Sperrstunde

Wirtin „Captain Daggy“ aus Hemer klagt gegen die Sperrstunde

Gastronomin Daggy Szlachta aus Hemer betreibt die Eventbar „Pirates Boo“ in Dortmund.

Gastronomin Daggy Szlachta aus Hemer betreibt die Eventbar „Pirates Boo“ in Dortmund.

Foto: Privat

Hemer/Berlin.  Die Gastronomin Daggy Szlachta aus Hemer klagt per Eilantrag vor dem Oberverwaltungsgericht Münster gegen die Sperrstunde um 23 Uhr.

  • Daggy Szlachta aus Hemer betreibt die Eventbar „Pirates Boo“ in Dortmund.
  • Die Sperrstunde hat die Gastronomin in eine existenzgefährdende Lage gebracht.
  • Per Eilantrag klagt sie vor dem OVG Münster gegen die Sperrstunde.

Daggy Szlachta ist an sich ein fröhlicher Mensch. Die Frau aus Hemer im Märkischen Kreis wurde 2011 einer einigermaßen breiteren Öffentlichkeit bekannt, als sie 134 Tage im TV-Container „Big Brother“ verbrachte und am Ende der elften Staffel Zweite wurde. In ihrer Eventbar „Pirates Boo“ in Dortmund – 350 Meter vom Hauptbahnhof entfernt – tritt sie gerne im „modernen“ Piratenkostüm auf und animiert ihre Gäste mit „echtem Bar-Entertainment“ zum Partymachen, wie sie sagt.

Ihr gastronomischer Betrieb ist normalerweise freitags und samstags ab 22 Uhr geöffnet. Die Sperrstunde in NRW-Risikogebieten um 23 Uhr verhagelt ihr das Geschäft. Daggy Szlachta hat daher - zusammen mit Gastronomen aus Dortmund und Essen - einen Eilantrag für die Aufhebung der Sperrstunde beim Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster eingereicht.

Ein OVG-Sprecher bestätigt den Eingang des Eilantrags einer Unternehmergesellschaft (UG) aus Hemer. Nach seinen Angaben wird es am Donnerstag noch zu keiner Entscheidung des Gerichts kommen.

Gastronomen laufen Sturm gegen Sperrstunde

Es sind immer mehr Gastronomen in NRW, die gegen die landesweite Sperrstunde für Restaurants und Gaststätten in Risikogebieten zwischen 23 und 6 Uhr Sturm laufen. Sie erhalten unter anderem Unterstützung von dem Berliner Anwalt Niko Härting, der in der vergangenen Woche mit Klagen gegen die Sperrstunde vor dem Verwaltungsgericht Berlin erreicht hatte, dass mehrere Wirte ihre Restaurants und Kneipen in der Bundeshauptstadt wieder so lange öffnen dürfen, wie sie wollen. „Entsprechend zuversichtlich sind wir bei unseren Eilanträgen vor dem OVG in NRW“, so Härting gegenüber dieser Zeitung.

Der Berliner Jurist vertritt bundesweit Gastronomen im Kampf gegen die Sperrstunde, die die Verordnung als existenzgefährdend einstufen. Als diese Zeitung ihn in seiner Kanzlei anruft und das Stichwort Hemer nennt, muss er erst einmal in die Akten schauen – „das kann ich nicht aus dem Kopf sagen“. Dann bestätigt er, dass er die Interessen eines Mandanten aus Hemer vertritt. Die Argumentation gegen die Sperrstunde? „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es nach 23 Uhr zu nennenswerten Corona-Infektionen kommt“, sagt Härting und betont, dass die Eilanträge sich nicht auf ein Alkoholverbot beziehen. „Es geht darum, dass es Gästen in der Gastronomie auch nach 23 Uhr möglich sein muss, alkoholfreies Bier oder eine Fanta zu trinken. Es gibt keinen vernünftigen Grund, der dagegen spricht.“

Corona stellt Pirates Boo auf eine harte Probe

Daggy Szlachta macht gerade einen Spaziergang mit ihren Hunden, als sie den Anruf von dieser Zeitung erhält. Vor fünf Jahren hat sich die Sauerländerin, die schon lange in der Eventgastronomie gearbeitet hatte, ihren Traum von der Selbstständigkeit erfüllt. „Im Pirates Boo“, sagt sie, „gehen wir mit Mikrofon durch die Reihen, heizen den Gästen ein und animieren zum Mitmachen und -feiern.“

Die Corona-Pandemie hat den Betrieb auf eine harte Probe gestellt. „Nach dem Lockdown im Frühjahr mussten wir viel Geld in unser Hygienekonzept investieren – und viel Herzblut darin, unsere Gäste daran zu gewöhnen, Abstandsregelungen einzuhalten.“ Es sei dann sogar ganz gut gelaufen, trotz einiger Umsatzeinbußen. „Wir haben keine Gewinne gemacht, aber konnten irgendwie überleben.“ Die Sperrstunde aber hat die Gastronomin aus Hemer in eine existenzgefährdende Lage gebracht. „Ich finde es ungerecht, dass die, die penetrant auf die Corona-Regeln achten, auch noch bestraft werden.“

Daggy Szlachta will um ihr „Pirates Boo“ kämpfen

Jetzt öffnet Daggy Szlachta ihren Laden in der Dortmunder City mit vier Mitarbeitern und ausschließlich Getränken bereits freitags und samstags um 19 Uhr. „Das muss sich aber erst im Publikum herumsprechen“, sagt sie. „Am vergangenen Wochenende war nach 19 Uhr noch nicht sehr viel los. Auch wenn einige Stammgäste aus Solidarität extra früher dagewesen sind.“ Erschwerend komme hinzu, dass es mit den steigenden Infiziertenzahlen mehr Stornierungen von Gästen gebe.

Daggy Szlachta will um ihr „Pirates Boo“ kämpfen. Daher hat sie den Schritt vor das Oberverwaltungsgericht Münster gewagt. „Nein“, sagt sie, „ich werde alles versuchen. Ich möchte nicht aufgeben.“

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