Gesundheit

Landarzt: Ich musste einen Patienten-Aufnahmestopp verhängen

Landarzt Dr. Hubertus Schmidt liebt seinen Beruf. Trotzdem sieht er einige Entwicklungen sehr kritisch.

Landarzt Dr. Hubertus Schmidt liebt seinen Beruf. Trotzdem sieht er einige Entwicklungen sehr kritisch.

Sichtigvor.  Hubertus Schmidt macht sich Sorgen über die medizinische Versorgung. Er sagt: "Sich als Arzt auf dem Land niederzulassen, lohnt sich nicht mehr."

Dr. Hubertus Schmidt dreht den orangenen Kugelschreiber unruhig zwischen seinen Fingern – für den 66-jährigen Sichtigvorer sind Pausen vom Arbeitsalltag ungewohnt. Dr. Schmidt ist Arzt in Sichtigvor. Der Ort, in dem er geboren wurde. Der Ort, an dem er seit 1986 eine Arztpraxis unterhält. „Ein 12-Stunden-Tag ist eher die Regel, als die Ausnahme. Wir Ärzte ersticken mittlerweile im Verwaltungswust. Diese Arbeit schaffe ich meistens nur am Wochenende“, sagt Dr. Schmidt.

Eine Entwicklung, die er schon seit einigen Jahren beobachtet. Für die Zukunft prognostiziert er weitere, tiefgreifende Veränderungen: „Wir werden, vor allem auf dem Land, mehr medizinische Versorgungszentren (MVZ) sehen, sich als Arzt auf dem Land niederzulassen, lohnt sich heutzutage ja gar nicht mehr.“

Landarzt muss Patienten-Aufnahmestopp verhängen

Dr. Schmidt nimmt dabei auch die Landesregierung in die Pflicht: „Politik kann vor allem eines: Dinge schönreden. Aber mit dem Geld, was Landärzten heutzutage geboten wird, lässt sich niemand aufs Land locken. Es darf nicht immer nur gejammert werden, es muss auch Innovation her.“

600 bis 800 Scheine mehr Innovation, die Dr. Schmidt auch von der Verwaltung fordert: „Es wird nicht weniger, sondern immer mehr. Ohne meine Frau, die mir in diesen Angelegenheiten hilft, wäre ich aufgeschmissen.“ Seit Ende Juni kommt auf den 66-Jährigen noch mehr Arbeit zu. Dr. Halil Bilgic hat seine Praxis in Sichtigvor geschlossen, die Patienten wandern auch zu Dr. Schmidt ab. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Nicht erst seit ein paar Monaten, sondern schon seit knapp fünf Jahren. Da bröckelt in einem doch die Liebe zu seinem Beruf“, ergänzt Dr. Schmidt, der zuletzt auch einen Aufnahmestopp für neue Patienten verhängen musste.

Ärzte verdienen in Versorgungszentren mehr Geld

Dennoch denkt er nicht ans Aufhören: „Arzt zu sein ist etwas Einzigartiges. In keinem anderen Beruf kann ich dem Menschen so direkt helfen. Und obwohl ich eigentlich schon langsam bereit für die Rente wäre: Das kann ich meinen Patienten nicht antun.“ Also macht der 66-Jährige weiter. Tag für Tag, Patient für Patient: „Arzt sein bedeutet auch immer erreichbar zu sein. Selbst im Urlaub kann ich nicht abschalten. Und es gab schon die ein oder andere Bescherung an Weihnachten, die wegen eines Notfalls unterbrochen wurde.“

Einen Nachfolger für seine Praxis hat Dr. Schmidt noch nicht: „Warum auch? Meine beiden Kinder sind Mediziner und würden nicht im Traum dran denken, eine eigene Praxis aufzumachen oder meine zu übernehmen. Dafür gibt es mittlerweile zu viele angestellte Ärzte, meine Kinder übrigens auch, die in Krankenhäusern oder MVZ’s sehr gut verdienen.“

"Abrechnung muss auf einen Bierdeckel passen"

Um dies zu schaffen, fordert Schmidt einen drastischen Verwaltungsabbau und neue Technologie: „Salopp gesagt muss eine Abrechnung auf einen Bierdeckel passen. Für die Zukunft ist Telemedizin eine gute Alternative, um Patienten zu versorgen. Dann muss diese Behandlung am Bildschirm aber auch ordentlich bezahlt werden. Eine Diagnose stelle ich auch, wenn der Patient nicht vor mir sitzt.“

In einer Praxis sitzen möchte er auch in 20 Jahren noch. Allerdings nicht als Arzt, sondern als Patient. „Dann würde ich mit jedem Wehwechen kommen und schauen, wie sich mein Nachfolger macht. Hoffentlich gibt es die Praxis in Sichtig vor dann noch. Und natürlich würde ich mit meinen ehemaligen Patienten quatschen – über die Jahre baut man da schon eine.

zum Zukunftsrauschen...
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