Corona

Darf man Witze über Corona machen? Komiker in der Krise

Ein herzhaftes Lachen ist auch in schwierigen Zeiten ganz wichtig.

Ein herzhaftes Lachen ist auch in schwierigen Zeiten ganz wichtig.

Foto: Denisfilm / Getty Images/iStockphoto

Lippstadt/Plettenberg/Winterberg.  Selten war Humor so wichtig und wertvoll wie in diesen Zeiten. Aber Komiker wie Matze Knop müssen kreativ sein, um ihr Publikum zu erreichen.

Das Coronavirus ist alles andere als lustig. Es macht krank und bringt die Menschen weiß Gott nicht dazu, dass sie sich zum Scherzen aufgelegt fühlen. Und doch war Humor selten so wichtig wie in diesen schwierigen Zeiten. Das wissen Komiker, Comedians und Kabarettisten wie Karin Berkenkopf alias Frieda Braun, Jacqueline Feldmann und Matze Knop.

Die Humoristen aus der Region dürfen – wie ihre Kolleginnen und Kollegen – in der Corona-Krise nicht auf herkömmlichen Bühnen auftreten. Es sind kreative Lösungen erforderlich, um ihr Publikum zu erreichen.

Frieda Braun will endlich wieder auftreten: „Ich wäre heilfroh“

Es gehe ihr gut, sagt Karin Berkenkopf, „ich fahre viel Rad und wandere.“ Frieda Braun, die schrullige Bühnenfigur der Winterberger Ka barettistin, dagegen sei seit dem Beginn der Corona-Krise in sich gekehrt. „Sie möchte gerne wieder arbeiten.“

Die Corona-Krise hat viele Künstler schwer erwischt. „Es ist eine ganz bittere Zeit“, sagt Karin Berkenkopf, Jahrgang 1963, viele seien in finanziellen Schwierigkeiten. Zur Not, ergänzt die Sauerländerin, könnte sie wieder in ihren erlernten Beruf als Werbetexterin zurück. Aber: „Ich will unbedingt wieder auf die Bühne.“

Am 16. Februar war Frieda Brauns letzter Bühnenauftritt. Seitdem fehlt ihr der Kontakt zum Publikum. „Total“, sagt sie und erzählt von der Sache mit dem Autokino. Komiker Helge Schneider hatte jüngst eine solche Location abgelehnt. „Ich trete nicht vor Autos auf“, hatte er unmissverständlich zu erkennen gegeben.

Karin Berkenkopf ist da nicht so radikal. Sie hatte das Angebot zu einem 90-minütigen Auftritt. Ganz alleine. Vor Autos. „Ich habe mich nicht getraut“, sagt sie, „ich war mir nicht sicher, ob ich durchhalte, wenn es keine Reaktionen aus dem Publikum gibt. Es ist, als rufe man im Berg ein Echo – und es kommt nichts.“

"Humor ist enorm wichtig"

Dabei ist Humor in diesen schwierigen Zeiten enorm wichtig, findet sie. „Humor ist wie Dextro Energen für die Seele.“ Selbst mit einem Witz über das Coronavirus? „Ich bin da eher etwas vorsichtig“, antwortet die Hochsauerländerin ehrlich, „es ist eine Gratwanderung.“

Wiewohl: Es sei immer schwierig auf der Bühne, einen gemeinsamen Nenner mit dem Publikum zu finden. Karin Berkenkopf: „Corona ist seit Jahren der erste gemeinsame Nenner. Alle sitzen in einem Boot.“

Die Winterbergerin beteiligt sich derzeit an dem digitalen Projekt „Kultur per Lieferservice“ des Illustrators und Karikaturisten Peter Menne. „Ich steuere literarische Vorlagen bei, die er durch Zeichnungen ergänzt.“

Es macht ihr viel Spaß. Aber es fehlt die Bühne. Vielleicht, sinniert sie, ist es in der zweiten Jahreshälfte möglich, vor kleinerem Publikum in großen Sälen wieder aufzutreten. „Ich wäre heilfroh.“

Bühne statt Finanzamt: Jacqueline Feldmann will nicht in ihr altes Leben zurück

Jacqueline Feldmann (25) macht gerne Witzchen über die deutsche Bürokratie. Vor Jahren hat die gebürtige Plettenbergerin ihren Arbeitsplatz am Finanzamt Lüdenscheid gekündigt und sich als Comedienne (weiblicher Comedian) selbstständig gemacht. „Ich dachte immer, Bühne und Beruf sind krisensicher“, sagt sie. Corona hat sie leidlich vom Gegenteil überzeugt.

Die ausgebildete Finanzwirtin ist über ihren Schatten gesprungen und hat bei der Oberfinanzdirektion angerufen. Ob man eine Aushilfe über den Sommer bräuchte – „damit Geld reinkommt“. Die Antwort war: nein. Aber: „Man bot mir eine Festanstellung in einem Finanzamt mit der Aussicht auf eine Beamtenlaufbahn auf Lebenszeit an.“

Jacqueline Feldmann entschied sich gegen den sicheren Weg. Für den risiko-reicheren Künstlerberuf mit „Momenten der Verzweiflung und der Existenzangst“, wie sie sagt: „Ich möchte nicht in mein altes Leben zurück. Der Job im Finanzamt erfüllt mich nicht so wie Bühnenauftritte.“

Kürzlich nahm die Sauerländerin einen Beitrag für artistsagainstcorona.com auf. Der Saal war mit Ausnahme von drei Kameraleuten menschenleer. Im Publikum saßen nackte Schaufensterpuppen – „damit jemand da ist“. Ein komisches Gefühl, eine gruselige Atmosphäre, sagt Jacqueline Feldmann, „man merkt, wie essenziell das Publikum ist.“

