Kettler

Kettler-Rettung: „Wir haben wieder Luft zum Atmen“

Auch für die Heinz-Kettler-Stiftung - mit neuer Führung - , die die Zwischenfinanzierung ermöglicht hat, gab es Beifall aus der Belegschaft.

Auch für die Heinz-Kettler-Stiftung - mit neuer Führung - , die die Zwischenfinanzierung ermöglicht hat, gab es Beifall aus der Belegschaft.

Foto: Björn Braun

Werl.   Firmenchef Bierhoff hat der Belegschaft die Nachricht von der vorläufigen Rettung von Kettler überbracht. In dem Logistikzentrum brach Jubel aus.

Der Tag übergibt spürbar an die Dämmerung, als sich der Firmenparkplatz der Kettler GmbH in Werl am späten Freitagnachmittag, lange nach Schichtende, wieder füllt. Im Westen schimmert kräftig das Abendrot der untergehenden Sonne, während sich in der tristen Halle 1 des Logistikzentrums die Belegschaft des Tretauto- und Gartenmöbelherstellers zu ungewohnter Zeit versammelt.

Die Mitarbeiter sollen erfahren, ob die Lichter im Betrieb endgültig ausgehen, ob die Geschichte des Traditionsunternehmens endet und diesen Freitag, den 9. November 2018, zum persönlichen Schicksalstag der Kettler-Beschäftigten macht.

Jubel in der Industriehalle

Es wird noch fast 45 Minuten dauern, bis Geschäftsführer Olaf Bierhoff eintrifft und die erlösenden Worte sagt: „Die Sonne ist nicht endgültig untergegangen. Sie geht für Kettler wieder auf!“ Jubel bricht los in der kargen Industriehalle. Die Mitarbeiter, die nicht in die Hände klatschen, fallen sich in die Arme, klopfen sich aufmunternd auf die Schultern.

In die Freude mischt sich Erleichterung – eine Erleichterung, die mit Händen zu greifen ist. Und in manchem Auge schimmert wohl auch eine Träne. Eine Träne der Freude, dass es tatsächlich weitergeht – wirklich damit gerechnet haben die wenigsten.

Bierhoff spricht zu den Beschäftigten

Die Sonne, die wieder aufgehen wird, ist nur eines von vielen Bildern, die an diesem vielleicht historischen Abend für Kettler und die Belegschaft benutzt werden. „Die Kuh ist noch nicht vom Eis. Aber sie hat einen Strick um, mit der sie vom Eis gezogen werden kann“, formuliert Michael Heierhoff vom Kettler-Betriebsrat. Und Geschäftsführer Olaf Bierhoff blickt nach vorne und sagt: „Wir haben wieder Luft zum Atmen“.

Von einem improvisierten Podest aus aufgestapelten Holzpaletten aus spricht Bierhoff zu den Beschäftigten. Der eilig besorgte Lautsprecher versagt schnell seinen Dienst; gibt nur akustische Bruchstücke in die Halle weiter, lässt die Worte des Geschäftsführers unverständlich. Und so schreit Olaf Bierhoff, ohne technische Hilfe, mit lauter Stimme die gute Botschaft der Belegschaft zu: Es geht weiter. In der Produktion, aber auch in der Suche nach „einem Investor und neuen Gesellschafter“ für die angeschlagene Kettler GmbH.

„Die Heinz-Kettler-Stiftung hat Sorge dafür getragen, dass eine Zwischenfinanzierung gewährt wird“, erklärt Bierhoff – und wieder gibt es Beifall, aber auch „Hört, hört!“-Rufe. Die Kettler-Mitarbeiter wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Dramen sich in den letzten Stunden um Vorstand und Kuratorium der Stiftung abgespielt haben (siehe unten).

Nur 15 von 715 Beschäftigten haben aufgegeben

Wann die Investoren-Suche erfolgreich abgeschlossen sein wird, darauf kann und will Bierhoff (noch) keine Antwort geben – auch wenn ihn dazu viele aus der Belegschaft bestürmen: Die Mitarbeiter, sie lechzen nach Gewissheit nach Wochen und Monaten im Unklaren. Bierhoff deutet nur an, dass es womöglich sehr schnell gehen kann bis zu einem erfolgreichen Ende der Verhandlungen.

Der Firmenchef dankt „den Lieferanten und Kettler-Kunden“, die fest zum Unternehmen gestanden hätten. Auch und gerade in den zurückliegenden, schwierigen Tagen – und Aufträge und Arbeit gebe es genug. Bierhoff dankt auch der Belegschaft, die weitergearbeitet, weiter gepowert hat. Nur 15 von 715 Beschäftigten haben seit Montag Gebrauch von einer Freistellung gemacht.

Als sich gestern der Werler Firmenparkplatz wieder leert, ist es längst dunkel. Aber es gibt die Gewissheit für die Kettler-Belegschaft: Die Sonne geht wieder auf.

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