Glaube

Christen: „Kirche ist mehr als frommes Leben“

Symbole der drei Religionen Islam, Judentum und Christentum: Ein Koran mit Koranständer, eine Kippa, ein Chanukka-Leuchter, eine Kaaba, ein Kreuz und eine Torarolle.

Symbole der drei Religionen Islam, Judentum und Christentum: Ein Koran mit Koranständer, eine Kippa, ein Chanukka-Leuchter, eine Kaaba, ein Kreuz und eine Torarolle.

Foto: Friso Gentsch

Hagen.   Wie wichtig ist der Glaube noch im 21. Jahrhundert? Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche geben Antworten.

Zum Thema Religion hat sich unser Autor mit Vertretern beider christlicher Konfessionen getroffen. Den Anfang macht Detlef Herbers. Der Diplom-Theologe und stellvertretende Direktor des katholischen Bildungsinstituts „Kommende“ in Dortmund. Im zweiten Teil dieses Textes hat sich unser Autor mit den evangelischen Theologen Birgit Weinbrenner und Martin Treichel vom Institut für Kirche und Gesellschaft in Schwerte-Villigst getroffen.

>>> Katholische Kirche: „Kirche ist mehr als frommes Leben“

„Zukunftsrauschen“ – das Wort gefällt Detlef Herbers. Der Diplom-Theologe und stellvertretende Direktor des katholischen Bildungsinstituts „Kommende“ in Dortmund sagt: „Solches Zukunftsrauschen ist ja gegenwärtig überall zu vernehmen, verbunden mit der grundsätzlichen Frage, wie wir mit dem Wandel umgehen können und sollen.“ Dazu gehört auch ein Wandel der (katholischen) Kirche.

„Seit geraumer Zeit schon kann ich eine neue Haltung innerhalb unserer Kirche feststellen“, so Herbers. „Die Zeit der unangenehmen Selbstgenügsamkeit ist spürbar vorbei. Wir schauen nach vorn, bemüht redlich und offen. Es gilt, die Entfremdung der Menschen von der Kirche aufzuarbeiten. In unserer Glaubwürdigkeit entscheidet sich die Zukunft der Kirche.“

Größere Pastoralverbünde

In der Praxis bedeutet das für Detlef Herbers, dass sich vieles ändern wird, ändern muss. Die Räume der Pastoralverbünde werden ohnehin größer, nicht mehr so engmaschig wie bisher. Gleichzeitig aber treten neue Angebote kirchlichen Engagements in den gesellschaftlichen Vordergrund. Kirchliche Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen, Begegnungsstätten, Notfallseelsorge und andere werden weiter an Bedeutung und Nachfrage gewinnen. „Kirche ist mehr als Kreuz und frommes Leitbild, das müssen wir nachhaltig mit Leben erfüllen“, ist Herbers überzeugt: „Unser Anspruch muss es sein, für Menschlichkeit zu stehen, von der ehrenamtlichen Mitarbeiterebene bis in die Management-Strukturen.“

Der Pfarrer werde künftig wieder mehr als Seelsorger gefragt, Verwaltungsaufgaben müssen im Team bewältigt werden. Was aber wird sich in der katholischen Kirche nicht ändern? Detlef Herbers: „Das Zölibat wird auch noch in den nächsten Jahrzehnten Bestand haben, und auch die Priesterweihe für Frauen wird es nicht geben. Wohl aber mehr Laien in der Kirchenleitung und überhaupt mehr Verantwortung für Frauen im Kirchengefüge.“

Gemeinsames Abendmahl

Und schließlich noch ein Wort zur Ökumene vom katholischen Sozialethiker Detlef Herbers: „Katholische und evangelische Kirche führen ein völlig selbstverständliches Mit- und Nebeneinander, aber für eine Einheit beider Konfessionen gibt es kein Bedürfnis und keine Notwendigkeit. Immerhin aber sehe ich mittelfristig durchaus eine Lösung hinsichtlich eines gemeinsamen Abendmahls. Und wir als ,Kommende’ arbeiten ohnehin seit jeher im besten Sinne ökumenisch.“

>>> Evangelische Kirche: Der Wunsch nach Trost und spiritueller Hilfe

Wohin entwickelt sich die evangelische Kirche in den nächsten Jahrzehnten? Die beiden Theologen Birgit Weinbrenner und Martin Treichel vom Institut für Kirche und Gesellschaft in Schwerte-Villigst – eine Art „Denkfabrik“ der westfälischen Landeskirche – sind da ausgesprochen zuversichtlich.

„In Zeiten, da Kirchenkreise zusammengelegt werden und auch aus demografischen Gründen überall ein Zentralisationsprozess stattfindet, müssen wir uns als Kirche natürlich immer wieder die Fragen stellen, wie viel Service wir noch anbieten können“, sagt Birgit Weinbrenner. Und Martin Treichel ergänzt: „Wir werden sicher insgesamt kleiner werden, aber die Stimme der Kirche bleibt wichtig, wird wohl sogar noch wichtiger innerhalb der säkularen Gesellschaft.“

Verunsichernde Epoche

Gerade in der gegenwärtig so verunsichernden Epoche werde der Wunsch nach Trost und spiritueller Hilfe immer deutlicher. „Man traut den Menschen in der Kirche die entsprechende Kompetenz zu“, so Treichel, „Kirche hat einfach etwas zu sagen und anzubieten, wenn es um existenzielle Situationen geht.“ Auch Birgit Weinbrenner ist überzeugt, dass „Orientierung fürs Leben“ mehr denn je gebraucht wird: „Die Ängste nehmen eher zu, es gibt ein großes Bedürfnis, über sich nachzudenken und über sich hinauszudenken.“

Gelebte Ökumene

All dies wird künftig noch mehr eingebettet sein in eine selbstverständlich gelebte Ökumene. Die Konfessionen spielen bereits heute schon im Alltag praktisch keine Rolle mehr, konstatieren die beiden Theologen. Es gehe vielmehr darum, sich auf einer gemeinsamen christlichen Basis zu verorten: „Die jeweilige Konfession tritt in den Hintergrund.“ Evangelische Kirche von morgen wird sich doppelt aufstellen müssen. Sie will und kann auf gemeindliches Leben nicht verzichten, muss aber gleichzeitig in Bildungseinrichtungen, Akademien und Instituten auf den verschiedensten Themenfeldern gesellschaftspolitische Haltung beweisen.

Martin Treichel: „Der Glaube ist keine Privatsache, sondern das Fundament für soziale Verantwortung.“ Von der Flüchtlingsfrage bis zur Klimadebatte, von der allgemeinen Gerechtigkeit bis zur individuellen Zufriedenheit geht es immer um die Kernfrage: „Wie versuche ich meinen Glauben zu leben?“ Und nicht zuletzt auch deshalb unterstreichen die Villigster Theologen besonders: „Gottesdienste am Sonntag werden ganz bestimmt nicht aufgegeben werden.“

Zum Zukunftsrauschen
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