Migration

Einwanderin (93): „Wir haben uns hier einfach angepasst“

Wie sieht die Zukunft für Migranten in Hagen aus?

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Foto: Soultanidou

Hagen.  Die Griechin Efthimia Soultanidou ist über Umwege 1969 nach Hagen gekommen. Sie ist überzeugt, dass Arbeit der Schlüssel zur Integration ist.

Kann es für Migranten, Zugewanderte und Flüchtlinge in dieser Stadt eine Zukunft geben, wenn zum Beispiel die Nachfolgegenerationen der Gastarbeiter in den 50er-Jahren immer noch mit Ressentiments und latenter Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen haben? Oder wie will man das nennen, wenn türkische Mittdreißiger, für die Hagen ihre Heimat ist, sich auf der Suche nach einer Wohnung beim Besichtigungstermin einen deutschen Namen geben müssen?

Die 93-jährige Efthimia Soultanidou blickt auf ein Leben zurück, das von den Spuren der Migration und der Entwurzelung zutiefst geprägt ist. Ihre Familie ist die Zukunft dieses Themas.

Kleinasiatische Katastrophe 1922. Eine Million Griechen werden aus Kleinasien vertrieben. Die Familie von Efthimia Soultanidou lebt in Trabzon am Schwarzen Meer. Dort gehört sie zum gesetzten Kleinbürgertum. In Griechenland angekommen, müssen sie bei null anfangen. Als die deutschen Truppen Griechenland 1941 besetzen, formiert sich eine der größten Widerstandsbewegungen in der europäischen Geschichte. Soultanidous späterer Mann Miltiadis gehört zur Jugendbewegung dieses Widerstands. Er wird von Kollaborateuren verraten, von deutschen Truppen verhaftet. Folter, Gefängnis. Als die Deutschen Griechenland 1944 verlassen, nehmen sie die Gefangenen mit. Miltiadis kommt als Zwangsarbeiter nach Stuttgart. Nach der Befreiung geht er zurück nach Griechenland. Als 1967 die Obristen unter Diktator Papadopulos an die Macht kommen, ist sein Leben in Gefahr. Er flüchtet, landet später in Hagen, geht bei Schöneweiß in Rente und gründet später das Reisebüro „Hellas Reisen“.

Früher wurde so nicht über Integration gesprochen

Seine Frau Efthimia hat eine ähnliche Vertreibungsgeschichte. Während des Krieges arbeitet sie für deutsche und österreichische Offiziere. Im November 1969 folgt sie Miltiadis nach Hagen, arbeitet bis zu ihrer Rente bei Bilstein.

„Man kann dieses Thema nicht zukünftig betrachten, wenn man die Kontexte der Menschen nicht aus ihrer Vergangenheit betrachtet“, sagt Penelope Soultanidou-Bögemann, die Tochter von Efthemia. Und ihre Mutter Ethimia sagt: „Es war früher nicht üblich, sich in der heutigen Weise über das Thema Integration zu unterhalten. Und ich kann auch heute wenig damit anfangen. Wir haben uns hier einfach angepasst. Uns war klar: Wenn wir hier was schaffen wollen, dann müssen wir uns anpassen.“

Die 93-Jährige war während ihrer Arbeit bei Bilstein unter Deutschen. Ihre Sprachkenntnisse waren nicht besonders ausgeprägt. Für die Alltagskommunikation reichte es. In ihrer Freizeit war sie in der Familie und in ihrem griechischen Umfeld zu Hause.

Der Schlüssel ist die Arbeit

Sie hat dennoch ihren Platz in der hiesigen Gesellschaft gefunden. „Der Schlüssel ist die Arbeit. Hier findet man Halt und Strukturen, die Sicherheit für die Lebensplanung liefern. Der andere Schlüssel ist die psychologische Komponente. Das Aufgehoben-Sein in der eigenen Community gibt Halt und Ausgleich zum Verlust der Heimat“, sagt Bögemann.

So könne der Zukunfts-Schlüssel für die Integration darin liegen, dass mehr Migranten Chancen im Handwerk erhalten, wo der F achkräftemangel enorm ist. „Die transkulturelle Psychiatrie beschäftigt sich damit. Hier werden die Phasen der Migration von der Euphorie über die Zeit der Missverständnisse, der Kollisionen, der Akzeptanz bis hin zur Angleichung an eine fremde Gesellschaft ohne Aufgabe der eigenen kulturellen Identität dargestellt. Seit Jahrzehnten ist es so, als würde die Mehrheitsgesellschaft ein Ziel vorgeben, aber den Weg dorthin versperren, ohne eine Umleitung einzurichten. Dass man dann den Weg zurück zu den eigenen Wurzeln antritt, ist die logische Konsequenz“, sagt Penelope Bögemann.

Die Podcasts zu den Porträts gibt es auf der Seite von Radio Hagen.

zum Zukunftsrauschen...
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