Demografischer Wandel

Wie Technik das Landleben für Senioren schöner macht

Einkaufen im Dorfladen in Elsoff.

Einkaufen im Dorfladen in Elsoff.

Foto: Lars-Peter Dickel

Siegen.   Dana Kurz arbeitet für die Universität Siegen am Projekt „Vernetztes Dorf“ und will mit moderner Technik, den Austausch der Ehrenamtler stärken.

Dana Kurz hat Architektur und Urbanistik studiert, ist Dozentin für Städtebau, arbeitet an Stadtkonzepten und zum Thema Partizipation und ist seit 2015 Mitarbeiterin am Forschungskolleg der Universität Siegen. Im interdisziplinären Projekt „Cognitive Village – Vernetztes Dorf“, das sich vor allem mit technischen Alltagsbegleitern im Alter beschäftigt, kümmert sie sich um ganzheitliche Entwicklungspläne zu den Auswirkungen des demografischen Wandels im ländlichen Raum.

Sie wollen das Überleben der Dörfer mittels digitaler Technik sichern?

Dana Kurz: Das würde die Technik alleine nicht schaffen. Aber sie kann eine große Chance für mehr Lebensqualität im ländlichen Raum sein, sie hilft dabei, Distanzen zu überbrücken.

Und was tun Sie konkret?

Das gesamte Projekt untersucht, wo Technik älteren Menschen dabei helfen kann, mehr am Alltagsleben teilzunehmen. Wir begleiten das in drei Modellräumen in Siegen und im Dörferverbund Eder-Elsofftal, der zur Stadt Bad Berleburg gehört. Dort geht es darum, das Ehrenamt durch Technik zu stützen. Im Moment funktioniert die Kommunikation in den Einzeldörfern noch gut, aber wir wollen nun die gemeinsamen Strukturen ausbauen. Was bislang komplett analog klappt, soll auch noch gelingen, wenn der Anteil der Älteren noch höher wird.

Wollen die Leute denn die virtuelle Kommunikation?

Die erste Option ist: selbst hingehen. Die direkte Begegnung steht immer an erster Stelle. Aber an manchen Tagen ist man vielleicht nicht so fit. Da könnte die Helferin im Dorfladen die Kamera über die Waren bewegen und die Kundin erkennt zu Hause am Tablet, welche Buttersorten es gibt oder wie frisch der Salat aussieht. Das ist sozusagen Online-Shopping auf zwei Beinen. Bislang liefern die ehrenamtlichen Helferinnen das aus. Aber das könnten künftig auch Nachbarn übernehmen, wenn sie ein entsprechendes Signal auf ihr Smartphone bekommen. In einem Projekt in Betzdorf, mit dem wir uns austauschen, hat sich gezeigt, dass viele Dorfbewohner das sehr gerne machen. Die Technik könnte mehr Qualität bei weniger Aufwand schaffen.

Und dafür haben Sie Tablets verteilt?

Neun Freiwillige im Alter von Mitte 60 bis Ende 70 haben Tablets und Smartphones bekommen und lernen jetzt den Umgang damit. Die sogenannten Nutzer-Cafés werden durch die Juniorprofessur IT für die Alternde Gesellschaft betreut. Wenn die erste Hemmschwelle verschwunden ist, zeigt sich eine große Begeisterung. Jetzt kann man mit den Enkeln skypen! Das ist kein Ersatz für direkte Kommunikation, sondern ein Zusatz.

Keine Bedenken?

Datensicherheit und Privatsphäre sind große Themen. Es werden geschlossene Gruppen gewünscht. Die Idee, die benachbarte Dorfarztpraxis mit dem Café im Dorfladen zu verbinden, so dass die Angehörigen dort auf die Patienten warten können, wurde begrüßt, die Café-Ecke zeitweise per ­Video­stream nach Hause zu übertragen, eher abgelehnt. Soll denn jeder sehen können, wer auf den Termin beim Arzt wartet? Die regelmäßige Videoübertragung des Gottesdienstes dagegen kam gut an.

Welche Probleme wollen Sie denn lösen?

Durch den demografischen Wandel und die Abwanderung aus den Dörfern brauchen wir mehr Zusammenschlüsse. Die Infrastruktur muss gemeinschaftlich genutzt werden. Aber der Austausch von einem Dorf ins andere, über den Berg hinweg, ist nicht über Jahrhunderte gewachsen wie der innerhalb des Dorfs. Mit der niederschwelligen Technik wollen wir den Verbund stärken.

Und in Elsoff und Umgebung entwickeln Sie ein Modell für andere Räume?

Das wäre schön. Aber hier docken wir an bestehende Strukturen an. Hier gibt es eben ein lebendiges Gemeindezentrum, den Dorfladen, den Generationenbus. Eine intakte Dorfgemeinschaft und die Bereitschaft zu Innovationen müssen vorhanden sein, sonst nützt auch die Technik wenig. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann lassen sich die Ergebnisse sicherlich übertragen, wobei jedes Dorf auch seine ganz eigenen dorfspezifischen Themen hat.

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