Nachhaltigkeit

„Wir sind längst zur Wegwerfgesellschaft erzogen“

Nachhaltigkeits-Serie Repair-Cafe Hagen

Nachhaltigkeits-Serie "Ich bin eben kurz die Welt retten" - Elektriker und Reparateur Johannes Krüsemann erklärt, was es mit der "Wiederherstellbar", dem Repair-Café in Hagen, auf sich hat

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Hagen.  Ob Plastik oder Elektroschrott: Müll ist längst zu einem globalen Problem geworden. Aber es gibt Auswege. Manch einer beginnt direkt vor der Tür.

Acht Lampen sollten es sein. LED-Lampen. Für draußen am Haus. Farbe: anthrazit. Schöne Dinger gefunden. Feines Licht. Gar nicht so teuer. Aber: schnell kaputt. Und noch schlimmer: schlecht zu reparieren. Zumindest nicht mal eben durch Austauschen der Birne. Das Gehäuse ist dicht. Der übliche Trick. „Das kennen wir hier zur Genüge“, sagt Johannes Krüsemann, Reparateur im Repair-Café in Hagen.

„Wiederherstellbar“ heißt das Ecklokal im Stadtteil Wehringhausen, wo die Welt ein bisschen gerettet wird, wo Dinge kostenfrei repariert werden, damit sie nicht auf dem Müll landen und ständig neues Zeugs gekauft werden muss. Ich bin da mit meiner Lampe – und einem alten Staubsauger.

Die Leute stehen bis draußen

„Manche Firmen erfinden ihre eigenen Schrauben für ihre Produkte, so dass herkömmliche Schraubenzieher nicht passen. Oder das Gehäuse ist verschweißt, dass man nicht garantieren kann, es heile öffnen und schließen zu können“, sagt Krüsemann, 62 Jahre alt, gelernter Radio- und Fernmeldetechniker. Jeden zweiten Samstag können Kleingeräte im Café repariert werden. „Der Laden ist immer rappelvoll, manchmal stehen die Leute bis draußen“, sagt Krüsemann. 60 bis 70 Prozent der Geräte, schätzt Frank Unbereit, ein anderer Reparateur, bekommen wir wieder hin. „Die Müllentsorgung ist hier im Viertel manchmal ein Problem gewesen. Immer mehr Elektrogeräte standen auf der Straße“, sagt Stephan Peddinghaus, der Mit-Organisator: „Ich habe überlegt, was man tun könnte, um etwas gegen die Wegwerfgesellschaft zu tun.

Müll und seine Entsorgung sind längst zu einem globalen Problem geworden. Wale verenden, weil sie kiloweise Plastik im Magen haben, die Müllberge im Pazifik sind so groß wie Zentraleuropa, Elektro-Schrott auch aus Deutschland landet in Afrika, wo Kinderhände versuchen, daraus Metalle zu gewinnen.

Ist das unser Plastik? Sind das unsere Elektrogeräte? Meine Lampen vielleicht irgendwann?

Auszuschließen ist das nicht, sagt Klaus Brunsmeier, langjähriges Vorstandsmitglied des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland und Experte für Nachhaltigkeitsfragen auch in Sachen Stoffströme. Der Halveraner fordert die Politik. „Wir sind längst zur Wegwerfgesellschaft erzogen. Wir brauchen nationale Verantwortlichkeiten: Wer ein Produkt herstellt, muss auch für seine Entsorgung verantwortlich sein“, sagt er. Es müsse – wie jetzt politisch debattiert – verboten sein, dass Amazon von Kunden zurückgeschickte Ware direkt vernichte, weil produzieren billiger ist als es wieder zu verwenden.

Recht auf Reparatur?

Es sei „widerlich, dass wir mit großer Anstrengung Lebensmittel produzieren, von denen wir 30 Prozent wegwerfen“. Es könne nicht sein, „dass man für möglich hält, dass Firmen Teile in ihre Maschinen einbauen, die nach einem bestimmten Zyklus ihren Geist aufgeben“. Ein Recht auf Reparatur? Gibt’s nicht. Müsste es aber, sagt Brunsmeier.

Um Verpackungen kümmert sich auch die Firma Remondis, einer der größten Entsorgungsbetriebe deutschlandweit und auch in Südwestfalen viel unterwegs. Meine Gelben Säcke holen die vor der Tür ab und fahren sie nach Lünen. „Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass das Trennen unsinnig sei, weil am Ende sowieso alles verbrannt wird. Das stimmt nicht“, sagt Anna Ephan, Sprecherin der Firma. Im Gegenteil: Sie bittet um höchste Sensibilität beim Mülltrennen. Häufiges Problem zum Beispiel: Joghurtbecher, an denen der Alu-Deckel noch dran ist. „So gelangt trotz aufwendiger Trenntechnik ein Aluminiumanteil mit ins Plastik. Und je mehr Verunreinigungen es gibt, desto unbrauchbarer wird das Recycling-Produkt.“ Hergestellt werden zum Beispiel Kunststoff-Pellets, die zur Produktion von Rohren verwendet werden können.

Dass aber Geräte wie meine Lampen fest verschweißt sind, ist auch hier ein Problem. „Viele Produkte sind so designt, dass die Rohstoffe verloren gehen“, sagt Ephan. „Unser Appell an die Industrie lautet, dass man sich vorher an einen Tisch setzt und über die Entsorgung nachdenkt.“ Apropos Entsorgung: Der alte Staubsauger geht wieder. Die neue Lampe muss neu.

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