Erinnerungsorte

Wie ein geschenktes Krönchen in Siegen Erinnerungen weckt

Der Festzug der Schützen in Brilon am Sonntag den 26.06.2016. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Foto: Lars Heidrich

Der Festzug der Schützen in Brilon am Sonntag den 26.06.2016. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services Foto: Lars Heidrich

Hagen.   Woran erinnern wir uns, wenn wir Westfalen denken? Mit dieser Frage beschäftigen sich Forscher der Uni Münster. Hier eine Auswahl

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Woran erinnern wir uns, wenn wir Westfalen „historisch“ denken? Die Forscher des Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Westfälische Wilhelms-Universität Münster haben in dem Sammelband „Westfälische Erinnerungsorte“ 42 besondere Orte, Persönlichkeiten und Traditionen zusammengefasst. Eine Auswahl aus unserer Region:

Möhnesee

Der oscarnominierte Spielfilm „The Dam Busters“ (1955) handelt von der Zerstörung der Staumauer an der Möhnetalsperre durch die Royal Air Force im Mai 1943. Im Jahr 1984 erschien auch ein gleichnamiges Videospiel. „Als Opfer der Operation galten dort in erster Linie die gefallenen Piloten“, schreibt André-Marcel Siegel in seinem Aufsatz. In Großbritannien weckt der Möhnesee offenbar andere Erinnerungen als in Westfalen. Gedenktafeln und Teile der Landschaft, wie der durch die Flut geschaffene See zwischen Niederense und Neheim, erinnern ebenso an die Ereignisse in der Nacht auf den 17. Mai 1943 wie der Altar in der neuen Kirche in Niederense. Steine der zerstörten Abtei Himmelpforten finden sich dort wieder.

Friedrich Harkort

Harkort-Berg, Harkort-Turm, Harkort-Stadt, Harkort-Institut, Harkort-Denkmäler. „Nur wenige Industrielle des 19. Jahrhunderts haben eine so anhaltende und zustimmende Erinnerung erfahren wie Friedrich Harkort“, schreibt Thomas Küster in seinem Beitrag. 1793 auf dem Gut Harkorten bei Hagen geboren, blieb er zeitlebens mit dem märkischen Industriegebiet verbunden. Harkort betrieb mehrere Fabriken – bekannt wurde er mit der Maschinenfabrik auf der Burg Wetter (1819), wo er mit englischen Facharbeiten die ersten Dampfmaschinen in Preußen produzierte. Es folgten weitere unternehmerische Aktivitäten, die jedoch alle nicht von Erfolg gekrönt waren. 1837 war Harkort bankrott. Wirkung entfaltete Harkort vor allem durch seine politischen und publizistischen Arbeiten, so Küster. Er setzte sich für den Bau der Eisenbahnen und Straßen ein und galt als national gesinnter Liberaler. Er forderte die Integration aller sozialer Schichten, ein Verbot der Kinderarbeit und die soziale Absicherung ein. Harkort galt damit als Repräsentant einer neuen Bürgerschaft. Die Menschen erinnern sich oft an ihn. Wie das Projekt „Mein Friedrich“ des Lions Clubs Wetter zeigt. In der Stadt wurden mehr als einhundert, bunte Harkort-Figuren aufgestellt, um an sein Wirken zu erinnern, aber auch um den Zusammenhalt in Stadt und Region zu stärken.

Nikolaikirche in Siegen

Die Nikolaikirche, erbaut im 13. Jahrhundert, bildet das Zentrum Siegener Oberstadt, wo Wochenmarkt und Konzerte stattfinden. Im Sommer sind die Treppen bis in die Nacht mit Studenten gefüllt. Eine goldene Krone ziert den Turm. Die besondere Spitze schenkte Fürst Johann Moritz den Siegenern im Jahr 1658 – das „Krönchen“, wie es überall heißt, galt gleichermaßen als weltliches und geistliches Machtsymbol. Das Krönchen stiftet in Siegen Identität und pappt als Aufkleber auf so manchem Auto.

Heinrich Lübke

Enkhausen ist Lübke, Lübke ist Enkhausen. Mit diesen Worten beschreibt Norbert Bangert den Geburtsort des zweiten Bundespräsidenten. Die Erinnerungen seien dort omnipräsent, aber außerhalb Sunderns wenig vorhanden. Der Autor beschreibt die Rezeption Lübkes als gespalten: Auf der einen Seite die historischen Befunde, auf der anderen Seite Vorurteile. Lübke galt als Fachmann in landwirtschaftlichen Fragen und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Im kollektiven Gedächtnis sind den Menschen vor allem seine Versprecher geblieben. Doch weder das Zitat „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ noch für die englische Übersetzung für „Gleich geht es los“ („equal goes it loose“) sind belegt, schreibt Bangert. Oft sei Lübke dargestellt worden als „der einfache und bisweilen unbedarfte Sauerländer vom Lande, der in der großen Politik auf weltoffene und geistig überlegene Staatsmänner trifft“.

Westfälische Mundarten

Schwäbisch, hessisch, bayrisch – westfälisch? In Westfalen gibt es verschiedene Mundarten mit Gemeinsamkeiten, aber auch strengen Angrenzungen, schreibt Christian Gewering in seinem Beitrag. Die schärfste Grenze verlaufe im Süden zwischen dem Kreis Olpe und Siegen-Wittgenstein. Erkennbar an stimmlosen Plosivlauten p, t und k, die sich im Siegerland zu f, ts/ss und ch verschoben haben. Im Kreis Olpe blieben sie erhalten. „Nach Ende des Zweiten Weltkrieges setzte sich in den Familien die Überzeugung durch, dass die niederdeutsche Erziehung den Kindern schade“, so Gewering. Seither wuchsen immer weniger mit den westfälischen Mundarten auf. Die Mundarten finden sich heute fast nur noch in regional gefärbter Umgangssprache. Ein begrenzter Personenkreis bemühe sich allerdings darum, die Sprache als Kulturdialekt zu erhalten.

Schützenwesen

Das Schützenwesen ist kein rein westfälisches Phänomen. Wie verschieden die Schützenvereine an sich bereits sind, zeigt schon die Unterscheidung zwischen Bruderschaft und Verein. Die Bruderschaft lege besonderen Wert auf das christliche Selbstverständnis, weniger auf den wettbewerbsorientierten Schießsport. Für den Autor Hendrik Heft handelt es sich dennoch um einen westfälischen Erinnerungsort, weil die Vereine „in einem regionalen Umfeld verortet sind und ein erkennbaren Anteil am alltagskulturellen Erscheinungsbild“ haben. In seiner Betrachtung zeichnet er unter anderem die traditionsreiche Geschichte der Arnsberger Bürgerschützengesellschaft nach, die im Jahr 1822 bereits 570 Mitglieder zählte – das waren immerhin bereits mehr als 15 Prozent der damaligen Einwohnerzahl. Sie gehört damit zu den ersten Schützenvereinen im Regierungsbezirk.

>> HINTERGRUND
Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region, Lena Krull (Hg.). ISBN 978350678604, 34,90 Euro.

Historische Fakten, weitere Fotos und weiterführende Links twittern die Historiker unter dem Twitter-Account .

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