Krankenhaus

Zu wenig Fachkräfte: Kliniken müssen kranke Kinder abweisen

Leere Betten auf Kinder-Intensivstationen sind keine Seltenheit in NRW.

Leere Betten auf Kinder-Intensivstationen sind keine Seltenheit in NRW.

Foto: Tom Thöne / WAZ FotoPool

Lippstadt.  Der Fachkräftemangel führt dazu, dass nicht alle Betten auf Kinder-Intensivstationen belegt werden können. Wie im Krankenhaus Lippstadt.

Es ist ruhig auf der Kinder-Intensivstation des Evangelischen Krankenhauses Lippstadt. Auf dem Flur hängen bunte Fotocollagen an den Wänden. Lachende Gesichter von Babys und Kindern sind darauf zu sehen. Kinder, die einige Tage, Wochen oder Monate hier waren. Stationsleiterin Waltraud Baumann hat in ihren 27 Jahren auf der Station unzählige Kinder betreut. Aber es gibt mittlerweile auch Kinder, die sie nicht betreuen kann, weil sie nicht aufgenommen werden können – trotz leerer Betten.

Sechs der 16 Betten bleiben vorerst leer, auch wenn die Nachfrage da ist. „Wir haben nicht genügend Fachkräfte, die die geforderte Weiterbildung besitzen“, sagt Pflegedirektor Friedel Grawe. Deswegen müssen sie hier kranke Kinder abweisen. „Das ist nicht einfach“, sagt Grawe. Schwester Waltraud kennt dieses Gefühl. „Das prallt nicht an einem ab“, sagt sie.

45 Prozent Auslastung in Düsseldorf

Lippstadt ist kein Einzelfall. Nach Recherchen des WDR blieben im ersten Halbjahr 2019 zahlreiche Betten der Kinder-Intensivstationen in NRW wegen Personalmangels leer. Im Universitätsklinikum Münster beispielsweise können demnach nur 63 Prozent der Betten genutzt werden, im Universitätsklinikum Düsseldorf sogar nur 45 Prozent. Besser sieht es in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Allgemeinen Krankenhaus in Hagen aus. Alle 23 Intensiv-Betten könnten belegt werden. Auch im Klinikum Hochsauerland am Standort Karolinen-Hospital in Hüsten können alle acht Betten für die intensivmedizinische Versorgung von Frühgeborenen und Kindern genutzt werden.

Schwester Waltraud arbeitet seit drei Jahren als Stationsleiterin auf der Kinder-Intensivstation in Lippstadt. Das erste Jahr sei hart gewesen. Sie musste lernen, mit dem Erlebten umzugehen. „Man darf nie vergessen: Nicht alle Kinder werden wieder gesund.“ Sie ist selbst Mutter. „Plötzlich merkt man: Die Vier in Mathe ist nicht schlimm.“

Notfälle werden trotzdem behandelt

Trotz der Personalnot aber bleibt bei einem Notfall die Tür nicht verschlossen. „Wir haben einen Versorgungsauftrag. Jedes Kind wird hier erstversorgt, egal ob wir einen Platz haben oder nicht“, sagt die 49-Jährige. In der Regel melden sich Krankenhäuser in einem zentralen System ab, so sehen Einsatzkräfte auf dem Weg, ob in den jeweiligen Kliniken noch Platz ist. „Bei einem Notfall kommen sie dennoch zu uns“, so Pflegedirektor Grawe. Und das sei auch richtig so. „Wir schauen, ob ein anderes Kind stabil genug ist, damit es auf eine andere Station verlegt werden kann, um für den Notfall einen weiteren Platz zu schaffen.“

Insgesamt 31 Vollzeitstellen gibt es auf der Lippstädter Kinder-Intensivstation, besetzt mit 49 Mitarbeitern. Die Quote an Fachpersonal mit Zusatzqualifikation muss bei 40 Prozent liegen. Das wird streng beobachtet. „Ich muss drei Mal am Tag dokumentieren, wie viele Patienten auf der Station sind, welche Art der Betreuung sie benötigen, wie viele Mitarbeiter im Einsatz sind und vieles mehr“, sagt Schwester Waltraud. „Derzeit sind wir rot.“ Rot bedeutet, dass gerade zu wenige Mitarbeiter im Einsatz sind. „Wir haben bis heute Abend Zeit. Dann müssen wir wieder im grünen Bereich sein.“ Heißt: Schwester Waltraud muss Kollegen anrufen. „Hier muss man flexibel sein. Viele von uns arbeiten in Rufbereitschaft.“

Weiterbildung ist teuer

Vier Kinder seien derzeit in Einzelpflege. Dadurch seien bereits zwölf der 49 Mitarbeiter im Schichtsystem im Einsatz. „Und das nur für die vier Patienten. Wir haben auch noch andere Kinder, die wir pflegen müssen“, sagt Grawe. „Zudem können wir nicht einfach Pflegekräfte von anderen Stationen auf die Kinder-Intensiv verlegen, da sie die geforderte Zusatzqualifikation nicht besitzen.“ Diese kostet im Schnitt um die 25.000 Euro pro Mitarbeiter. Grawe ist froh, dass ab September sieben Mitarbeiter eine Weiterbildung machen. Ob das dann für die Zukunft reicht, wird sich zeigen.

Schwester Waltraud ist lange dabei. Sie kennt die traurigen Seiten ihres Berufs, aber auch die schönen. „Vor gut 16 Jahren lag hier ein Mädchen, wir dachten alle, dass sie nicht überlebt. Aber sie hat es geschafft“, erzählt sie, „jedes Jahr schreibt sie uns an ihrem Geburtstag.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben