Kultur

„Meine Kinder können im Sauerland besser aufwachsen“

Künstler Thomas Jessen hat sich bewusst dazu entschlossen, sein Atelier nach Eslohe im Sauerland zu verlegen.

Künstler Thomas Jessen hat sich bewusst dazu entschlossen, sein Atelier nach Eslohe im Sauerland zu verlegen.

Foto: Ralf Rottmann

Eslohe.  Der Künstler Thomas Jessen hat sich bewusst gegen Düsseldorf und für ein Leben in der sauerländischen Provinz in Eslohe entschieden.

Mädesüß und Weber-Karde blühen nur kurz. Wenn Thomas Jessen sie verpasst, kann er bis zum nächsten Sommer nicht mehr mit den Pflanzen arbeiten. „Die muss ich schnell malen, und dann verwelken sie mir unter der Hand. Aber das Bild bleibt“, betont der Esloher Künstler. Weber-Karde und Mädesüß stehen in ihrer Schönheit und Vergänglichkeit als Sinnbild nicht nur für Malerei, sondern auch für die komplizierten Fragen nach dem Konzept der Zeit und dem Kreislauf von Leben und Tod im Schaffen des Künstlers.

In Düsseldorf müsste er lange suchen, um den Blumen in natura zu begegnen. In Eslohe wachsen sie auf dem Weg zum Atelier im Alten Bahnhof. Ein Grund für Thomas Jessen, die rheinische Kunstmetropole zu verlassen und an die Homert zurückzuziehen. Aber nicht der wichtigste Grund. Ein Berufskünstlerleben in der sauerländischen Provinz bedeutet Glück und Herausforderung gleichermaßen.

Düsseldorfer Kneipe war Treffpunkt für Künstler

„Die Kneipe WP8 in Düsseldorf, die Abkürzung steht für Worringer Platz 8, die wurde von uns Künstlern betrieben. Andreas Gursky war Gründungsmitglied. Da haben wir völlig absurde Sachen gemacht“, erinnert sich Thomas Jessen, der an der Düsseldorfer Kunstakademie Meisterschüler von Alfonso Hüppi war und danach am Rhein seine Karriere begann. Das war ein pralles Leben, ein Szeneleben. Man ist unter sich, damals noch jung, heute alles berühmte Namen.

Aber das kann natürlich nicht immer so weitergehen. „Ich wollte das andere ja. Heiraten, Familie, Kinder. Dann kann man nicht mehr bis vier Uhr morgens Barmann sein. Die Entscheidung für das Sauerland haben wir wegen der Kinder getroffen, damit die besser aufwachsen können. Das hat auch gut geklappt. Mir fehlten in Düsseldorf die Gerüche, die Sonne, der Wind und die Jahreszeiten. Wenn ich zwischen Steinen und Bäumen wählen muss, wähle ich die Bäume.“

Eigentlich schien Eslohe viel zu teuer für Thomas Jessen und seine Familie. Denn Künstler kriegen von der Bank kein Baugeld. Im Westerwald wären Häuser billiger gewesen. Doch Eslohe bietet Ärzte, Kindergarten, Geschäfte, alles da. Außerdem ist Jessen dort selbst als Sohn des ev. Pfarrers von 1970 bis 1977 aufgewachsen. Die Eltern haben so gerne in dem Dorf gelebt, dass sie sich für den Ruhestand ein Häuschen zulegten, in das nach dem frühen Tod des Vaters dann die Mutter zog. „Es gibt selten so kleine Orte mit so toller Infrastruktur“, lobt Jessen seine Heimat.

Thomas Jessen hat viele Kirchen in NRW gestaltet

Die Entscheidung für den Umzug ist lange her. Zwei der Kinder studieren inzwischen. Thomas Jessen wird im Oktober 60 und gehört zu den renommierten Malern Deutschlands. Er hat die deutschen Bischöfe porträtiert und Eckhard Uhlenberg als NRW-Landtagspräsident. In vielen Kirchen in NRW und im Sauerland gestaltete der Katholik die Innenausstattung, zum Beispiel schuf er Bilder für die historische Schnittmann-Altarretabel von St. Johannes Baptist in Menden.

