Rocker

„Die Freeway Riders begreifen Hagen als ‘ihre’ Stadt“

Am 13. Oktober 2018 wurden auf der Hagener Saarlandstraße aus einem Mercedes Cabrio vier Schüsse auf einen BMW abgegeben, den ein Mitglied der Freeway Riders gefahren haben soll. Verletzt wurde niemand.

Am 13. Oktober 2018 wurden auf der Hagener Saarlandstraße aus einem Mercedes Cabrio vier Schüsse auf einen BMW abgegeben, den ein Mitglied der Freeway Riders gefahren haben soll. Verletzt wurde niemand.

Foto: Alex Talash

Hagen.   Ein Mitglied des Hagener Rockerclubs Bandidos steht ab Montag vor Gericht. Der Vorwurf: versuchter Mord. Wie denkt die Kripo über den Konflikt?

Es geht um Macht und Einfluss. Auch Hagen ist zum Schauplatz eines Rockerkriegs geworden. Ab Montag muss sich ein führendes Mitglied der Hagener Bandidos wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht verantworten.

Am 13. Oktober 2018 waren vier Schüsse auf einen BMW abgegeben worden, an dessen Steuer ein Mitglied der „Freeway Riders“ gesessen haben soll. Oliver Huth ist Vize-Landeschef NRW des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

Passt der Begriff Rockerkrieg zu dem, was in Hagen passiert ist?

Oliver Huth: Das kann von Auseinandersetzung zu Auseinandersetzung und von Stadt zu Stadt verschieden sein. In Hagen sind die Freeway Riders seit rund 20 Jahren ansässig, haben sich mit zwei Chaptern etabliert und machen diesen Gebietsanspruch mit weit reichenden Mitteln geltend.

Das bedeutet?

Wenn Sie sich jetzt auf ein Motorrad setzen und eine Lederjacke tragen, auf der „Hagen“ steht und durch die Stadt fahren, kann es sein, dass man Sie auffordert, das Ding schnell auszuziehen. Die Freeway Riders begreifen Hagen als „ihre“ Stadt.

Wie weit die Mittel reichen, ist hinlänglich dokumentiert.

Zur Not machen sie ihre Gebietsansprüche mit Gewalt oder Einschüchterungsversuchen geltend. Das macht auch vor der Polizei nicht Halt. Es kann passieren, dass ein Freeway Rider bei einer Verkehrskontrolle die anderen Vereinsmitglieder informiert und versucht wird, den Rahmen der Kontrolle zu sprengen.

Was weiß die Polizei über die Freeway Riders?

Der harte Kern besteht aus 20 bis 30 Leuten, die Führungsriege ist über Jahre die gleiche geblieben. Meist ältere Männer, deren lebenserfüllendes Moment dieser Verein ist. Wichtig: Nicht alle sind kriminell und/oder gewalttätig. Dennoch hat sich das Gewaltpotenzial bei den Freeway Riders in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.

Warum Hagen? Warum wollten die Bandidos sich 2016 dort etablieren?

Das war der Versuch, mit eigenen Geschäftsfeldern zu expandieren. Da geht es – zumindest im Hagener Fall – nicht um Organisierte Kriminalität im Sinne von Drogen- und Waffenhandel im großen Stil. Es geht mehr um die Aufteilung der Stadt z.B. im Sicherheitsgewerbe. Wer steht wo an welcher Tür? Tattoostudios sind auch ein Markt.

Wie schätzen Sie den konkreten Fall ein?

Der Auslöser kann niederschwellig sein. Ein Fall von übler Nachrede, von Beleidigung, von vermeintlich ehrabschneidendem Verhalten. Dann dreht sich die Spirale der Gewalt. Das geht so weit, dass mit Messern zugestochen oder mit Pistolen geschossen wird. Ein typischer Verlauf der Eskalation. Denn die Absicht der Bandidos war ja augenscheinlich.

Das bedeutet?

Die Gruppierungen sind streng hierarchisch organisiert, die Bandidos noch deutlich mehr als die Freeway Riders. Man wundert sich, was erwachsene Männer über sich ergehen lassen, um so eine Weste und das nächste Abzeichen zu erhalten: Sie müssen mit einer Zahnbürste den Boden putzen, den Abwasch machen, den trunkenen Präsidenten nachts durch die Gegend chauffieren oder als Aufnahmeritual einen Zehn-Liter-Eimer leer trinken – mit was auch immer er gefüllt ist. Es gibt Dienstgrade und die Möglichkeit, in der Hierarchie aufzusteigen. Das gibt ihnen etwas, das sie in der Gesellschaft möglicherweise nicht vergleichbar vorfinden.

Aber sie müssen auch andere Dinge erledigen.

Natürlich. Deshalb schicken die Bandidos ja eine Anwärtergruppe nach Hagen, eine Gruppe also, deren Mitglieder sich ihre Sporen erst noch verdienen müssen. Das sind Kettenhunde. Die haben die Messer gewetzt und wollten die Freeway Riders etwas aufmischen. Das ist Wild-West. Das macht es für die Polizei so unberechenbar. Konflikte in diesen Szenen werden oft gewaltsam gelöst. Das ist das Prinzip Blutrache, wie man sie aus albanischen Ethnien kennt. Und die Spirale der Gewalt ist nach oben offen. Wenn aus fahrenden Autos heraus geschossen wird, dann besteht die Gefahr, dass es einen Unbeteiligten trifft. Wir haben – in anderen Städten – schon Projektile aus Kinderzimmern geholt.

Wie ernst nimmt die Polizei diese Auseinandersetzungen?

Sehr ernst. Wir müssen zeigen, dass wir für die Durchsetzung von Recht und Ordnung alleine zuständig sind und das Gewaltmonopol inne haben. Alles andere würde auch das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat erschüttern. Wir können es uns nicht leisten, die Oberhand zu verlieren. Aber ich mache mir da auch keine Sorgen, dass das passieren könnte.

Was versprechen Sie sich von dem Gerichtsprozess?

Wenn sich vor Gericht der in der Anklage erhobene Sachverhalt beweisen lässt und es zu Verurteilungen kommt, gäbe es einen zusätz­lichen Hebel, diese Vereine zu verbieten.

Vom Prozess berichten wir am Montag aktuell auf dieser Seite.

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