Schalke 04

Wie der Glaube leidgeprüfte Schalke-Fans trösten kann

Pfarrer Ernst-Martin Barth ist großer Schalke-Fan. Für einen Sieg betet er nicht - aber für seinen Verein. 

Pfarrer Ernst-Martin Barth ist großer Schalke-Fan. Für einen Sieg betet er nicht - aber für seinen Verein. 

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Hagen/Gelsenkirchen  Die beiden Pfarrer der Arena-Kapelle in Gelsenkirchen über Hoffnung für Anhänger des Traditionsvereins in schweren Zeiten

Fußball-Fans vergleichen ihren Verein oft mit Religion, tragen ihre Kutten wie liturgische Kleidung, sprechen von „Sündenböcken“, dem „heiligen Rasen“, dem „erlösenden Tor“ und glauben an den „Fußballgott“. So war es auch bei vielen Anhängern des FC Schalke 04, bevor der Verein auf den letzten Tabellenplatz in der Bundesliga abstürzte. Und jetzt? In Zeiten von Corona, in denen Erfreuliches aus der Veltins-Arena für die vielen Fans der Königsblauen in Südwestfalen mehr als willkommen wäre?

Tja, da schwindet nach 30 sieglosen Spielen der Glaube, nicht abzusteigen. Es herrscht eine schwermütige Stimmung, oft Gleichgültigkeit. Auch beim Autor dieser Zeilen, der seit seiner Jugend in Dortmund die blau-weißen Farben hoch hält. Können die beiden Pfarrer, die für die Kapelle in der Arena zuständig sind, den Fans des Traditionsvereins noch Hoffnung geben, sie aufrichten und ihnen den rechten Weg weisen?

Schalke-Pfarrer ist selbst FC Bayern-Fan

Für den katholischen Pfarrer Georg Rücker spielt Religion nicht nur für die Knappen-Fans eine besondere Rolle, die im Schatten der Fördertürme in Bottrop oder Wanne aufgewachsen sind: „Schalker auf der ganzen Welt eint das gemeinsame Leiden mehr als Fans anderer Vereine“, berichtet der 59-Jährige aus Gladbeck.

Dafür stehe zum Beispiel das Vereinslied "Blau und Weiß, wie lieb ich dich" mit der Zeile "Tausend Freunde, die zusammensteh'n" - und der Frühsommer 2001. „Es war der Tag, als Schalke 04 sich für vier Minuten und 38 Sekunden als Deutscher Meister fühlte und ein später Treffer des FC Bayern München im parallel stattfindenden Spiel die bereits gestartete Schalker Meisterfeier in ein Meer von Tränen verwandelte.“ Ein Moment, in dem sich Schalke-Pfarrer Georg Rücker freute. Er selbst ist Bayern-Fan. „Seither hängt mein Herz aber auch an Königsblau.“

"Die schönste Nebensache der Welt - mehr aber auch nicht"

Trost könnten Schalker in der aktuellen Situation darin finden, dass sie sich im Leiden in einer Gemeinschaft damals wie heute verstanden fühlen. Das sei vor allem den Anhängern dieses Vereins enorm wichtig.

Und mit vermeintlichen Niederlagen umzugehen, sei christlich: „Gott hat uns das Spiel geschenkt, parteiisch ist er nicht.“ Auch darin liegt laut Rücker der Schlüssel zum Verständnis von Gottes Liebe zu den Menschen. Es relativiere die Bedeutung von Fußballspielen, die die „schönste Nebensache der Welt sind, mehr aber auch nicht“.

Seit 33 Jahre im Dienste der katholischen Kirche

Seit 33 Jahren ist Georg Rücker im Dienste der katholischen Kirche, in der Propsteikirche in Gelsenkirchen-Buer wurde er zum Priester geweiht. 1996 kreuzten sich bei der Beerdigung von Vereinslegende Stan Libuda die Wege des damaligen Managers Rudi Assauer und des katholischen Pfarrers mit der Vorliebe für den Rekordmeister-Club aus dem Süden Deutschlands. Daraus erwuchs Freundschaft, die letztlich in die Kapelle der Arena führte. Für Tore und Punkte betet Rücker dort nicht, wie er mitteilt.

Dass die Kapelle in der Arena, 2001 die erste ihrer Art, bewusst nicht in Blau und Weiß gehalten ist, sei ein weiterer Beleg dafür, worauf es in schwierigen Zeiten ankomme: „Jederzeit Orte aufsuchen zu können, wo man Ruhe und zu sich selbst findet.“ Christ und Fan gehe, aber beides müsse getrennt betrachtet werden. In der Kapelle, im Stadion. Veltins und Bratwurst seien eben nicht das heilige Mahl.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Für Rücker, der in Vor-Pandemie-Zeiten 25 bis 30 Taufen in der Stadion-Kapelle durchführte, ist der vor dem Abstieg rettende Relegationsplatz für Schalke durchaus noch aus eigener Kraft zu erreichen: „Ich erinnere an Werder Bremen in der letzten Saison. Die Mannschaft hat das in fast auswegloser Situation noch geschafft. Und Bielefeld, Mainz und Köln sind nicht besser als Schalke.“

Dass die Bundesliga-Spiele derzeit vor leeren Rängen ablaufen, nage an den Schalke-Fans und -Spielern. „Es gibt keine andere Mannschaft in Deutschland, die so abhängig davon ist, wie dieser Verein.“ Aber die Hoffnung sterbe nun einmal zuletzt.

