Design

Wie das Pendeln im Auto zu einer positiven Zeit wird

Foto: WP

Siegen  Der Siegener Professor Marc Hassenzahl will durch Produkt-Design das Wohlbefinden der Nutzer stärken. In seinem Focus stehen auch die Pendler.

Schon verrückt: Da will einer Produkte so gestalten, dass sie die Menschen im Alltag abholen und ihr Wohlbefinden erhöhen, aber die Bezeichnung seines Lehrstuhls – Marc Hassenzahl ist Professor für Ubiquitous Design in der Fakultät Wirtschaftsinformatik an der Universität Siegen – wirkt weder alltagsnah, noch löst sie spontan Wohlbefinden aus.

Ubiquitous?

Marc Hassenzahl: Allgegenwärtig. In immer mehr Dingen des Alltags stecken Computer. Und wir fragen uns, wie man als Mensch mit diesen Dingen umgehen soll. Dabei haben sich die Gestaltungsziele verändert. Erst ging es darum, dass Menschen die Technik verstehen, dann um Ästhetik, jetzt darum, dass die Nutzer sich gut fühlen.

Und in dem Zusammenhang haben Sie sich um Pendler im Auto gekümmert?

Es gibt ja einen Gegensatz zwischen der Werbung – Cabriofahrerin kurvt dem Sonnenuntergang entgegen – und der Wirklichkeit mit hupenden Lkws, Staus und viel toter Zeit im Auto. Komischerweise pendeln trotzdem viele mit dem Auto und wenn man die Menschen fragt, ob sie sich lieber zur Arbeit beamen lassen würden, lehnen sie das ab.

Wie bitte?

Ja, sie brauchen die Zeit, um umzuschalten von Modus „Freizeitmensch“ in „Arbeitsmensch“ und wieder zurück. Gerade Eltern mit kleinen Kindern sehen das Pendeln auch als Zeit für sich selbst, um abzuschalten und herunterzukommen, bevor zu Hause der Trubel weitergeht.

Interessant. Aber was gibt es da zu designen?

Es geht immer darum, positive Erlebnisse nahe zulegen oder zu verstärken. Wir haben also Technik gestaltet, die bestimmte positive Aspekte des Pendelns unterstützt, beispielsweise Bedürfnissen nach Ruhe und Sicherheit entgegenkommt. Für das Wohlbefinden ist es wenig hilfreich, beim Einsteigen sofort durch eine Telefonkonferenz in Beschlag genommen zu werden.

Selbst wenn ein Mensch glaubt, er müsse das tun, ist nicht unbedingt gut für ihn. Wenn man weiß, dass gesundes Pendeln anders geht, dann kann das Auto beispielsweise den Kollegen oder Geschäftspartnern signalisieren: Ich bin bald da, regt euch nicht auf, ohne dass die Ichzeit im Auto gestört wird.

Man könnte ja auch einfach das Handy in Flugmodus schalten.

Wenn man weiß, was einem gut tut, dann macht man das auch. Aber vielleicht denkt man „Nein, ich muss erreichbar bleiben“. Gesundes Verhalten schafft nicht jeder.

Technologien sind nicht neutral. Sie steuern Verhalten. Wenn wir autonom fahrende Autos als rollendes Büro anbieten, hat das einen anderen Effekt, als wenn die Technik den Menschen für eine Weile abschirmt und zur Ruhe kommen lässt.

Reizt das die Ingenieure denn?

Nicht genügend. Für die Kunden etwa war beim Opel Adam das Interessanteste der ausklappbare Fahrradständer in der hinteren Stoßstange, während die Industrie sich lieber mit den Verheißungen künstlicher Intelligenz befasst. Klingt zumindest anspruchsvoll.

Mit weniger Technik lässt sich wohl weniger Geld verdienen...

