Freizeit

91-Jähriger Rentner vermisst heute kein Freizeitangebot

Zukunftsrauschen: Rudi Siepe aus Hallenberg

Der 91-jährige Rudi Siepe aus Hallenberg hadert nicht mit seiner Vergangenheit. Aber Freizeit hat der Senior früher nicht gekannt.

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Rudi Siepe kann sich noch gut an die "Freizeit" von früher erinnern.

Rudi Siepe kann sich noch gut an die "Freizeit" von früher erinnern.

Foto: Thomas Winterberg

Hallenberg.   Der 91-jährige Rudi Siepe weiß: "Freizeit" war früher ein Fremdwort. Heute geht er gerne spazieren, fährt Auto und vermisst kein Angebot.

Ins Kino oder ins Konzert gehen, in der Diskothek abzappeln, auf die Malediven fliegen oder einfach mal chillen – die Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten, sind heutzutage schier unerschöpflich. Aber damals? „Wir hatten doch nichts druff! In der Kneipe mal einen Sprudel trinken, vielleicht ein Bier – das war schon was. Aber der Zusammenhalt untereinander war besser. Ich gönne es den jungen Leuten, dass sie heute mehr machen können.“

Rudi Siepe hadert nicht mit seiner Vergangenheit: Der 91-Jährige weiß noch, wie seine Schreinerlehre verlaufen ist, wie er mit 17 in den Krieg muss und ein Jahr lang in Renesse in Gefangenschaft lebt. Zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit dem Milchwagen kommt er 1945 zurück in seine Heimatstadt Hallenberg. „Freizeit“ - das ist für den rüstigen Rentner zumindest damals ein Fremdwort. 19 Jahre arbeitet er beim Sitzmöbelhersteller Kusch. Neun Stunden täglich. Auch samstags. „Und danach mussten wir mit aufs Feld.“ Acht Ziegen, zwei Kühe, Gras von Hand mähen, Kartoffeln auflesen. „Bei Tage hatten sie dich immer am Wickel.“

„Da war ich kein Kerl für!“

Aber auch in seiner eigentlich freien Zeit schont sich Rudi Siepe nicht. „Ja, sicher hat man mal Fußball gespielt. Es gab auch schon einen Gesangverein. Aber da war ich kein Kerl für.“ In den 60er-Jahren ist er Mitgründer des Kegelclubs „Pleitegeier“. Den gibt es heute noch. „Wir treffen uns alle vierzehn Tage donnerstags“, sagt das Hallenberger Urgestein, das damals nach seiner Zeit bei Kusch bei einem Lebensmittel-Großhandel in Bromskirchen arbeitet und mit dem Wagen die Pensionen beliefert. Im Sommer macht er seine wenige Freizeit bewusst zur Arbeitszeit. Als Festwirt sorgt er vor allem im Wittgensteiner Land 22 Jahre lang dafür, dass bei den Schützenfesten das Bier nicht ausgeht. „Ich hatte die Schänke, meine Frau die Küche.“

Schützen- oder Sportfeste sind damals einige der wenigen Gelegenheiten, um ein Mädchen auszuführen. „Erst auf ein Fest warten, konnte man nicht. Wenn einem eine gefiel, hat man sie angequatscht, ob man nicht mal tanzen gehen möchte. Um dann ins Nachbardorf zu kommen, lieh ich mir Vaters Fahrrad aus..“

„Meine Familie macht alles für mich“

Und heute? „Vor der Hitze im Sommer habe ich noch jeden Tag mit dem Krückstock meine Runden durch Hallenberg gedreht. Der Rollator hat sich auch inzwischen an mich gewöhnt“, schmunzelt der 91-Jährige, der noch Auto fährt. „Mein Enkel ist Fahrlehrer. Ich habe ihn gebeten, sich mal neben mich zu setzen und mir ganz ehrlich zu sagen, ob ich noch fahrtauglich bin oder nicht. Ich glaube, er war zufrieden. Denn seitdem muss ich mir in der Familie nicht mehr so oft die Frage anhören: ,Willst Du wirklich noch selbst fahren?’“ An den Plattensee nach Ungarn würde der 91-Jährige gerne noch einmal reisen. Aber so ganz alleine? Erst kurz vor der Rente kommt er damals das erste Mal an den Balaton. „Flugreisen waren keine Mode; da sind wir mit dem Auto hin.“

Rudi Siepe vermisst kein Freizeitangebot. Er muss nicht bespaßt oder unterhalten werden. „Meine Familie macht alles für mich“, sagt der Senior, der mit mehreren Generationen unter einem Dach lebt. Das Schützenfest lässt er sich nicht nehmen, beim Kartoffelbraten der Oldtimerfreunde schaut er vorbei, samstags geht er ins Josefshaus zur Messe:„Da sind die Stühle bequemer!“ Und ansonsten freut er sich, wenn jemand am Haus vorbeikommt und man ein Schwätzchen halten kann. „Ich bin keine 30, keine 50 und keine 70 mehr. Ich bin über 90 und ich weiß, dass man da gebrechlich wird. Spazieren gehen, umfallen, tot – das wäre das Schönste.“

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