Hänsel und Gretel

Wuppertal zeigt Oper Hänsel und Gretel als Familien-Trauma

Gretel (Ralitsa Ralinova) und Hänsel  (Catriona Morison) gehen der Hexe (Mark Bowman-Hester) ins Netz.

Gretel (Ralitsa Ralinova) und Hänsel (Catriona Morison) gehen der Hexe (Mark Bowman-Hester) ins Netz.

Wuppertal.   Wuppertal schickt „Hänsel und Gretel“ in einen Wald aus Videoprojektionen. Warum auch die Hexe nicht auf dem Besen fliegen darf

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Ein Krug Milch kann in der Not den Unterschied zwischen Überleben und Verhungern bedeuten. Weil er zerbricht, wird in Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ die Katastrophe ausgelöst. Die Oper Wuppertal deutet die beliebteste und meist gespielte Märchenoper der Musikgeschichte als Trauma einer kaputten Familie. Sänger, Orchester und Regie freuen sich nach der Premiere über reichlich Beifall, teils auch im Stehen.

Der zerbrochene Krug

Der französisch-italienische Theaterkünstler Denis Krief ist für Regie, Ausstattung und Licht gleichermaßen zuständig. Er stellt eine überdimensionale Besenbinderhütte auf die ansonsten leere ­Bühne. Das Publikum sieht hinter den Brettern die Rohre und ­Laufgänge im schwarzen Schlund, in dessen Vordergrund die Handlung mit reduzierten Kulissen erzählt wird. Der Milchkrug steht bei Denis Krief im Zentrum. Gretel streichelt ihn allenthalben, denn er verheißt den knurrenden Mägen Reisbrei zum Abendessen. Beim Spielen kommen die Geschwister der Milch immer wieder viel zu nahe, und das Publikum zittert vor Angst, dass der Segen umkippt. Doch erst die Mutter in ihrer unbeherrschten Wut ist es, die den Krug vom Tisch stößt und aus Zorn darüber ihre Kinder in den Wald verbannt.

Bei Denis Krief ist diese Mutter keine von der Armut über den Rand ihrer Selbstkontrolle getriebene Frau, sondern sie hat zusammen mit dem Vater ein Geheimnis. Der beste Freund der beiden ist der Schnaps. Während sich die Eltern im Rausch über die Knusperhexe im Wald lustig machen, verlieren die Kinder im Wortsinne die Orientierung.

Der Wald besteht in dieser Inszenierung aus Projektionen auf einem Labyrinth bespannter Rahmen. Die sind das Gegenteil von romantisch. Scharfkantig wie gebrochene Kristalle stehen sie für den Verlust der Sicherheit, im Familiengefüge einen Platz zu haben. Wie schwarze Hände greifen Wurzeln nach Hänsel und Gretel. Schutzengel gibt es keine, dafür tauchen die von der Hexe verschleppten Kinder bei den schlafenden Geschwistern auf. Entsprechend werden auch die Leckereien des Knusperhäuschens projiziert. Hänsel und Gretel verlassen ihr elterliches Heim in keinem Moment ihres Traums, doch von dem bleibt nur noch das Gerippe übrig, es bietet keine Heimat mehr. Selbst die Einrichtung wendet sich gegen sie. Der Holzkorb dient zum Befeuern des Ofens, in dem Hänsel gebraten werden soll, während die in Heimarbeit gefertigten Besen von der Hexe benutzt werden. Flugmaschinen oder andere Illusionsmittel aus dem Zauberkasten des Theaters sucht man vergebens.

Diese Bilder sind recht ­dunkel-unterkühlt und funktionieren auch nicht durchweg stimmig. Aber Krief spielt dennoch virtuos mit den Wahrnehmungsebenen von Realität und Traum. Leider geht das Konzept der offenen Bühne extrem zu Lasten der Textverständlichkeit, hier müssten dringend Übertitel eingerichtet werden.

Mark Bowman-Hester als schräg-schaurige Knusperhexe kommt deswegen mit seinem schönen Tenor überhaupt nicht über das große Orchester. Das ist schade, denn die hauseigene Sängerbesetzung ist exquisit. Alexander Marco-Burhmester ist ein Vater mit gefährlich beweglichem, modulierfähigem Bariton, kein harmloser Süffel, sondern ein Mann, der für seinen Spaß über Leichen geht. Ralitsa Ralinova singt die Gretel mit süßem, unschuldigem Sopran, und die großartige Catriona Morison macht den Hänsel mit klarem Mezzo zu einem Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Impressionistische Farben

Die neue Generalmusikdirektorin Julia Jones gibt mit „Hänsel und Gretel“ ihren Einstand als Operndirigentin in Wuppertal. Sie interpretiert Humperdincks wunderbare Partitur mit wachem Blick auf die impressionistischen Farben, das Orchester klingt leuchtend und durchweg transparent, so dass alle die berühmten Melodien von „Brüderchen komm tanz mit mir“ bis zum Abendsegen regelrecht funkeln. Allerdings setzt Julia Jones in ihrem Debüt auf einen sehr gemäßigten Puls, etwas mehr Temperament hätte nicht geschadet.

Üblicherweise wird „Hänsel und Gretel“ als Entwicklungsdrama gezeigt. Die Kinder überwinden eine existenzielle Krise aus eigener Kraft und werden dadurch selbstbewusster. Bei der Wuppertaler Inszenierung jedoch dreht sich die Geschichte im Kreis. Zum glücklichen Ende stellt der Vater seine Schnapsflasche auf den Tisch, und alle sind wieder da, wo sie angefangen haben.

www.wuppertaler-buehnen.de

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