Nachbarschaft

Warum Nachbarschaften den Menschen wieder wichtiger werden

Nachbarschaften werden wieder wichtiger, sagt Forscher Sebastian Kurtenbach.

Nachbarschaften werden wieder wichtiger, sagt Forscher Sebastian Kurtenbach.

Foto: imago stock

Hagen.   Experten berichten, dass die Nachbarschaften in Städten und Dörfern eine echte „Renaissance“ erleben. Was die Gründe für diesen Trend sind.

Sebastian Kurtenbach lebt in einem Mehrfamilienhaus und ist vor einem Jahr Vater geworden. „Seitdem hat sich der Kontakt zu der Familie über unserer Wohnung intensiviert“, beschreibt der 31-Jährige die neue Nachbarschaft aufgrund der neuen Lebenssituation.

Der Soziologe an der Fachhochschule Münster forscht unter anderem über Nachbarschaften.

In der aktuellen Heimatdebatte scheint das Thema Nachbarschaft eine Renaissance zu erleben. Ist diese Beobachtung richtig?

Sebastian Kurtenbach: Ja. Nachbarschaft war zwar nie von der Bildfläche verschwunden, aber die öffentliche Aufmerksamkeit nimmt derzeit in der Tat zu.

Woran liegt das?

In einem zunehmend unsicher empfundenen Arbeitsmarkt, in dem Arbeitsverhältnisse oft befristet sind, vermittelt eine funktionierende Nachbarschaft eine gewisse Stabilität im Leben. Nachbarschaft ist in diesen schnelllebigen Zeiten ein Identitätsanker – auch vor dem Hintergrund, dass aufgrund des Berufs die Verwandtschaft nicht mehr unbedingt am selben Ort wohnt. Zudem lässt sich Nachbarschaft in der Heimatdebatte einfach verorten – ideologiefrei.

Was bedeutet den Menschen eine funktionierende Nachbarschaft?

Nicht zwangsläufig, dass man im ständigen Kontakt mit den Nachbarn steht. Aber Nachbarschaft befriedigt den Wunsch nach Vertrautheit in der Nähe. Dass man jemanden nebenan hat, den man um Hilfe bitten kann, der das Paket annimmt, die Blumen gießt und bei dem man den Haustür- oder Wohnungsschlüssel deponieren kann, gibt einem ein gutes Gefühl. Auch das Wohlbefinden kann durch eine gute Nachbarschaft gestärkt bzw. Stress reduziert werden. Umgekehrt gilt auch, dass Streit unter Nachbarn sehr belastend ist.

Ist die Bedeutung einer Nachbarschaft für einen Städter anders als für einen Landbewohner?

Auf dem Dorf leben anteilsmäßig mehr Eigenheimbesitzer als in der Stadt. Eigenheimbesitzer bringen sich stärker in Nachbarschaften ein als Mieter, was häufig auch an der längeren Wohndauer am Ort liegt. Von daher gibt es Unterschiede, aber die hängen nicht zwangsläufig mit der Größe eines Gemeinwesens zusammen. Unterschiede sehe ich aber auch bei den Erwartungen an Nachbarschaft im Dorf. Viele denken, dass in kleinen Orten Nachbarschaften viel besser sein müssen als in der Großstadt. Aber das ist häufig ein Luftschloss. Nehmen Sie das Beispiel des Horrorhauses in Höxter-Bosseborn, dort hat die viel beschworene soziale Kontrolle des Dorfes offenbar nicht funktioniert.

Online finden sich Nachbarschaftsportale. Was halten Sie davon?

Wir leben in einer zunehmend digitalisierten Welt. Nachbarschafts-Apps sind ein Ausdruck sich verändernder Gegebenheiten: Sie sind ein zusätzlicher Kommunikations-Kanal, ähnlich wie Whatsapp. Sie ergänzen nachbarschaftliche Kommunikation, ersetzen sie aber nicht.

Muss die Politik mehr für Nachbarschaften machen?

Das Problem ist, dass das Thema nur zurückhaltend wissenschaftlich erforscht wird. Über Digitalisierung und Nachbarschaft z.B. wissen wir in Deutschland noch sehr wenig. Die Politik agiert derzeit also nach einem Bauchgefühl, was sich ändern muss, um vernünftig gestalten zu können.

Eine Umfrage der BAT Stiftung für Zukunftsfragen ergab, dass in einer älter werdenden Gesellschaft gegenseitige Unterstützung „wertvoll“ sei. Sehen Sie auch im demografischen Wandel einen Grund, warum der Wert der Nachbarschaft wiederentdeckt wird?

Ja. Allerdings hängt die Bedeutung immer von der Lebenssituation ab. Einem alleinstehenden Banker, der täglich zu seinem Arbeitsort pendelt oder die Wohnung nur als Schlafort nutzt, wird die Wohnumgebung relativ egal sein. Für Familien sieht es da ganz anders aus.

Waren Nachbarschaften früher enger?

Anders. Nehmen Sie das 14. Jahrhundert, als das mittelhochdeutsche „nachbüre“ (naher Bauer) geprägt wurde. In der bäuerlichen Gesellschaft halfen Anwohner bei der Ernte. Seitdem wird Nachbarschaft permanent aktualisiert. Bis heute, wo wir mit Nachbarn auch digital kommunizieren. Nachbarschaft ist immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Heimatministerium sieht Bewegung beim Thema Nachbarschaft

Auch nach Auffassung des nordrhein-westfälischen Heimatministeriums erleben wir derzeit eine Renaissance der Nachbarschaft: „Denn in einer globalisierten Welt ist die Überschaubarkeit des eigenen Lebensraumes wichtig“, so ein Sprecher.

Gerade vor dem Hintergrund der sich rasant verändernden Gesellschaft würden überschaubare Einheiten noch bedeutender.

Förderprogramm soll Menschen verbinden

Das Ministerium will mit dem Förderprogramm „Heimat. Zukunft. Nordrhein-Westfalen. Wir fördern, was Menschen verbindet“ lokale Initiativen und Engagement stärken. „Davon können auch Nachbarschaften profitieren“, so der Sprecher ­weiter.

Zudem habe die vom Heimatministerium initiierte „Allianz für mehr Wohnungsbau“ den Projektaufruf „Besser Wohnen - zu Hause im Quartier“ gestartet. Ziel sei es, Vermieter sowie Wohnungsunternehmen für umfassende Modernisierungen von Wohnungen zu gewinnen.

Hierdurch wurden mittelbar auch Nachbarschaften gestärkt. Heimatministerin Ina Scharrenbach: „Für den Projektaufruf stehen pro Jahr 70 Millionen Euro zur Verfügung, die vor allem für ,Besser Wohnen - zu Hause im Quartier’ eingesetzt werden. Wir helfen dabei, gebaute Heimat zu erneuern und Nachbarschaften zu stärken.“

Berichten Sie uns von Ihrer Nachbarschaft

Nichts geht über eine gute Nachbarschaft. Anwohner, auf die man sich verlassen kann und die da sind, wenn man ihre Hilfe braucht. Haben Sie auch Positiv-Beispiele für eine funktionierende Nachbarschaft? Dann schildern Sie uns, was Ihre Nachbarschaft so besonders macht. Bitte schreiben Sie an: Westfalenpost Stichwort Nachbarschaft Schürmannstraße 4 58097 Hagen oder per Mail an: wp-aktion@westfalenpost.de

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