Demografie

Wie die Rentner-Stadt Bad Sassendorf junge Familien gewinnt

Bad Sassendorfs Bürgermeister Malte Dahlhoff - mit 39 Jahren jünger als der Durchschnitt der Einwohner seiner Stadt.

Foto: Ralf Rottmann

Bad Sassendorfs Bürgermeister Malte Dahlhoff - mit 39 Jahren jünger als der Durchschnitt der Einwohner seiner Stadt. Foto: Ralf Rottmann

Bad Sassendorf.   Bad Sassendorf galt jahrelang ist Methusalem-City, nun lockt die Kommune wieder junge Familien an – und nutzt dafür auch das Potenzial der Alten.

Schnelle Verkehrszählung in der Fußgängerzone: Auf wenigen hundert Metern vier Senioren an Rollatoren, drei mit Gehstöcken. Nur eine Mutter mit Kinderwagen an der Bushaltestelle. Zwei Teenies auf Fahrrädern unterwegs.

Das sei an diesem trüben Montagmittag in den Herbstferien kein typisches Bild für Bad Sassendorf, betont Bürgermeister Malte Dahlhoff (CDU). Er holt sein Handy hervor, zeigt ein Foto, das er in diesem Sommer gemacht hat von den Fontänen in der Fußgängerzone. Dutzende Kinder planschen fröhlich im Wasserstrahl und in dem flachen See, den die Fontäne auf dem Pflaster hinterlässt, während Senioren im Eiscafé sitzend ihnen dabei zugucken.

Neues Bild

Der Bürgermeister scheint das Bild zu lieben, er holt es später noch einmal hervor. Es ist das Bild des neuen Bad Sassendorfes. Methusalem-City – den alten Spitznamen will Malte Dahlhoff loswerden. Der Kurort ist in Nordrhein-Westfalen die Kommune mit dem höchsten Anteil älterer Menschen in NRW. Während im Landesdurchschnitt etwa jeder fünfte Einwohner über 64 Jahre alt ist, ist es in Bad Sassendorf annähernd jeder dritte. So die Zahlen des statistischen Landesamtes aus dem Jahr 2013.

„Heute aber ist Bad Sassendorf die Kommune im Kreis Soest mit der höchsten Zuwachsrate an Kindern und Jugendlichen“, sagt der 39-jährige Bürgermeister.

Vor zwei Jahren erst ist ein neuer Kindergarten in der Stadt eröffnet worden mit zwei Gruppen. Eineinhalb Jahre später hat man bereits für eine dritte Gruppe anbauen müssen, „die nun bis zum Anschlag voll ist“, sagt Malte Dahlhoff. Jahrelang gab es drei Parallelklassen in der Grundschule der Stadt, seit dem vergangenen Schuljahr sind es wieder vier Züge.

Früher waren die Kundinnen im Kindermodengeschäft „Kunterbunt“ zu 80 Prozent Omas und Kurgäste, die für ihre Enkel einkauften, erzählt Inhaberin Anja Gockel. Mittlerweile, so ihre jüngste Betriebsstatistik, sind es nur noch 60 Prozent – und 40 Prozent junge Mütter.

Beim Zuzug profitiere man vor allem von der guten Nachfragesituation in Soest und Lippstadt, so der Bürgermeister. Die Zuwanderung aus den größeren Nachbarstädten hat die Kommune aber auch durch ihre „Wohnungsvorratspolitik“ gefördert. Baugrundstücke werden bevorzugt an junge Familien vergeben.

Die Preise sind günstig in Bad Sassendorf mit 145 bis 165 Euro pro Quadratmeter erschlossenes Bauland. Die Stadt drängt Investoren dazu, kleine, bezahlbare und barrierefreie Wohneinheiten für alleinstehende Ältere zu schaffen – damit diese wiederum ihre Einfamilienhäuser, die ihnen zu groß geworden sind, an junge Familien abgeben können. Ferner hat die Kommune ihre Hauptschule nicht kampflos auslaufen lassen, sondern eine Gesamtschule in privater Trägerschaft aufgebaut, um für Familien attraktiv zu bleiben.

Wunsch-Omas

Statt von der Methusalem-City spricht Malte Dahlhoff nun von der Mehrgenerationengemeinde. Alt und Jung versucht er zusammenzubringen, indem die Senioren künftig in der Mensa der Gesamtschule mitessen können. Zugezogene Rentnerinnen, die keine Familie in der Stadt haben, werden zu Wunsch-Omas für junge Familien und helfen bei der Kinderbetreuung. Im Kurpark wird demnächst ein Mehrgenerationenspielplatz errichtet. Den täglichen Ferienspaß für Schulkinder derzeit in den Herbstferien betreuen ebenfalls Senioren.

Denn die Rentner sieht man in Bad Sassendorf als Potenzial. „Es sind vor allem ehemalige Leistungsträger, die hier im Ruhestand zuziehen – mit einem hohen ehrenamtlichen Engagement“, sagt Malte Dahlhoff und fügt hinzu: „Wir nutzen das Alter.“

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