Adventsserie 4

Wie ein Videoverleiher dem Niedergang der Branche trotzt

Holger Schrickel in seinem Videotreff.

Holger Schrickel in seinem Videotreff.

Foto: Ralf Rottmann

Hagen.   Die Videotheken in Deutschland sterben, doch Holger Schrickel in Hagen-Hohenlimburg betreibt seinen Verleih seit 1981 – und will weitermachen.

Eine der letzten Videotheken
Eine der letzten Videotheken

Draußen stürmt es, und der Regen fällt an diesem Morgen wie aus einer Gießkanne. „Video-Wetter“, sagt Holger Schrickel – und lächelt fein.

Wenn es grau und kalt wird, wenn lange Feiertage anstehen, dann versammelt sich die Familie gern vor dem modernen Herdfeuer, dem Bildschirm. Im Zeitalter von Streaming-Diensten und illegalen Downloads im Internet braucht dafür niemand mehr das Haus zu verlassen, um wie früher einen Film auszuleihen. Oder?

Es ist kurz nach 13 Uhr an einem Montagmittag. Vor wenigen Minuten erst hat Holger Schrickel die Tür zu seinem Verleih aufgeschlossen, da tritt Peter Pollmann ein, um den Film zurückzugeben, den er übers Wochenende ausgeliehen hatte. Drei Mal die Woche sei er hier, erzählt er, denn im Fernsehen laufe doch „nur Schrott, unterbrochen von Werbung“. Da sei er schon froh, dass „wir hier noch eine Videothek haben“, sagt der Mann, „und einen Experten wie Holger.“ Seit etwa 20 Jahren kommt Peter Pollmann her.

Drei Filialen

Seit 36 Jahren betreibt Holger Schrickel die Videothek. Werkstoffprüfer hatte er gelernt und in dem Beruf gearbeitet, bis der Betrieb geschlossen wurde. Mit der Abfindung, die er bekam, machte er sich in Hagen-Hohenlimburg selbstständig. Das war 1981, als die Videotheken boomten, blickt er zurück. Es blieb nicht bei einem Verleih; drei Filialen eröffnete er im Laufe der Jahre im Stadtgebiet Hagen, und in jeder davon beschäftigte er eine Mitarbeiterin.

Heute hat der 62-Jährige keine Angestellte und nur ein Geschäft. 80 Quadratmeter groß. Die Sperrholz-Regale hat er selbst zusammengezimmert. Auf dem hohen Tresen steht aufgeklappt ein Laptop – und daneben ein großer Kasten voller Karteikarten, von Hand beschrieben. Ausleihe geht hier analog und auf Papier.

30 bis 40 Kunden täglich

In den Regalen stehen die leeren Videohüllen. Davor ist ins Holz ein Metallhaken gebohrt. Wenn nichts an dem Haken hängt, wissen die Kunden, dass der Film ausgeliehen ist. Baumelt ein Plastikschlüsselanhänger daran mit einer Zahl darauf, ist der Film noch zu haben. Kein Barcode, kein Scanner und keine Datenbank. „Das geht besser als am PC, so kann ich mehrere Kunden gleichzeitig bedienen“, sagt Holger Schrickel.

Muss er aber vermutlich eher selten. Annähernd 4000 Kunden hat er in seinem Karteikasten „gespeichert“. 30 oder vielleicht 40 davon kommen täglich in den Videotreff, schätzt er. „Freitags und samstags etwa 50 bis 70“, fügt er hinzu. Drei Euro nimmt er über Nacht pro Film oder Computer-Spiel. Zwei Artikel gibt es für fünf Euro, drei für sieben. Große Summen setzt er also nicht um, das lässt sich überschlagen. Genug für den Lebensunterhalt? „Es ist an der Grenze“, sagt der alleinstehende Mann, „weniger darf es nicht werden“.

Ans Aufhören habe er noch nie gedacht, behauptet er. Er überlege nur immer wieder, „was ich noch alles machen kann“. Ein Din-A-4-Zettel neben der Eingangstür wirbt dafür, dass hier auch Flyer und Visitenkarten ausgedruckt und Internetseiten erstellt werden. Ein kleines Zusatzgeschäft.

Vor zehn Jahren hatte Schrickel befürchtet: „Jetzt ist es vorbei.“ Raubkopien im Internet machen seitdem den Videotheken-Betreiber das Leben schwer, sagt Jörg Weinrich vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels. Seitdem ist auch die Zahl der Videotheken in Deutschland stark zurückgegangen. Dennoch: „65 – das schaffe ich“, ist Holger Schrickel zuversichtlich, dass die Videothek ihn bis ins Rentenalter trägt. „Und hoffentlich noch länger.“

Fachsimpeln

Denn „Spaß macht es wie am Anfang“, sagt er lächelnd. Immer wieder neue Filme im Programm und das Fachsimpeln mit den Kunden, erklärt er, der eigentlich wenig Worte macht.

Fachsimpeln zum Beispiel mit Sieglinde Aßhauer. Ein- bis zweimal pro Woche kommt sie hierher. „Wir sind total vernetzt zu Hause, haben alles, was dazugehört“, betont sie. Dennoch: Filme über Streaming-Dienste – ein Abo, eine Verpflichtung wolle sie nicht eingehen, wehrt sie ab. „Und außerdem ist das nicht so aktuell, wie man immer denkt.“

Holger Schrickel dagegen hat ihr den neuen Film besorgt, nach dem sie schon drei Mal gefragt hat. „Begabt“ heißt der Streifen. Kein Blockbuster, keine großen Stars. Auch das gibt es hier. Vielleicht drei Jahre noch – und länger.

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