzuspüren, sich dem atmosphärischen Raum zu öffnen und auch andere zu fragen, wie sie ein Gespräch oder eine Situation empfunden haben.

Führungskräfte sind normalerweise nicht für Selbstzweifel bekannt...

Dennoch sollten sie Freunde und Freundinnen fragen, wie sie wirken, um damit zu arbeiten. Es geht zunächst um Selbsterkenntnis, nicht darum, eine Rolle zu spielen oder eine Checkliste abzuarbeiten. Glaubhaft ist nur, wer authentisch bleibt.

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