Verbote

Wann Verbotsschilder sinnvoll sind – und wann nicht

Mit Frank Überall auf Verbote-Tour in Hagen: Das Taubenfütterschild auf der Elberfelder Straße ist klein, hoch oben und überrascht mit Gift. Foto:MATTHIAS GRABEN

Mit Frank Überall auf Verbote-Tour in Hagen: Das Taubenfütterschild auf der Elberfelder Straße ist klein, hoch oben und überrascht mit Gift. Foto:MATTHIAS GRABEN

Hagen.   Frank Überall hat ein Buch über Verbote geschrieben. Auf einem Rundgang durch Hagen erläutert er Sinn und Unsinn entsprechender Schilder.

„Keiner tut gern tun, was er tun darf - was verboten ist, das macht uns grade scharf!“ So weit Wolf Biermann. Aber das war in der DDR. Bei uns im freien Westen haben Verbote einen vernünftigen Grund und wir halten uns gern an sie. Oder nicht? Leben wir in einer überreglementierten, sicherheitsfanatischen Verbote-Republik, im Nanny-Staat, der uns alle Entscheidungen abnehmen will?

Man könnte diese Haltung bei Frank Überall, Autor des Buches „Es ist untersagt...“, vermuten. Doch schon der Untertitel offenbart eine differenziertere Sicht: „Wie uns Verbote verwirren – und warum wir sie trotzdem brauchen“. Aber vielleicht nicht alle. Machen wir die Probe und spazieren mit dem Journalisten und Medien-Professor durch Hagen.

Bekleben verboten – überflüssig

Das erste, was auffällt, ist direkt neben dem Pressehaus das Schild auf dem Trafokasten: „Bekleben verboten.“ Überflüssig, meint Überall: „Das weiß man. Und wer trotzdem kleben will, wird sich durch das Schild nicht hindern lassen.“ Weil wohl keine Folgen zu erwarten seien: „Verbote, die nicht kontrolliert und sanktioniert werden, haben keinen Nutzen.“

Wir gehen über die Volme in die Rathausstraße, zum kleinen Dr. Ferdinand-David-Park. Und finden: nichts. Keine Verbotsschilder. Hier scheint also alles erlaubt. „Dürfte ich meinen Grill anwerfen?“, fragt sich Überall. Das regelt jede Kommune anders. Aber wer kennt schon die Stadtordnung genau? Der erste Eindruck, der sich in der Fußgängerzone bestätigt: „Hagen scheint kein sonderlich restriktiver Ort zu sein.“

Missverständliche Schilder

Der Kinderspielplatz im Volkspark kommt ohne Rauch- und Alkohol-Verbotsschilder aus, untersagt aber Dackeln den Aufenthalt. Jedenfalls ist das entsprechende Piktogramm ungewöhnlich eindeutig, was die Rasse angeht. Die beiden Schilder, die Hunde am „großen Geschäft“ hindern wollen, amüsieren den Experten durch die detaillierte Darstellung dessen, was hinten rauskommt. Am Brunnen scheint Füßewaschen nicht verboten, an den Kiosken und Trinkhallen in der Bahnhofstraße wird Kunden nicht per Anschlag der direkte Bierkonsum untersagt. Das kennt er auch anders. Das mehrfach beklebte „Bekleben verboten“-Schild dagegen zwischen dm und Thalia: ein Klassiker. Eher ungewöhnlich der Hinweis im detaillierten Taubenfütterungsverbotsschild auf der Elberfelder Straße: Fütterer riskierten, die Tauben zu vergiften.

Und dann wird es ganz verwirrend: Ein Schilderwald regelt die Einfahrt in die Karl-Marx-Straße Richtung Elberfelder und würde zumindest einen ortsfremden Radfahrer in Nöte bringen.

Überall kommt ins Grundsätzliche: „Verbote dienen auch dazu, Komplexität zu reduzieren. Wenn das Gegenteil erreicht wird, ist das nicht wirklich gelungen.“

Einsichtig. Wie aber ist der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes dazu gekommen, überall nach Verboten zu suchen? „Das hat als Fotosammlung begonnen und war als Kunstprojekt gedacht. Dann erst hat sich die Buchidee entwickelt.“ Das gedruckte Werk versammelt nun im Bild ein wenig Typisches – das Motorradhelm-Verbot in der Volksbank – und viel Skurriles, etwa aus der Landwirtschaft : „Es ist verboten, während der Besamung zu rauchen oder den Bullen durch Gelächter abzulenken.“

Witz oder Ernst?

In dem Fall ist es dem Autor nicht gelungen zu klären, ob das als Witz oder ernst gemeint war. In anderen Fällen zeigte sich eine unerwartete Berechtigung: Muss man wirklich in Berlin zu jedem Rettungsring an der Spree oder den Kanälen eine Missbrauchswarnung aufhängen? Offensichtlich schon: Rund 500 Stück werden jedes Jahr geklaut.

Textlich ist das Buch allerdings kein Kuriositäten-Kabinett, sondern eine zwar unterhaltsame, aber gründliche und durchaus ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Wesen der Verbote, die den Bürger vor problematischem Handeln schützen und Sicherheit schaffen sollen, die zugleich aber immer mit den Freiheitsrechten auszutarieren sind.

Klar: Zusammenleben braucht Regeln. Aber müssen es immer so viele sein? Bisweilen sieht auch Überall Übertreibung: „Wenn Kommunen rund um Spielplätze dornige Pflanzen verbieten, wie sollen die Kinder dann lernen, dass man einen Rosenstiel nicht anfassen sollte?“ Mehr Sorgen macht ihm allerdings der Verlust des öffentlichen Raums: „Wenn immer mehr Plätze allein von Privaten bewirtschaftet werden, geht damit meist eine Flut neuer Verbote einher. Freiheit sieht anders aus.“

Ein Aushandlungsprozess

Regeln und Verbote sind ein ständiger Aushandlungsprozess und dem Wechsel unterworfen: Bis 1969 waren homosexuelle Handlungen mit unter 21-Jährigen verboten. Heute setzen sich auch Kripobeamte für die Legalisierung von Cannabis ein. Und Psychologen wissen: „Nur was einleuchtet, wird auch befolgt.“

Manchmal ist es allerdings noch komplizierter: Eckhard von Hirschhausen rät dazu, Kindern den Brokkoli zu verbieten, denn das würde sie zu begeisterten Gemüseessern machen. Und damit ist er wieder ganz bei Biermann.

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