Digitalisierung

IT-Experte: "Digitalisierung kann die Umweltprobleme lösen"

Karl-Heinz Land

Karl-Heinz Land

Foto: Astrid Grosser

Köln.   Der IT-Experte Land glaubt, dass die Digitalisierung in Zukunft das Klima verbessern kann. Er sagt: Was sich vernetzen kann, wird sich vernetzen.

„Eine Krise ist der Zustand, in dem das Alte abstirbt, aber das Neue noch nicht zur Welt kommen kann. Es ist die Zeit der Monster.“ Karl-Heinz Land zitiert gerne diese Sätze des italienischen Philosophen Antonio Gramsci aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg.

Der IT-Experte, Unternehmensberater und Buchautor ist überzeugt, dass wir wieder in einer solchen Zwischenzeit leben. Die Monster seien heute Trump oder die AfD. Land glaubt jedoch, dass sich die drängenden Probleme unserer Welt mithilfe digitaler Technologien lösen lassen – wenn wir sie richtig anwenden.

Sie nennen sich einen digitalen Darwinisten und Evangelisten. Was heißt das?

Karl-Heinz Land: Wenn Technologie und Gesellschaft sich schneller verändern als Unternehmen in der Lage sind, sich daran anzupassen, kommt es wie in der Evolution zum Aussterben. Denn klar ist: Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert werden. Was sich vernetzen kann, wird sich vernetzen. Und was sich automatisieren lässt, wird automatisiert werden.

Und trotzdem verkünden Sie eine frohe Botschaft?

Richtig. Denn die Digitalisierung führt zu einer Dematerialisierung. Statt einer Fahrkarte oder eines Schlüssels haben wir eine App auf dem Smartphone. Wir brauchen weniger Dinge. Die Plattform-Ökonomie ermöglicht es, Autos und andere Dinge zu teilen, Materialflüsse besser zu steuern und so weniger Ressourcen zu verbrauchen. Das ist dringend nötig, wenn wir im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Erde sind. Wir können das Klima positiv beeinflussen, die Städte grüner machen, die Umweltprobleme lösen und eine gerechtere Welt schaffen.

Steigert die Digitalisierung nicht eher die Ungerechtigkeit?

Im Moment sehen wir einen kaum gebändigten Turbokapitalismus. Auch zur Zeit der Industrialisierung in England herrschten unerträgliche Zustände für die Arbeiter. Dann haben die Gewerkschaften Verbesserungen erkämpft. Ich will sagen: Die Zukunft wird uns nicht geschenkt. Wir müssen jetzt entscheiden, wie wir sie gestalten wollen.

Die große Angst ist ja, dass uns die Arbeit ausgeht.

Ist das nicht eher eine Hoffnung? So lange wir es nicht zulassen, dass sich der Reichtum bei wenigen anhäuft und Massen im Elend versinken.

Und wie soll das gehen?

Wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen, das über eine Steuer auf digitale Transaktionen finanziert wird. Der Taxiunternehmer, der den Fahrer durch einen Roboter ersetzt, darf nicht alleine den Gewinn einstreichen.

Das wäre schön. Aber die Menschen sind skeptisch und ängstlich.

Ja. Die Parteien zerbröseln, die Mittelschicht fürchtet Verluste. Angst kann auch die Politik schwer mit Argumenten bekämpfen, Angst muss man mit Hoffnung begegnen.

Sie zeichnen positive Utopien. Aber sind wir nicht überfordert von der Technik?

Könnte man meinen. Von der Dampfmaschine in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dauerte es 120 Jahre bis zur Elektrifizierung Ende des 19. Jahrhunderts. Dann knapp 60 Jahre bis zur Automatisierung und dem Einsatz erster Rechner, 40 Jahre bis zum Internet, 20 Jahre bis zum Internet der Dinge. Wie lange dauert es wohl bis zur nächsten Stufe? Die Entwicklung geht immer schneller. Wir haben kein Technik-, sondern ein Zeitproblem. Und wir stehen erst ganz am Anfang. Wenn die Digitalisierung ein achtgängiges Menü ist, haben wir gerade einen ersten „Gruß aus der Küche“ bekommen.

Wie stellt sich denn die mittelständische Wirtschaft, die bei uns in Südwestfalen besonders wichtig ist, auf den Wandel ein?

Die Mittelständler und die Familienbetriebe sind das Rückgrat unserer Wirtschaft, aber sie denken oft noch sehr physisch: Sie wollen Dinge herstellen und verkaufen. Aber künftig entsteht die Wertschöpfung aus der Software und dem Service. Deutschland ist ein digitales Risikoland, weil es in hohem Maße von besonders gefährdeten Schlüsselindustrien wie der Automobilbranche, dem Anlagen- und Maschinenbau abhängig ist. Das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz, die Blockchain und der 3D-Druck werden, gepaart mit der Sharing Economy, die Spielregeln in diesen Märkten komplett verändern.

Und bislang gilt Deutschland nicht als Service-Weltmeister...

Ein Beispiel: Tesla hat seinen Kunden ein Service-Update aufgespielt. Ein paar Wochen zur Probe. Wer es danach behalten wollte, musste 2300 Dollar bezahlen. Bei den anderen wurden die Funktionen wieder deaktiviert. Die Mehrheit hat gekauft. Das ist bei VW schwer vorstellbar.

Die Aussichten sind also schlecht?

Nein. Die Servicebereitschaft nimmt zu. Wir haben über hundert Unternehmen begleitet. Und wenn sich erst einmal das Verständnis für die neuen Gegebenheiten einstellt, sind die Leute sehr kreativ, dann fällt ihnen etwas ein auf die Frage: Wie können wir künftig Geld verdienen, wenn nicht mehr über den Verkauf von physischen Produkten?

Sie selbst haben sich ja auch schon digitalisiert...

Ich habe einen Chip in der Hand, mit dem ich Türen öffnen kann, eine Visitenkarte übergeben und zum Beispiel in Salzburg schon den Nahverkehr bezahlen.

Sie wurden schon gehackt...

Ja, da war ich noch Anfänger. Da wollte mir ein Typ vom Chaos Computer Club demonstrieren, dass ich den Chip sichern muss. Das ist jetzt geschehen. Und ich bin damit auch nicht ortbar. Aber den größten Nutzen erwarte ich mir erst noch: Ein belgisches Unternehmen entwickelt die nächste Generation, mit der sich alle Passwörter verwalten lassen. Der Code ändert sich alle drei bis fünf Sekunden und ich muss mir nichts mehr merken.

Sind Sie ein Cyborg?

Dafür reicht es wohl noch nicht. Aber Transhumanismus wird ein wichtiges Thema. Wir haben die Rechenleistung, wir haben die Speichermedien, wir haben das menschliche Genom geknackt. Wir könnten Menschen designen. Wollen wir das? Das ist eine ethische Frage, keine technische.

zum Zukunftsrauschen...
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