Neue Deutsche Welle

Wie die Neue Deutsche Welle den Musikmarkt veränderte

Hagen.  Mit dem Deutschrock beginnt der Umbruch in der Philosophie der Schallplattenindustrie. Musikproduzent Ulrich Rützel lebt damals am Puls der Zeit.

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Mit dem Stichwort "Neue Deutsche Welle" verbindet sich gemeinhin ein Umbruch in der Philosophie der Schallplattenindustrie. Tatsächlich hat der aber bereits Jahre vorher mit dem Deutschrock begonnen. Der Musikproduzent und Musikverleger Ulrich Rützel aus Eslohe ist seinerzeit in Hamburg als Manager bei der „BASF Musikproduktion“ direkt am Puls der Zeit.

Rützel betreute das Jazzlabel MPS und das Krautrocklabel Pilz. „Parallel zu Udo Lindenberg war das der Beginn von Rockmusik mit deutschen Texten“, schildert er und verweist auf die Pilz-Gruppen wie die Wuppertaler Band Hoelderlin, die Duisburger Bröselmaschine oder Witthüser & Westrup. „Das war eine wunderschöne Zeit, alles war geschwängert mit dem Duft von Cannabis, wir waren alle stoned.“

1970 beginnt die Gegenbewegung in Deutschland: Neue Deutsche Volksmusik

Anfang der 1970er beginnt in Deutschland eine Gegenbewegung zum englischen Pop und amerikanischen New Wave. „Diese ,Neue Deutsche Volksmusik’ (Rolf-Ulrich Kaiser, Gründer des Pilz-Labels) mit ihrer Leichtigkeit und der ersten Nutzung von Synthesizern war der Vorreiter für die NDW“, so Rützel. „Die Major Labels wollten zunächst gar nichts mit dieser neuen Musikrichtung zu tun haben. Die waren es gewohnt, Geld zu machen einerseits mit Schlagerthemen, mit Vicky Leandros und Nana Mouskouri, und auf der anderen Seite mit den teuer lizenzierten und nur zu vermarktenden internationalen Acts, die uns nicht gehörten.“

Die Gewinnmargen etwa bei Black Sabbath bleiben für die deutschen Plattenfirmen eher gering, weil die Lizenzkosten sowie PR- und Marketingkosten hoch zu Buche schlagen „Was meinen Sie, was wir uns alles einfallen lassen mussten, um Barry White bei Laune zu halten. Die US- und englischen Labels standen auf dem Standpunkt: Unsere Jungs sollen es in Deutschland schön haben. Die deutsche Plattenfirma hat mir Geldscheine in die Tasche gestopft, um mit Nazareth oder Black Sabbath essen zu gehen und anschließend in den Puff. Ich bin nicht mitgegangen, habe aber die Mädels bar bezahlt.“

Das Geschäftsmodell ändert sich

Mit der „Neuen Deutschen Volksmusik“ ändert sich das Geschäftsmodell. „Jetzt kommen auf einmal deutsche Typen und beweisen, hey, wir verkaufen tierisch gut.“

Die neuen deutschen Bands schließen ihre Verträge direkt mit den Plattenfirmen ab, „das heißt, wir haben das Zehnfache daran verdient wie an Black Sabbath. Ohne diese Situation wäre NDW letztlich nicht groß geworden. Die Major Labels sind darauf gekommen, dass man mit den neuen deutschen Künstlern leichter Geld machen kann und mit einem ganz neuen Markt. Die ganze NDW wäre nicht denkbar, wenn diese Bewegung von deutschen Künstlern mit deutschen Texten nicht vorausgegangen wäre.“

Auf der anderen Seite schleifen sich die Independent-Attitüde und der sozialkritische Anspruch der neuen Bands an den Gesetzen des Marktes schnell ab. „Das beste Beispiel ist der Punk. Der ging ja daran kaputt, dass die große Musikindustrie das Thema übernommen hat. In dem Moment, wo Du als Frontmann einer Punkband 250 000 Mark Vorschuss kriegst, ist die politische Luft raus.“

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