Schule

Wie Jugendliche in der Schule das Programmieren lernen

Lehrer Christian Rademacher und Schüler Marian in der Informatik-AG.

Lehrer Christian Rademacher und Schüler Marian in der Informatik-AG.

Foto: Ralf Rottmann

Lennestadt.  Programmierunterricht ist an deutschen Schulen selten, weil Lehrer als IT-Muffel gelten. Die Sekundarschule Hundem-Lenne zeigt, wie es doch geht.

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Programmierunterricht ist an deutschen Schulen selten. Das liegt auch an den Lehrern, die zum Leidwesen der bundesweiten Softwareschmieden im internationalen Vergleich als Computermuffel gelten. Die Sekundarschule Hundem-Lenne hat Glück: Christian Rademacher ermöglicht mit seinem Engagement Schülern, wovon anderswo nur geredet wird: Lernen für die digitale Arbeitswelt, mit zeitgemäßen Methoden. In seiner Informatik-Arbeitsgemeinschaft werden Apps erstellt.

Im Computerraum wird auch nach 13 Uhr noch eifrig gearbeitet: Marians Finger fliegen über die Tastatur. „Es ist fertig, Herr Rademacher!“, ruft der 13-Jährige triumphierend. Gemeint ist ein Quiz zu naturwissenschaftlichen Themen, das als App auf Handy und Tablet läuft. Jetzt müssen nur noch weitere Fragen und Antworten eingestellt werden: „Dann kann die ganze Schule mitmachen. Über die Punktzahl ermittelt das Programm automatisch die Sieger“, erklärt Christian Rademacher.

Mint als Wahlpflichtfach

Der 29-Jährige unterrichtet Naturwissenschaften, Informatik und das neue Wahlpflichtfach „Mint“ an der Sekundarschule in Lennestadt , eine von derzeit 34 Bildungseinrichtungen dieses Typs im Regierungsbezirk Arnsberg. „Ich wollte die Schüler mit etwas abholen, das ihnen aus dem Alltag vertraut ist“, berichtet Rademacher, der eigentlich kein Informatiklehrer ist. „Studiert habe ich Mathe und Chemie. In meiner Freizeit fing ich aber an, mich mit Webdesign und Web-Content-Management zu befassen“, erinnert er sich. Es sei dann das Interesse der Schüler gewesen, das zur Gründung der AG geführt hat: „Bei manchen Schülern habe ich gemerkt, dass die sich auf einem ganz anderen Niveau ausprobieren möchten.“

Aber wie vermittelt man Kindern Programmierkenntnisse, wenn man selbst kein Fachmann ist? Christian Rademacher begab sich im Internet auf die Suche. Über die Plattform „App Camps“, die für Lehrkräfte kostenlose Materialien zur Verfügung stellt, wurde er auf „Scratch“ aufmerksam. Diese Software soll Kinder und Jugendliche altersgerecht an Grundkonzepte der Programmierung heranführen. Dazu wartet die Entwicklungsumgebung mit einer visuell geprägten Oberfläche auf: Statt unter Einhaltung formaler Regeln Befehlszeilen einzutippen, bauen die Schüler Sätze aus vorgegebenen Blöcken. Diese sind farblich markiert, ihre jeweilige Funktion wird – auf Deutsch – verständlich erläutert.

Was die Anweisungen bewirken, kann der Benutzer an zweidimensionalen Objekten im Hauptfenster der Software nachvollziehen, etwa: „Wenn der Anwender die linke Pfeiltaste drückt, bewege die Katze ein Feld nach links“ oder „Wenn die Katze die Maus berührt, entferne die Maus und gib dem Anwender einen Punkt.“ Jarvis (13), der maßgeblich an der Quiz-Entwicklung beteiligt ist, hat so das Spiel „Robo Rocket“ geschrieben, bei dem man mit einem Raumschiff Jagd auf Raketen macht.

Schüler bringt dem Lehrer Java bei

Die nächste Stufe ist das Programm „App Inventor“, das mit ähnlichen Prinzipien arbeitet, aber komplexer ist. Marian ist auch darüber schon hinaus und arbeitet in der Programmiersprache Visual Basic direkt im „Code“, tippt also Befehle ein. „Ich hoffe, dass wir da irgendwann hinkommen, aber die Voraussetzungen bei den Schülern sind unterschiedlich. Manchen fällt schon das mit den Bauklötzen schwer“, erklärt Rademacher und ergänzt: „Ich lerne hier genau so wie die Schüler ständig dazu. Einer aus der sechsten Klasse hat mir neulich die Sprache Java gezeigt.“

Der 13-jährige Konstantin ist grafisch interessiert. Er kreiert Hintergrundbilder für die Anwendungen seiner Mitschüler, heute arbeitet er an dem dreidimensionalen Modell eines Autos – mit „Blender“, das ist ein kostenfreies Programm, das auch Profis nutzen. Das Schneiden von Videos hingegen hat es Jan (13) angetan.

Einen reinrassigen IT-Job können sich aber nur die wenigsten der Schüler vorstellen, berichtet Rademacher: „Viele finden Apps cool, aber Informatik studieren oder Programmierer werden, ist etwas anderes. Ich denke jedoch, dass die Hälfte einen Mint-lastigen Beruf ergreifen werden, etwa im Handwerk.“

Vom medialen Interesse an seiner AG ist der Lehrer überrascht. „Ich mache eigentlich nicht viel, die Materialien und Erklärvideos kommen aus dem Internet“, stellt er klar, räumt aber ein, dass sein Projekt viel Freizeit koste. Trotzdem: „Wenn es mehr Fortbildungen gäbe, würden mehr Kollegen sich herantrauen“, ist Rademacher überzeugt. An Ideen für die Zukunft gibt es an der Sekundarschule Hundem-Lenne keinen Mangel – so soll ein programmierbarer Lego-Roboter das digitale Lernen bald noch anschaulicher gestalten.

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