Freizeit

Nicht das Angebot, sondern die Einstellung muss sich ändern

Hermann Wickel (78) fährt in seiner Freizeit unter anderem noch regelmäßig Ski.

Hermann Wickel (78) fährt in seiner Freizeit unter anderem noch regelmäßig Ski.

Weidenau.  Hermann Wickel ist 78 und sportlich aktiv. An Freizeitmöglichkeiten mangele es nach im Siegerland nicht, eher an der Einstellung der Leute.

„Was ist schlimmer als verlieren? Siegen!“ war der Titel eines Artikels von Hanjo Seißler, der 1996 im Süddeutsche Zeitung-Magazin erschien.

„Das stimmt heute nicht mehr, da hat sich was getan!“, sagt Hermann Wickel aus Weidenau. Und auch Seißler hat sein Urteil von damals mittlerweile widerrufen. Wickel ist 78 Jahre alt und hat wenig Verständnis für die Menschen, die immer noch behaupten, in Siegen gebe es keine oder nur wenige Freizeitmöglichkeiten. Was sich in Zukunft ändern muss, ist seiner Ansicht nach nicht das Angebot, sondern die Einstellung der Bürger.

Selbstständiger Statiker

Wickel arbeitet als selbstständiger Statiker – allerdings nicht mehr so viel wie früher, als der Vater von fünf Kindern noch für die Familie sorgen musste. „Seit alle Kinder aus dem Haus sind und auf eigenen Füßen stehen, arbeite ich weniger, weil ich einfach nicht mehr so viel Geld verdienen muss“, sagt Wickel.

Seitdem hat der 78-Jährige mehr Freizeit. Das sei ihm damals nicht so wichtig gewesen. „Heute sind mir die Tage manchmal zu kurz“, sagt der Senior. „Ich bin zum Beispiel letzten Sommer bei dem schönen Wetter fast jeden Tag im Freibad gewesen, mache meinen Mittagsschlaf, arbeite noch was, dann ist der Tag schon rum.“

Zeit für Familie

Mit 78 Jahren ist er sehr sportlich unterwegs: Neben dem Schwimmen geht es einmal im Jahr in die Berge zum Skifahren, alternativ gehe das auch hier, wenn viel Schnee liegt. In seinem Verein, den Skifreunden Hüttental, macht er vorbereitend Skigymnastik, geht in eine Gymnastikgruppe an der Hochschule und ist einmal in der Woche im Turnverein. „Das war lange Zeit nicht so. Das ist erst so, seit ich mir mehr Zeit nehme.“ Wenn er noch einmal die Möglichkeit hätte, würde er sich den Tag so einteilen, dass er mehr Zeit für die Familie hätte, sagt Wickel. „Die ganze Erziehung hing an meiner Frau; die hat das hervorragend gemacht. Aber wenn ich sehe, wie Väter sich heute um ihre Kinder kümmern, dann habe ich manchmal ein verdammt schlechtes Gewissen.“

Die Gestaltung der Freizeit scheitert im Siegerland seiner Meinung nach nicht am mangelnden Angebot, denn damit ist er zufrieden. „In Südwestfalen wird schon einiges geboten. Es geht eigentlich darum, das auch wahrzunehmen. Es ist ja immer eine gewisse Überwindung: Wenn ich ins Kino möchte, muss ich erstmal meinen Hintern hochkriegen und daran liegt es – die Leute sind zu bequem. Es liegt nicht an den mangelnden Angeboten, es liegt an den Leuten selbst.“ Wem die vorhandenen Möglichkeiten nicht ausreichten, der solle zuerst beweisen, dass er sie nutzt, sagt Wickel.

Kulturelle Angebot im Siegerland

Zudem seien fast alle mobil. Wem das kulturelle Angebot im Siegerland nicht genüge, der könne sich ins Auto oder in den Zug setzen und nach Köln fahren. „Köln ist ja vor der Haustür. Das ist nicht weiter, als wenn man im Berliner Außenbezirk wohnt und in die Stadt fährt“, so der 78-Jährige. „Freizeit haben die Leute ja. Es kommt darauf an, was sie in ihrer Freizeit tun.“

Konkret äußert er für die Freizeitbeschäftigung in Siegen nur einen Wunsch: „Die Schwimmbäder sollten erhalten bleiben.“ Bei der Vielfalt der Lokale – gerade für jüngere Bürger — ist er unsicher: „Ich weiß nicht, wie das mit der Kneipenszene ist, ob das den jungen Leuten genügt…“

Stärken der Region

Vorteile und Stärken sieht er im Siegerland vor allem in der Natur. Als sehenswert zählt er außerdem das Obere Schloss, den Schlosspark, Industriebetriebe wie beispielsweise die Stahlwerke auf. Er schlägt vor, an Führungen durch die eigene Stadt teilzunehmen oder die Umgebung zu nutzen, um zu wandern oder in Winterberg Ski zu fahren. „Mir fehlt nichts“, fasst Wickel die Möglichkeiten zusammen. „Aber ich bin ziemlich anspruchslos, weil ich vollkommen mit anderen Dingen ausgefüllt bin. Ich könnte ja alle zwei Tage ins Kino gehen, da bin ich Jahre lang nicht gewesen. Oder ins Theater.“

Blick in die Zukunft

Wenn er einen Blick in die Zukunft der Freizeitangebote im Siegerland wirft, findet er es bedauerlich, dass es keinen Nachwuchs in Vereinen gibt. „Ich weiß aber auch nicht, wie man das Problem lösen könnte.“ Dass viele 30 Euro im Monat für ein Fitnessstudio ausgeben und dort für sich trainieren, versteht Wickel nur bedingt.

„Ich halte Vereine für wichtig. Jahrelang bin ich im Ski- und Turnverein gewesen und jetzt ist es mir wichtig, dass ich mit dem einen oder anderen dort Kontakt habe.“

zum Zukunftsrauschen...
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