Klimawandel

Wie ein Balver Baumsammler dem Klimawandel trotzen will

Der Baumsammler Landwirt Bernward Lösse aus Balve.

Der Baumsammler Landwirt Bernward Lösse aus Balve.

Foto: Vladimir Wegener

Balve.   Bernward Lösse sucht robuste Bäume, die dem Klimawandel trotzen. Die Erkenntnisse aus seinen Waldexperimenten sind auch für Forscher interessant.

Bernward Lösse benutzt gern lateinische Begriffe für Bäume. Und der 61-Jährige kennt viele. „Nyssa sylvatica“, „Acer palmatum“, „Castanea sativa“. Jedenfalls mehr als die der 120 Baumarten, die der Waldbesitzer und Agraringenieur auf seinen 300 Hektar in Balve gesammelt hat. Besser gesagt, groß gezogen hat.

Die Sammlung dient nicht nur seiner Vorliebe, sondern auch der Wissenschaft. Lösse ergründet, wie der Wald in der Region umgebaut werden muss, damit er in Zeiten des Klimawandels Zukunft hat.

Waldbauer Bernward Lösse setzt bei der Dürre auf Vielfalt

Braune Fichten, kahle Buchen: Auf Garbecks Grembergs bietet sich ein Bild des Jammers. Doch Bernward Lösse hat einen Plan.
Waldbauer Bernward Lösse setzt bei der Dürre auf Vielfalt

Auf dem Jungferngut im Ortsteil Garbeck, in 14. Generation im Familienbesitz, und angrenzenden Bergen des märkischen Sauerlandes stehen Lösses Bäume. Arten, die man dort sonst nicht erblickt: Fächerahorn und Tupelobäume, Esskastanie und Zypressen, Pazifische Edeltanne und Schneeglöckchenbaum. Fast alle Gewächse haben ihre Blätter verloren. Die aber, die noch welche besitzen, strahlen in satten Farben: in Gelb, Orange und Rot. Giganten und zarte Pflänzchen soweit der Blick schweifen kann.

Spätheimkehrer kommen nach Südwestfalen zurück

Vielfalt ist Lösse beim Baumbestand wichtig. Deshalb setzt er auf sogenannte Fremdländer wie die Douglasie oder Mammutbäume. Er nennt sie Spätheimkehrer, weil es sie bereits vor der letzten Eiszeit auch in Südwestfalen gegeben hat. Diese Spätheimkehrer sind nicht bei allen Waldbesitzern und Sägewerkern willkommen. Die meisten setzen lieber großflächig auf die Fichte, dem schnell wachsenden und gut zu verarbeitenden Brotbaum der Region. „Der Urwelt-Mammutbaum mit dem botanischen Namen Metasequoia glyptostroboides“, erklärt der Sauerländer, „galt in Westeuropa als ausgestorben.“ Erst in den 1941er-Jahren sei diese Art in China wiederentdeckt worden. Vor 25 Jahren hat der 61-Jährige sie nach Balve gebracht.

Genetische Vielfalt, erklärt Lösse, sei der Schlüssel im Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels, gegen sich explosionsartig vermehrende Schädlinge, ex­trem lang andauernde Trockenperioden und Orkane wie Kyrill. Wie der Wald der Zukunft für das Sauerland aussehen wird, das kann Bernward Lösse noch nicht voraussagen. Aber er kennt seine Bäume. Er kennt ihre guten und weniger guten Eigenschaften.

Mammutbaum wirkt als Windbremse

Als Windbremse schätzt Bernward Lösse den Gebirgsmammutbaum. Auf den Hängen schützt diese Art seine Fichten, mit denen er sein Geld verdient. Die Flachwurzler sind wie die Rotbuchen starken Winden nicht gewachsen. Die bis zu 120 Meter hoch wachsende Konifere schon. Lösse hat den Gebirgsmammut mit der auffallend weichen Rinde auf ausgewählten Flächen den Fichten zur Seite gestellt. „Und es gelingt“, erzählt er. Mischkulturen könnten sich gegenseitig schützen.

Der extrem trockene Sommer in diesem Jahr, so der Agraringenieur, habe allen Baumarten zugesetzt. „Selbst die harzreiche Nobilis leidet.“ Die in immer kürzeren Intervallen einsetzenden Blüh- und Fruchtperioden der Bäume weisen laut Lösse daraufhin, dass eine Erderwärmung stattfindet. „Normalerweise fruchten bestimmte Bäume alle sieben bis zehn Jahre, mittlerweile sind es nur noch drei bis vier Jahre.“ Die kürzeren Abstände seien Zeichen einer Schwächung. Da die Winter im Sauerland seit Jahrzehnten nicht mehr so kalt werden und Temperaturen von unter Minus 20 Grad kaum noch vorkommen, halte sich selbst der in Nordkalifornien heimische Küstenmammutbaum in der Region gut.

Lösse teilt die Erfahrungen, die er mit seinen Waldexperimenten macht, mit Experten und ­Forschern. Zum Beispiel mit dem Botanischen Garten der Universität Bayreuth. Von den Bayern ­erhielt er 2016 Libanon-Zedern, eine Baumart aus dem Mittelmeerraum, die an Trockenheit gewöhnt ist. Lösse pflanzte sie an ­unterschiedlichen Standorten. Für ein abschließendes Urteil, wo die Zedern am besten gedeihen, sei es noch zu früh, sagt der 61-Jährige. Schon jetzt zeige sich aber, dass es auf einem Bergkamm mehr ­Ausfälle gebe als an anderen Stellen.

Neue Energiequellen

Der Klimawandel ist in vollem Gange, Bernward Lösse aber ist mit seinem Latein noch lange nicht am Ende: „Wir finden Lösungen“, sagt er. Wer mit ihm über Bäume redet, zweifelt nicht daran. Der Waldbesitzer hat eine besondere Beziehung zur Natur. Fällt einer der aufrecht Stehenden, kann es durchaus sein, dass der Sauerländer den Stamm mit seinen Händen bearbeitet. Zu sehen sind seine Werke nahe des Parks auf dem Jungferngut, das er mit seiner Frau Adelheid bewirtschaftet. Dort warten in einem Stall lebensgroße, handgeschnitzte Krippenfiguren auf ihren Einsatz.

Stadtmenschen, die mit dem 61-Jährigen in Park und Wald unterwegs sind, lernen in kürzester Zeit nicht nur eine neue Energiequelle zu schätzen, sondern auch, dass die Felsenbirne zu den Rosengewächsen gehört und auf den Familiennamen Rosaceae hört.

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