Dazu kommen Jessens großformatige Landschaften, die immer ein Geheimnis bergen. Es geht um die Schnittstelle von Fotografie und Malerei, um das Spannungsverhältnis von Zeit und Raum, um die fragile Balance zwischen Erinnerung und Erkenntnis. Oft sind die Gemälde von Thomas Jessen mit Jalousien verschattet.

Neue Serie ist nach Song von Tina Turner benannt

Eine neue Serie von Arbeiten ist nach einem Lied von Tina Turner benannt, Steamy Windows. Durch beschlagene Fensterscheiben hindurch scheinen biographische Fragmente wie Traumbilder ganz, ganz knapp greifbar. Der Betrachter sieht durch das Fenster, die Protagonisten sehen ebenfalls durch Fenster oder werden in Fenstern gespiegelt. So entstehen rätselhafte Bild- im Bild-Situationen, die auf mehreren Ebenen immer wieder die Rolle der Malerei hinterfragen.

Künstlerisch war die Entscheidung für das Sauerland statt für die Hotspots der Szene richtig. Hier hat Thomas Jessen Wald und Wiesen, all die Natur, die er braucht und deren tägliche Veränderung er mit allen Sinnen begleitet. Hier sind er und seine Familie Teil einer Gemeinschaft. „Dass die Leute einen tragen und schätzen, das hast Du in der Stadt nicht, weil Du gar keinen Kontakt zu normalen Menschen findest. Man wird hier wertgeschätzt.“ Thomas Jessen hat die Esloher Schützenfahne entworfen, seit zwei Jahren macht er wieder aktiv Musik bei den Parforcehornbläsern Homert, mehrmals im Jahr kuratiert er Ausstellungen im Esloher Rathaus.

Soweit so gut. Aber.

„Eine Infrastruktur für meine Kunst gibt es im Sauerland nicht, wenn man den Absatz, den Kunstmarkt meint“, konstatiert Thomas Jessen. Vom Malen müssen er und seine Familie jedoch leben. Seine Bilder verkauft er über seine Galerien in Berlin und München. Im Sauerland gibt es zwar Kunstsammler, aber die haben eben keine Sauerländer Künstler im Blick, sondern suchen in den Metropolen nach Ankäufen.

Kunstsammler leben auf dem Land verstreuter

Thomas Jessen nimmt das gelassen und auch wieder nicht gelassen. „Die Frage, ob einer bereit ist, zigtausend Euro für ein Bild zu bezahlen, die stellt sich auch in Berlin. Es braucht Leute, die sich für Kunst interessieren und die bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen. Aber das trifft nur auf einen kleinen Teil der Bevölkerung zu. Theoretisch findest Du davon in der Stadt mehr, aber das stimmt nicht, proportional leben sie auf dem Land nur verstreuter.“

Zum Künstlerberuf ist Thomas Jessen über das Ausschlussverfahren gekommen. Eigentlich wollte er nach dem Abitur evangelischer Pfarrer werden, so wie sein Vater, „das ist ein toller Beruf“. Doch nach zwei Semestern Griechisch und Hebräisch war Jessen klar, dass „das worüber ich reden wollte, in der Theologie nicht stattfand.“ Also hat er sich ein Semester lang Zeit genommen und alles ausprobiert, Medizin, Jura, und dann eine Negativauswahl getroffen. „Die Frage war: Was könntest Du machen, was Du von morgens bis abends gerne machst. So bin ich auf die Kunst gekommen. Dabei konnte ich mir den Beruf Künstler nicht einmal vorstellen, ich kannte van Gogh und fertig.“

In wenigen Wochen wird Thomas Jessen 60 Jahre alt. „Wenn ich mich heute im Atelier umsehe, bin ich nur dankbar“, sagt er. „Ich freue mich an meinen Bildern, und ich freue mich an anderen Bildern.“ Die Fragen, welche die Theologie ihm als Student nicht beantworten konnte, die treiben den Maler immer noch an. Was ist Leben? Was ist Tod? Was passiert hinter den beschlagenen Fenstern? Den runden Geburtstag feiert Thomas Jessen im Atelier, wo sonst. Vielleicht kommt Uhlenberg vorbei, bestimmt aber die Nachbarn. „Ich hoffe, dass die Blasmusik spielt.“

Zum Zukunftsrauschen
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben