Familie

Soziologe: "Die Familie ist in einem dramatischen Umbruch"

Der Soziologe Thomas Meyer sieht das Modell Familie in einer "Revolution", aber nicht in der Krise.

Der Soziologe Thomas Meyer sieht das Modell Familie in einer "Revolution", aber nicht in der Krise.

Foto: Uni Siegen

Siegen/Region.  Alleinerziehende, Patchworkfamilien oder Regenbogenfamilien – das klassische Familien-Modell steckt im Umbruch. Was Betroffene dazu sagen.

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Die einen trennen sich, die anderen bekommen keine Kinder. Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden; pro Frau kommen hierzulande 1,59 Kinder zur Welt. Es mag schon einmal schlechter ausgesehen haben für das Modell Familie.

Die absolute Zahl der Scheidungen ist zurückgegangen; die Zahl der Geburten steigt wieder. Aber rosig sind die Aussichten im Vergleich zu früher noch immer nicht. Ist die Familie also ein Auslaufmodell?

Vielfalt: Patchworkfamilien, Alleinerziehende und Regenbogenfamilien

So schwarz sieht Thomas Meyer, Familiensoziologe an der Universität Siegen, nicht. „Aber die Familie ist in einem dramatischen Umbruch – und keiner weiß so recht, wo es hingeht.“

Vater, Mutter und Kinder – der alte bürgerliche Familienbegriff müsse überdacht werden, so Meyer. Stattdessen sei die postmoderne Familie vielfältig: Es gebe Patchworkfamilien und Alleinerziehende sowie Regenbogenfamilien, also homosexuelle Paare, die Kinder großziehen. Mit dem Begriff der bürgerlichen Familie komme man nicht mehr weit. Man brauche eine neue Definition, so Meyer, und wagt eine Formulierung: „Eine mindestens zwei Generationen umfassende Kleingruppe, die auf Solidarität, Nähe und Liebe fußt – mit der Kernfunktion der Fürsorge und Erziehung von Kindern.“

Das Modelll Familie – Revolution, aber keine Krise

150 Jahre habe es im 18. und 19. Jahrhundert gedauert, bis sich die bürgerliche Familie etabliert habe. Nun werde diese Institution binnen weniger Jahrzehnte geschleift. Familie habe lange Zeit als Stabilitätsrest in einer ansonsten dynamischen Gesellschaft gegolten – „dieses Bild muss man korrigieren.“

Wie ein ehemaliger Drogenabhäniger, die Mutter einer Patchwork-Familie, eine Alleinerziehende und ein junger Mann aus dem Heim über Familie denken 

Das sei eine Revolution – „aber keine Krise“, so Meyer. „Der Wunsch nach Nähe und Partnerschaft ist in unserer beschleunigten Gesellschaft sogar noch ausgeprägter als früher, wie empirische Studien zeigen. Und mit der neuen Vielfalt gehen auch viele Chancen einher. Die Gewinner sind Frauen und Mütter.“

Ehemaliger Drogenabhängiger: „Die Familie habe ich mir selbst zerstört“

„Die Familie habe ich mir selbst zerstört“, sagt Jörg König heute. Er hat Drogen genommen, war heroinabhängig. Für die Familie und die eigenen Eltern sei er in dieser Zeit nie da gewesen, habe sich nicht gekümmert. Heute leben Vater und Mutter nicht mehr und zur erwachsenen Tochter, die in Berlin wohnt, hat er kaum Kontakt.

Vor fünf Jahren dann die Kehrtwende, als ein Arzt ihm sagte: „Herr König, Sie sterben.“ Der 47-Jährige machte eine Therapie. Seitdem ist er clean, engagiert sich in der Drogenberatung und gibt Präventionskurse für Jugendliche in Schulen.

Seitdem hat der Mendener auch wieder eine Familie aufgebaut: seine Freunde. „Sie bezeichne ich heute als meine Familie“, sagt er. Denn Familie heißt für ihn Rückhalt auch in schwierigen Situationen. Familie ist „das Vertrauen, dass da jemand ist, wenn man ihn braucht“, erklärt er. Familie sind die Freunde, bei denen er sich auch nachts um zwei Uhr melden kann, wenn er in einer Krise steckt. „Wir passen aufeinander auf.“

Plötzlich Mutter – so läuft das Leben in einer Patchwork-Familie

An Familie hatte sie eigentlich noch gar nicht gedacht. Der Mann, in den sie sich verliebte, hatte zwar zwei Töchter aus erster Ehe. Aber die lebten bei der Mutter. Doch dann einigten sich die Eltern darauf, dass die Mädchen zum ­Vater ziehen sollten – und Natascha Rode hatte von heute auf ­morgen zwei Kinder.

Mittlerweile ist ein drittes Mädchen dazu­gekommen, ihre leibliche Tochter. Aber die Gewissheit, dass das „ihre Familie“ ist, gewann sie erst beim Flug in den ersten großen gemeinsamen Urlaub: „Da wurde mir klar, dass sich drei ­kleine Menschen auf mich verlassen. Das war ein Schlüsselmoment.“ Denn Familie ist für sie ein ­zusammengewürfelter Haufen von Menschen, die sich beieinander wohlfühlen – und vor allem aufeinander achten.

Mittlerweile gehören zur Familie nicht nur Mann und Mädchen, sondern auch die ehemalige Frau ihres Mannes, also die Mutter der beiden Großen. Und deren Mutter, die Großmutter der Mädchen ebenso.

Alleinerziehend: So funktioniert die Familie ohne Vater

Familie – das sind Mutter und Tochter, Hund und zwei Katzen. Aber kein Vater. Veronika Linschmann und ihr Mann haben sich endgültig getrennt, als die Tochter vier Jahre alt war. Der große Traum von der Familie mit Vater, Mutter und Kind war damit geplatzt.

Die Werte, die ihr wichtig sind, konnte sie der Tochter nicht vorleben: zueinander finden, wenn es schwierig ist. „Das war anfangs schwer“, sagt sie. Aber heute fühlt sie durch die Trennung „den enormen Druck von mir genommen zu funktionieren“. Familie, das ist für sie der Ort, wo man sein darf, wie man ist – mit allen Schwächen. Wo man akzeptiert und verstanden wird, wo man sich gegenseitig unterstützt.“

Wenn das Kinderheim die Familie ist

Familie – das ist das Kinderheim. Die Freunde mit denen er dort in Hagen groß geworden ist, und die Erzieher, die sich um ihn kümmerten, erzählt Marko Schulz, der nun in Menden lebt.

Familie – das sind für Marko Schulz vor allem die Werte und die Erziehung. Er erzählt davon, wie sie Weihnachten miteinander verbracht haben, wie sie gemeinsam in Urlaub gefahren sind, Geburtstage gefeiert haben. Er erzählt davon, dass sie freitags aufräumen und putzen mussten. Davon, dass er im Heim gute Vorbilder gefunden hat, so der 28-jährige gelernte Mechatroniker. „Wenn ich eine Familie gründe, dann möchte ich all das weitergeben.“

zum Zukunftsrauschen...
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