Krankenhäuser

Wohl mehr "Todesengel" in deutschen Kliniken als gedacht

Hand einer Patientin mit Sensor zur kardiologischen Überwachung auf einer Intensivstation.

Hand einer Patientin mit Sensor zur kardiologischen Überwachung auf einer Intensivstation.

Foto: imago stock&people / imago/Seeliger

Witten/Herdecke.   Die Zahl der Tötungen in Kliniken soll höher sein als angenommen. Das besagt eine Studie der Uni Witten/Herdecke. Doch es gibt einen Haken.

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Die Wellen, die Karl H. Beine ausgelöst hat, wurden ihm am Mittwoch doch zu groß: „Unsere Untersuchung besagt nicht, dass nun gesichert von vielen tausend Mord- oder Totschlagsdelikten pro Jahr in Deutschland auszugehen ist“, schränkt der Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Herdecke ein.

Aber der Stein ist im Wasser: Nach einer Befragung von mehr als 5000 Beschäftigten in Gesundheitsberufen kommt seine Studie zum Ergebnis, dass die Zahl von Tötungen in deutschen Krankenhäusern vermutlich deutlich höher ausfällt als angenommen. Hochgerechnet käme man auf bis zu 21 000 Fälle pro Jahr. Gefragt wurde: „Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?“ 3,4 Prozent der Ärzte, 1,8 Prozent der Altenpfleger und 1,5 Prozent der Krankenpfleger antworteten mit „Ja“. Schlussfolgerung: „Das Bild des Einzeltäters, wie etwa in Delmenhorst, gerät ins Wanken.“

Studie ist nicht repräsentativ

An diesen Aussagen gab es heftige Kritik. Der Versicherungsexperte Manfred Klocke nannte sie unseriös. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach erklärte, er hoffe, die Zahlen seien zu hoch, der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), forderte mehr Klarheit. Beine räumt nun ein, die Studie sei nicht repräsentativ und die Frage lasse Interpretationsspielraum zu. Unter den Ja-Antworten werde vermutlich eine unbestimmte Anzahl von lebensbeendenden Maßnahmen sein, die der passiven Sterbehilfe zuzuordnen seien.

"Indiz dafür, dass die behaupteten Einzelfälle keine sind“

Dennoch seien die Ergebnisse der Pilotstudie „ein wichtiges Indiz dafür, dass die behaupteten Einzelfälle keine sind“, so Beine. Vielmehr seien es Konsequenzen eines maroden Gesundheitssystems, in dessen Zentrum nicht der Mensch, sondern Profite stünden. „Die Folge sind gestresste Pfleger und Ärzte, Unzufriedenheit, Behandlungsfehler und eine zunehmende Resignation.“ Darum geht es in dem Buch, das Beine gestern in Berlin vorstellte und das vom heftigen Wellengang profitieren dürfte.

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