Gesundheitsversorgung

Wie man Hausärzte aufs Land bekommt

Landarzt Dr. Frenz unterwegs in Marsberg. Der Mediziner freut auf den Kontakt mit seinen Patienten.

Landarzt Dr. Frenz unterwegs in Marsberg. Der Mediziner freut auf den Kontakt mit seinen Patienten.

Foto: Ralf Rottmann/WAZ FotoPool

Frankfurt.   Prof. Ferdinand Gerlach ist Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt. Der Marsberger gilt als Experte für die schwieriger werdende Hausarzt-Versorgung und hat Rezepte zur Versorgungssicherheit.

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Wer wissen will, wie es um die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum steht, welche Probleme in Zukunft drohen und wie man ihnen begegnen kann, tut gut daran, Prof. Ferdinand Gerlach zu fragen. Denn der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt ist erstens Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, also der oberste Gesundheitsweise in der Bundesrepublik, zweitens Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), also Experte für die schwieriger werdende Hausarzt-Versorgung, und drittens Sauerländer aus Marsberg, also vertraut mit den besonderen Bedingungen in Südwestfalen.

Die kurze Antwort des 53-Jährigen lautet: „Wir haben insgesamt genügend Ärzte, aber nicht immer die am dringendsten benötigten, und sie sind oft nicht dort, wo sie am meisten gebraucht werden. Aber mit den geeigneten Maßnahmen können wir die Entwicklung in den Griff bekommen.“ Die ganz ausführliche Antwort wird der Sachverständigenrat am 23. Juni in seinem neuen Gutachten Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zukommen lassen. Das will Gerlach im Gespräch mit dieser Zeitung verständlicherweise nicht vorwegnehmen. Aber die grundsätzlichen Analysen und Forderungen sind kein Geheimnis.

Nachwuchs ist prinzipiell da

Am Anfang steht die Statistik: Jedes Jahr gehen bundesweit mehr als 2200 Hausärzte in den Ruhestand. Jeder zweite findet keinen Nachfolger. Dabei gibt es prinzipiell Nachwuchs. 11891 junge Ärzte beendeten 2012 ihre Weiterbildung. Nur zehn Prozent von ihnen waren Fachärzte für Innere und Allgemeinmedizin. 90 Prozent verteilten sich auf die anderen 80, immer stärker spezialisierten Fachgebiete. „Aber mit 90 Prozent Spezialisten kann man kein Gesundheitssystem der Welt sinnvoll betreiben“, sagt der Gesundheitsweise. International werden im ambulanten Bereich 60 Prozent Allgemeinmediziner und maximal 40 Prozent Spezialisten angestrebt. So war es in Deutschland vor 20 Jahren. Inzwischen hat sich das Verhältnis fast umgekehrt. „Wir müssten mindestens doppelt so viele Allgemeinmediziner weiterbilden“, betont Gerlach. Die Generalisten, die den ganzen Menschen im Blick haben, die familiären Lebensbedingungen kennen, chronisch oder mehrfach Kranke begleiteten und vor Überdiagnostik und –therapie schützten, würden angesichts der Alterung der Gesellschaft wichtiger denn je.

„Wir werden drei junge Ärzte brauchen, um zwei alte Landärzte zu ersetzen“, ist Gerlach überzeugt. „Deren durchschnittliche Arbeitszeit von 57 Stunden pro Woche will sich der Nachwuchs nicht antun.“ Denn der legt mehr Wert auf eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ist inzwischen zu zwei Dritteln weiblich: „Der Hausarzt der Zukunft ist eine Hausärztin.“ Und die arbeitet gerne in Teilzeit, lieber angestellt als selbstständig, möchte nicht immer im Dienst sein und hat zumeist einen Partner, der auch Akademiker ist und von dem Mobilität erwartet wird. Deshalb sei die Aufhebung der bisher vorgeschriebenen Präsenzpflicht – Wohnen am Praxisort – wichtig für die Nachwuchsärzte. „Dann kann die junge Ärztin beispielsweise mit Partner und Familie in Paderborn wohnen und in Brilon in eine große Primärversorgungspraxis pendeln.“

Allgemeinmedizin als Pflichtfach

Aber wie will man die Zahl der Allgemeinmediziner erhöhen? Dazu hat die DEGAM vor wenigen Monaten ein Konzept vorgelegt: Allgemeinmedizin soll, schrittweise bis 2019, Pflichtfach im Praktischen Jahr des Medizinstudiums werden, das dann in Quartale aufgeteilt wird. Das persönliche Erleben des Praxisalltags jenseits der Uni-Kliniken sei wichtig für das spätere Verständnis unter Kollegen verschiedener Fachrichtungen und erhöhe nachweislich die Motivation, Hausarzt zu werden. Dazu müssten unter den derzeit tätigen 55000 Hausärzten 4600 neue Lehrpraxen gewonnen werden; das wäre eine Verdopplung. Und nach dem Studium müsse die Weiterbildung verbessert werden, meint Gerlach. Erfahrungen mit Kompetenzzentren in Marburg, Frankfurt und Heidelberg, bei denen ein Paket mit regionalen Weiterbildungsverbünden aus Klinken und Praxen sowie begleitenden Seminaren und einer Mentorenbetreuung geschnürt werde, verliefen sehr ermutigend.

Doch selbst wenn es mehr Allgemeinmediziner gäbe, wären die damit noch nicht im Sauer- oder Siegerland. Wie also bekommt man sie dorthin? „Man muss schon während des Studiums spezielle Programme anbieten, Praktika in Praxen und Kliniken im ländlichen Raum und Landarzt-Tracks anbieten“, sagt Gerlach. „Australien, Norwegen, Kanada oder die USA haben da bereits langjährige Erfahrungen.“

Bürgertaxis für Patienten

Natürlich müssten die Arbeitsbedingungen attraktiver werden, der Bereitschaftsdienst sollte weniger belastend sein, Mobilität sei zu fördern: „Bürgertaxis könnten die Patienten in die Praxis bringen und gleichzeitig auch die Kinder der berufstätigen Ärztinnen in den Kindergarten, zur Schule oder zum Sport transportieren.“ Und baldmöglichst müsse die „zuwendungsorientierte, sprechende Medizin“ besser honoriert werden. Das Ziel: „Es darf nicht attraktiver sein, einen Medizingerätepark in der Stadt zu bedienen, als in einem Dorf im Sauerland Hausbesuche zu machen. Auch am Wochenende haben die Menschen im Sauerland ein Recht auf eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Grundversorgung.“

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