Die Corona-Pandemie erfordert von Komikern nicht nur künstlerische Kreativität. Die 25-Jährige hat eine Crowdfunding-Aktion (Finanzierung durch Internetnutzer) gestartet, um Projekte umzusetzen: einen Podcast, ein Film-Format auf Youtube und ein Buch. „Eigentlich hatte ich mir das Geld dafür an die Seite gelegt. Durch Corona muss ich aber derzeit von dem Ersparten leben.“

Die Sauerländerin, einst deutsche Jugendmeisterin im Hammerwerfen, wird in einem Autokino auftreten. „O.k., Lichthupen sind nicht unbedingt das, was Comedians brauchen“, sagt sie. Aber ich freue mich in dieser Zeit über jeden Auftritt.“ Sie kann Helge Schneider verstehen, der so etwas ablehne. „Aber nicht jeder ist finanziell so abgesichert wie er.“

Corona ist nicht lustig. Man dürfe trotzdem den Humor nicht verlieren, findet Jacqueline Feldmann. Wie weit kann man als Comedian gehen? „Grundsätzlich kann man über alles Witze machen“, sagt sie, „sie müssen aber gut und empathisch sein und sich am Ende so drehen, dass sich keiner schlecht fühlt.“

Der Terminkalender der Wahl-Kölnerin für den Herbst ist voll. „Ich befürchte, dass das Publikum zunächst etwas zögern wird und kann nur hoffen, dass auch kleine Betriebsstätten die Krise irgendwie überstehen.“ Aus ihrer Sicht wird es in Zukunft mehr Bezahl-Comedy im Internet geben.

Jacqueline Feldmann lässt sich nicht unterkriegen: „Ich habe das Glück, in einer WG zu leben. Da ist man nie einsam.“ Und man kann neu gewonnene Zeit sinnvoll nutzen, weiß die Finanzwirtin: „Vielleicht hat Corona auch etwas Gutes: Arbeitnehmer haben Zeit für die Steuererklärung 2019 und könnten diese rechtzeitig im Finanzamt abgeben.“

Matze Knop: „Ich mache Comedy für die gute Sache“

Natürlich hat sich auch Komiker Matze Knop zu Beginn der Corona-Krise Farbe und Pinsel im Baumarkt gekauft. „Aber die Sachen stehen noch unbenutzt im Keller“, sagt der Lippstädter und lacht so herzhaft, als parodiere er wie üblich Franz Beckenbauer, Jürgen Klopp oder Dieter Bohlen.

Auf einem aktuellen Foto ist der 45-jährige TV-Künstler, wie er sich selbst bezeichnet, in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Good vibes for bad times“ (gute Stimmung für schlechte Zeiten) zu sehen. Das sei auch in der derzeitigen Krise sein Motto, für ihn die einzige Möglichkeit, der Corona-Pandemie zu begegnen: „Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man sich auf das Gute fokussieren sollte. Sonst gerät man schnell in eine Abwärtsspirale.“

Das Wort Corona kommt auf seiner Homepage ganz bewusst nicht vor. Er will dieses Un-Wort erst gar nicht thematisieren. „Ich mache Comedy für die gute Sache.“ Gerade in schwierigen Zeiten sei es Aufgabe eines Komikers, gute Laune und ein positives Gefühl zu verbreiten, die Menschen an die Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihnen die Krise zu wuppen. Knop: „Ich bin Fußballer: You never walk alone.“

Trotz der derzeit widrigen Umstände ohne Tour- und Firmenauftritte wirkt der Lippstädter ganz entspannt. „Ich bin dankbar, dass es bislang so gut gelaufen ist“, sagt er, „für einen Bühnentechniker ist die Situation ungleich schwieriger.“

Bei dem Bezahlsender Sky wurde sechs Wochen lang sein tägliches Homeoffice-Programm ausgestrahlt, wöchentlich produziert er zusammen mit Ex-Fußball-Manager Reiner Calmund einen Podcast, und nach wie vor gibt es Einladungen in Fernseh-Sendungen. „Es zahlt sich aus, dass ich mir über all die Jahre ein gutes Netzwerk aufgebaut habe.“

Als er mit dem Reporter telefoniert, ist Matze Knop gerade auf dem Weg nach München – er ist bei der Aufzeichnung einer Kochshow dabei. „Das allein ist schon Comedy“, schmunzelt er und sieht einen direkten Zusammenhang mit seinem kürzlich erschienenen Kochbuch, entstanden in Zusammenarbeit mit seiner Mutter. Titel: „Kochen mit zwei linken Händen.“

Ja, er habe viel gekocht in letzter Zeit, sagt Matze Knopf. Es sind Zeiten mit neuen Erfahrungen für einen Komiker. Der 45-Jährige tritt auch in Autokinos auf, demnächst mit Stimmungssänger Mickie Krause unter dem Motto „Comedy trifft Party“.

Natürlich sei ein Auftritt in einem Autokino „keine Show wie ein Rock’n’Roll-Abend in einer vollbesetzten Halle“. Und es sei gewöhnungsbedürftig, ergänzt der Lippstädter, wenn man auf der Bühne steht und der „Energieaustausch mit dem Publikum“ quasi ausfällt – höchstens durch Lichthupe und Hupe. „Aber man erreicht trotzdem die Menschen.“

Darf man eigentlich Witze über Corona machen? Diese Frage ist typisch deutsch, findet Matze Knop. „Amerikaner und Engländer gehen viel entspannter mit schwierigen Themen um, können diese viel besser als die Deutschen in eine gewisse Leichtigkeit auflösen.“ Für ihn gelte immer die Faustformel: „Je härter das Thema, umso besser muss der Gag sein. Wie weit man geht, muss jeder für sich selbst entscheiden.“

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