Wir müssen nicht unbedingt den früheren Zeiten, als Autofahren noch Autofahren war, nachhängen. Moderne Technik könnte einiges: Tipps zur Nutzung der Pendelzeiten geben und dabei auf den momentanen physischen und psychischen Zustand des Fahrers reagieren. Es gibt bei der Autoindustrie Interesse an anderen Formen der Innovation. Autofahrer erleben es zum Beispiel als positiv, wenn sie einen Fußgänger über die Straße gehen lassen. Aber in der konkreten Verkehrssituation gibt es viele Missverständnisse. Da versuchen wir in einem Forschungsprojekt KOLA zusammen mit Volkswagen, Fraunhofer und der TU Braunschweig mit Hilfe spezieller Lichttechniken neue und bessere Kommunikation zu schaffen.

Geht das in Serie?

Ich denke, erstmal nicht. Der Autoindustrie geht es ja noch sehr gut. Aber in gesättigten Märkten zählt irgendwann nicht mehr nur das Größer, Schneller, Weiter. Da muss man Angebote für alle Gruppen von Käufern machen. Und das Auto wird zunehmend kritisch beäugt. Aber das Umdenken braucht wohl noch Zeit.

In ihrem Forschungsprojekt Design for Wellbeing (wohlbefindensorientierte Gestaltung) hatten Sie Partner aus der Wirtschaft.

Mit Braun/De’Longhi und unseren Partnern Noto, ixdp. und Happiness Research ging es um die Freuden des Kaffeekochens, also wieder um die Gestaltung positiver Momente. Manche Nutzer wollen ein möglichst schnelles Ergebnis, andere aber möchten bewusst mit den Kaffeebohnen umgehen, genießen den Vorgang des Mahlens und alles drumherum. Die Frage ist dann: Wie vereint man Geschwindigkeit und Erlebnis?

Um eine ähnliche Frage ging es bei der Kooperation mit der Lufthansa...

Das Thema war transformationales Reisen.

Wie bitte?

Früher ging es beim Urlaub um Bequemlichkeit, dann um Genuss und aktuell ist Veränderung im Trend: Ich will Einsichten gewinnen, Neues in mein Leben bringen. Und das kann man unterstützen mit Produkten, zum Beispiel einem Tagebuch, in das man Erlebnisse eintragen und Dinge einkleben kann. Das stärkt erwiesenermaßen das Empfinden für die neuen Eindrücke. Zusätzlich haben wir an einer App gearbeitet, die auf Grundlage der Wünsche neue Arten des Reisens anbietet und Alternativ-Destinationen vorschlägt.

Wie das gute, alte Reisebüro?

Für alle neuen Angebote gilt: Das wird nicht jeder brauchen. Aber vielen Menschen wird es helfen.

Wo sehen Sie die größten Potenziale für Design zum Wohlbefinden?

Bei jeder Technologie sollte überlegt werden, ob sie den Menschen gut tut oder nicht. Das gilt auch für eine Parkbank. Aber die stärksten Entwicklungen erwarte ich in der Kommunikation. Wie zum Beispiel Paare in Fernbeziehungen Techniken nutzen, um auch die kleinen Dinge des Alltags zu teilen, um in der Wohnung des anderen das Licht ein- oder auszuschalten, um zusammen zu frühstücken oder einzuschlafen, das ist sehr spannend, und da ist noch viel drin. Aber auch auf vielen anderen Feldern: Vorreiter ist die Musik. Früher wurde ein Produkt, die CD, verkauft, heute ein Erlebnis plus Service. Das Prinzip wird sich ausbreiten und dafür muss man vorbereitet sein.

Von der Folkwang Universität in Essen nach Siegen

An der Nahtstelle von Psychologie, Designforschung, Interaktions- und Industriedesign bewegt sich die Arbeit von Marc Hassenzahl. Er hat Psychologie und Informatik an der TU Darmstadt studiert und in der Industrie an der Gestaltung interaktiver Produkte gearbeitet. Vor seiner Tätigkeit an der Uni Siegen war Hassenzahl Professor an der Folkwang Universität der Künste in Essen.

Weitere Informationen finden Sie hier:

www.design-for-wellbeing.org/

www.experienceandinteraction.com/blog

www.facebook.com/experience.interact/

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