Immer Licht am Ende des Tunnels

„Jeder Mensch durchläuft in seinem Leben Phasen, in denen er durch Dunkelheit wandelt“, berichtet Rücker. Dort wo sie herrsche, gebe es auch früher oder später Licht. „Das Licht Gottes gibt Orientierung“, sagt er und erinnert an den Tunnel mit Stollen-Charakter in der Veltins-Arena, der sinnbildlich dafür stehe. „Wenn man glaubt, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwoher ein Lichtlein her“, so der Geistliche. So wie am Ende eines Tunnels.

„Natürlich gibt es Wichtigeres als Fußball“, kontert Rücker die depressive Stimmung der Fans. Dazu gehöre Gesundheit, Familie, Arbeit. Kraft könnten Schalker auch im neuen Jahr in schönen Spielen finden. In vergangenen der Fußballnationalmannschaft auch: „Ich selbst bin ein Fußballromantiker und immer wieder aufs Neue fasziniert vom WM-Krimi 1970 in Mexiko, als Deutschland 3:4 gegen Italien verlor.“

In Pandemie-Zeiten Gemeinsamkeiten suchen

In Pandemie-Zeiten sei es darüber hinaus wichtig, über alle Grenzen hinweg solidarisch zu sein und Gemeinsamkeiten zu suchen. „Auch mit dem ewigen Rivalen aus Dortmund.“

Mit Ernst-Martin Barth, dem evangelischen Pendant und zweiten Stadion-Pfarrer auf Schalke, spricht Georg Rücker regelmäßig am Telefon. „Natürlich unterhalten wir uns auch über Fußball“, bestätigt der evangelische Geistliche, der zuletzt vor 14 Tagen im kleinsten Kreis in der Stadion-Kapelle eine Taufe durchgeführt hat und seit 35 Jahren an der Matthäus-Kirchengemeinde in Gelsenkirchen-Buer tätig ist.

Seit 56 Jahren Schalke-Anhänger

Barth ist seit 56 Jahren ein großer Fan der Königsblauen. Er wohnt in Gelsenkirchen-Erle, nahe des Vereinsgeländes, und trifft fast täglich Anhänger des Traditionsclubs. „Die sportliche Situation ist fast immer ein Gesprächsthema“, erzählt der 61-Jährige.

Viele sehnten sich nach Heil, nach Gutem. Je länger die Gespräche dauerten, je weniger würde über den Verein geredet. „Meist geht es um die Menschen selbst, um ihre Nöte, Ängste, Zweifel.“ Ich höre zu, ermutige und lade Menschen ein in den Glauben.

Pfarrer betet nicht für einen Sieg

Einen Fußballgott, sagt Barth, belege die Bibel nicht. Denn der verheiße kein ewiges Leben. „Ich bete auch nicht für einen Sieg, aber für den Verein, für die Menschen und die Gesundheit der Spieler.“

Wer aber Stille, Gebet und Andacht suche, der könne Kraft in dunklen Zeiten schöpfen. Wegen der Sorgen und Ängste vor einem Abstieg sollte man nicht den Mut für das Leben verlieren. Vielmehr sollten sich die Fans von Gott getragen wissen. „Gott ist nun einmal kein Schalker. Er ist für alle da, auch für den Gegner.“ Wer das zu Ende denke, finde Trost.

Fans der Königsblauen sind verunsichert

„Schalke-Fans haben zurzeit das Gefühl, ein Stück ihrer Identität zu verlieren. Viele sind – wie die Spieler selbst – verunsichert“, fasst Barth die Lage zusammen. Diejenigen, denen der Absturz der Königsblauen zu stark zusetze, legt der evangelische Pfarrer Orte wie die Kapelle im Stadion nahe. Glaube lebe von der Verheißung, dass es weitergehe. „Glaube ist Hoffnung. Und Hoffnung gibt Kraft, sich niemals aufzugeben. Und Gott eröffnet immer wieder Perspektiven.“

Hoffnung auf "Maloche" auf dem Platz

Vom neuen Trainer Christian Gross erhofft sich Ernst-Martin Barth, dass er den Spielern um Kapitän Omar Mascarell das Motto der Fans „Schalker sein, heißt Malocher sein ein Leben lang“ einprägt. „Das müssen sie nun auf den Platz bringen. Ja, Schalke ist unser Verein, aber Gott hält viel anderes für uns bereit.“

Christliche Hoffnung, so Pfarrer Ernst-Martin Barth, schaffe neue Horizonte, das gelte selbst bei einem Abstieg. Er verabschiedet sich mit einem Glückauf. Wie passend.

Hintergrund:

Einmal Schalker, immer Schalker...

Dem Autor dieser Zeilen war es ein Anliegen, der Frage nachzugehen, wie den vielen Schalkern in Südwestfalen in schwieriger Lage geholfen werden kann. Da lag es nahe, sich mit den Pfarrern der Stadion-Kapelle über Glaube und Hoffnung zu unterhalten. Aber wie wird ein Dortmunder mit italienischen Wurzeln ein Schalke-Fan? Ganz einfach: Der Vater einer meiner besten Freunde war BVB-Meisterspieler in den 50er und 60er Jahren. Anfang der 70er interessierte ich mich nicht für Fußball. Zu dieser Zeit ging mir der immer ganz in Schwarz und Gelb gehüllte Freund – für den es kaum ein anderes Thema als Borussia gab – fürchterlich auf den Wecker. Irgendwann habe ich überlegt, wie kann ich ihn am besten ärgern? Die Antwort liegt auf der Hand. Und wie heißt es so schön: Einmal Schalker, immer Schalker...

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